Im Trippelschritt durch die Tristesse

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Die Kieler Stadtgalerie zeigt neue finnische Kunst. Dabei beeindrucken vor allem die dokumentarisch angelegten Fotoserien

Foto: Marja Helander

VON FRANK KEIL

Es beginnt beklemmend, und wer sich für aktuelle – um nicht zu sagen: junge – Kunst aus Finnland interessiert, den hat es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Kieler Stadtgalerie verschlagen. Nun ist erneut eine Art Sammelausstellung zu sehen, die vom Titel her den Bogen zwischen poetischer Offenlegung und fast soziologischer Bestandsaufnahme zu spannen sucht: „An der Nordkante. Der Mensch in der finnischen Gegenwartskunst“.

Es ist eine Ausstellung, die sich langsam, aber sicher warmläuft. Wer anfangs vielleicht etwas unentschlossen und verhalten auf der Suche nach einem verbindenden Faden durch die Räume schlurft, wird erleben, wie er nach und nach von wachsender Begeisterung gepackt wird – so viel sei jedenfalls versprochen.

Den Anfang macht zunächst die etwas spröde Arbeit „pro and contra“ von Halinen Kaisaleena, die uns einen raumfüllenden, halbhohen Holzkasten mitten in den Weg gestellt hat. Darauf drapiert: Köpfe. Köpfe wie abgeschlagen, Köpfe aus Beton gegossen. Aber zugleich sind diese Betonköpfigen wie von wollenem Stoff überzogen. Man denkt an Ski- oder Motorradmasken, denkt schnell weiter an Sturmhauben, wie sie weltweit von Spezialkräften über das jeweilige Gesicht gezogen werden, mal im Guten, mal im Bösen, dient das Nicht-erkannt-werden-Wollen doch Schutzsuchen und Schrecken verbreiten gleichermaßen.

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Wer die Last trägt

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Einen schonungslosen Männerfilm hat Regisseur David Nawrath mit „Atlas“ produziert – und zeigt sich damit als Regie-Talent.

„Jeder lädt sich seine Last selbst auf“, sagt Walter. Und jeder müsse sie selbst tragen. „Und das hast du dir ganz allein ausgedacht?“, fragt Alfred. Dann nehmen sie beide einen Schluck Bier. Walter und Alfred sind keine Freunde, denn Männer wie Alfred und Walter haben keine Freunde. Sie sind Arbeitskollegen, und das ist schon viel in ihrem Leben. Die beiden arbeiten für eine Spedition: Walter als Möbelpacker, der weg trägt, was wegzutragen ist. Alfred ist beeidigter Gerichtsvollzieher und sorgt für die Wohnungen, die zwangsgeräumt werden sollen und die Walter und seine Kollegen so wortkarg wie mitleidlos ausräumen. Was geht es sie an, wenn da einer sein Heim verliert? Besonders Walter hat sich einen Panzer aus Ignoranz, Gefühllosigkeit und Phlegma zugelegt. Denn er möchte keinen Ärger. Er möchte sich in nichts einmischen. Er möchte am besten gar nichts spüren. Und so könnte ein Tag wie der andere vergehen. Doch dann geraten die Dinge ins Wanken. Zum einen stößt Moussa zu der Gruppe, Mitglied eines arabischen Clans, der mit seiner Unbeherrschtheit und Brutalität selbst die abgestumpften Möbelpacker erschreckt. Und dann entdeckt Walter in dem jungen Mann, der sich der Räumung seiner Wohnung diesmal erwehren kann, seinen Sohn Jan. Er hat ihn als Vierjährigen zum letzten Mal gesehen.

Walter weiß, dass Jan keine Chance hat. Die Wohnung, in der er mit Frau und Kind wohnt, ist die letzte bewohnte in einem lukrativen Altbauhaus, das nach der Räumung für das Fünffache seines Preises den Besitzer wechseln soll. Moussa sagt: „Ich kümmere mich darum.“ Und dass die anderen die Füße stillhalten sollen. „Atlas“ von David Nawrath ist ein direkter, schonungsloser und deshalb genauer Männerspielfilm; ein Film, der tief eintaucht in eine Welt, deren Bewohner ihre Gefühle weggesperrt haben; ein Film auch, der endlich einmal nicht im routiniert neurotischen Mittelschichtsmilieu angesiedelt ist. Und immer, wenn man beim Zuschauen und auch Mitbangen kurz denkt, nun werde das anbahnende Vater-Sohn-Drama sich doch klischeehaft bis trivial entwickeln, nimmt der Film elegant die Kurve und wartet mit einer unerwarteten Wendung auf. Auf dass man atemlos bis zum Schluss zuschaut, um zu erfahren: Kann ein Mensch aus seiner Haut schlüpfen? Und was wird der Preis dafür sein?

Rainer Bock, der seine Schauspielkarriere in den 1980er-Jahren am Schleswig-Holsteinischen Landestheater begann, den der Cineast aus „Das weiße Band“ und der Fernsehzuschauer aus Serien wie „Bella Block“ kennt, spielt die Figur des Walter zunächst beeindruckend stoisch. Das Haar struppig, dazu unrasiert, müde wie erschöpft, wird er sich jedoch entscheiden müssen, was nun geschehen soll: Hilft er Jan? Stellt er sich offen gegen seine Kollegen? Gibt er sich gar als Jans Vater zu erkennen? Oder trägt er wie der Titan Atlas aus der griechischen Mythologie stur das Geschehen auf seinen Schultern, unberührt davon, wie es den Menschen zu seinen Füßen ergeht? Mit seinem Langfilm-Debüt zeigt David Nawrath, dass hier ein neues Regie-Talent die Filmbühne betritt. Und Filme, die einen gekonnt durchrütteln, die erschüttern, aber nicht mit einer schnellen Lösung zu beruhigen versuchen, können wir alle gut gebrauchen.

„Atlas“: Deutschland 2018, 100 Minuten, ab 12 Jahren, jetzt in den Kinos.

Erschienen in der Evangelischen Zeitung vom 28.4.19

Die Zentrale des Terrors

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Der Gedenkort „Stadthaus“ in Hamburg ist eine Blamage. Im Stuttgarter „Hotel Silber“ ist zu sehen, wie es hätte werden können.

Es ist ein Gründerzeithaus der Stuttgarter Innenstadt, nur ein paar Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt. In der Dorotheenstraße Nummer 10 steht das ehemalige „Hotel Silber“, das ab 1933 Zentrale der Politischen Polizei Stuttgarts und ab 1936 Leitstelle der Gestapo war. Seit dem vergangenen Dezember beherbergt es einen Erinnerungsort.

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