Einen schonungslosen Männerfilm hat
Regisseur David Nawrath mit „Atlas“ produziert – und zeigt sich damit als
Regie-Talent.
„Jeder lädt sich seine Last selbst auf“, sagt Walter. Und jeder müsse sie selbst tragen. „Und das hast du dir ganz allein ausgedacht?“, fragt Alfred. Dann nehmen sie beide einen Schluck Bier. Walter und Alfred sind keine Freunde, denn Männer wie Alfred und Walter haben keine Freunde. Sie sind Arbeitskollegen, und das ist schon viel in ihrem Leben. Die beiden arbeiten für eine Spedition: Walter als Möbelpacker, der weg trägt, was wegzutragen ist. Alfred ist beeidigter Gerichtsvollzieher und sorgt für die Wohnungen, die zwangsgeräumt werden sollen und die Walter und seine Kollegen so wortkarg wie mitleidlos ausräumen. Was geht es sie an, wenn da einer sein Heim verliert? Besonders Walter hat sich einen Panzer aus Ignoranz, Gefühllosigkeit und Phlegma zugelegt. Denn er möchte keinen Ärger. Er möchte sich in nichts einmischen. Er möchte am besten gar nichts spüren. Und so könnte ein Tag wie der andere vergehen. Doch dann geraten die Dinge ins Wanken. Zum einen stößt Moussa zu der Gruppe, Mitglied eines arabischen Clans, der mit seiner Unbeherrschtheit und Brutalität selbst die abgestumpften Möbelpacker erschreckt. Und dann entdeckt Walter in dem jungen Mann, der sich der Räumung seiner Wohnung diesmal erwehren kann, seinen Sohn Jan. Er hat ihn als Vierjährigen zum letzten Mal gesehen.
Walter weiß, dass Jan keine Chance hat. Die Wohnung, in der
er mit Frau und Kind wohnt, ist die letzte bewohnte in einem lukrativen
Altbauhaus, das nach der Räumung für das Fünffache seines Preises den Besitzer
wechseln soll. Moussa sagt: „Ich kümmere mich darum.“ Und dass die anderen die
Füße stillhalten sollen. „Atlas“ von David Nawrath ist ein direkter,
schonungsloser und deshalb genauer Männerspielfilm; ein Film, der tief
eintaucht in eine Welt, deren Bewohner ihre Gefühle weggesperrt haben; ein Film
auch, der endlich einmal nicht im routiniert neurotischen Mittelschichtsmilieu
angesiedelt ist. Und immer, wenn man beim Zuschauen und auch Mitbangen kurz
denkt, nun werde das anbahnende Vater-Sohn-Drama sich doch klischeehaft bis
trivial entwickeln, nimmt der Film elegant die Kurve und wartet mit einer
unerwarteten Wendung auf. Auf dass man atemlos bis zum Schluss zuschaut, um zu
erfahren: Kann ein Mensch aus seiner Haut schlüpfen? Und was wird der Preis
dafür sein?
Rainer Bock, der seine Schauspielkarriere in den
1980er-Jahren am Schleswig-Holsteinischen Landestheater begann, den der Cineast
aus „Das weiße Band“ und der Fernsehzuschauer aus Serien wie „Bella Block“
kennt, spielt die Figur des Walter zunächst beeindruckend stoisch. Das Haar
struppig, dazu unrasiert, müde wie erschöpft, wird er sich jedoch entscheiden
müssen, was nun geschehen soll: Hilft er Jan? Stellt er sich offen gegen seine
Kollegen? Gibt er sich gar als Jans Vater zu erkennen? Oder trägt er wie der
Titan Atlas aus der griechischen Mythologie stur das Geschehen auf seinen
Schultern, unberührt davon, wie es den Menschen zu seinen Füßen ergeht? Mit
seinem Langfilm-Debüt zeigt David Nawrath, dass hier ein neues Regie-Talent die
Filmbühne betritt. Und Filme, die einen gekonnt durchrütteln, die erschüttern,
aber nicht mit einer schnellen Lösung zu beruhigen versuchen, können wir alle
gut gebrauchen.
„Atlas“: Deutschland 2018, 100 Minuten, ab 12 Jahren, jetzt
in den Kinos.
Erschienen in der Evangelischen Zeitung vom 28.4.19