BuchhandlungWelt_Bild

Anschlag auf die Wirklichkeit

Hamburg, Marktstraße 12 – das wurde in den Siebzigern zur Adresse der Avantgarde. Eine Erinnerung an Hilka Nordhausens legendäres Kunstprojekt „Buch Handlung Welt“.

Drei Stufen ging es hoch zur Buch Handlung Welt. Marktstraße 12, im Hamburger Karolinenviertel. Ein kleines Handwerker- und Arbeiterquartier, eingezwängt zwischen Heiligengeistfeld, Messegelände und Schlachthofhallen. Hinter der Kasse saß eine Frau mit Brille und halblangen, glatten Haaren, die den Eintretenden je nach Tagesform mal mürrisch, mal mäßig freundlich anschaute. Und die sich dann wieder wortlos in irgendeine Schrift vertiefte.

Um sie herum fragile Regale, die unter der Last der Kunstkataloge und Bildbände zusammenzubrechen drohten, dazu Unmengen an Drucken, Heften, Broschüren, Taschenbüchern, die in wirren Stapeln halbhohe Tische bedeckten. Und nicht zuletzt saßen und standen da die notorischen Gäste – Kunden wäre das definitiv falsche Wort –, die alles schon gelesen hatten, was man lesen musste, und die sich alle untereinander zu kennen schienen und jeden Nichteingeweihten mit offensiver Nichtbeachtung straften.

„Ich kam 1977 als unwissender Junge aus der Kasseler Provinz und landete unter völlig eingebildeten, hochnäsigen Kunststudenten, welche die Buchhandlung quasi bewohnten“, sagt der Übersetzer und zeitweilige Verleger Michael Kellner, der damals bei der Buch Handlung Welt mitmachen wollte.

Gegründet hatte sie ein Jahr zuvor die Künstlerin Hilka Nordhausen. Sie war 1949 in Hamburg zur Welt gekommen, hatte eine Drogistenlehre gemacht, sich dann aber der Kunst verschrieben. Bei Gerhard Rühm und Franz Erhard Walther studierte sie, verabschiedete sich von der Malerei und wandte sich der Konzeptkunst zu. Ihr Laden sollte alles andere als eine klassische Buchhandlung werden. „Buch Handlung Welt war mein Anschlag auf die Wirklichkeit“, schrieb sie später rückblickend in einer Art Manifest. „Wir wollten ›action‹ in den Kunstmief bringen, die Macht der Galerien brechen.“

Ihr Angebot konzentrierte sich auf Dadaismus, Surrealismus, Bauhaus, Pop-Art und Fluxus, auf die Strukturalisten und Poststrukturalisten und die Postmodernen. Davon gab es dann jeweils alles, noch aus den kleinsten Verlagen und entlegensten Pressen der Welt, während das Unterhaltsame und Konsumierbare konsequent fehlte. Dazu kamen die Lesungen, Kunstaktionen, die Filme.

 

Jeden Monat gab es neue Kunst für die Wände

 

Einmal im Monat wurde eine der Stirnwände bearbeitet: Albert Oehlen und Werner Büttner, frisch von der Akademie, fertigten hier ihre erste gemeinsame Arbeit; Martin Kippenberger stieß bald hinzu. Charly Wüllner und Norbert Schwontkowski nahmen sich die Wand vor, ebenso Walter Dahn und Jiří Georg Dokoupil. Illuster auch die Namen der Vortragenden: Vlado Kristl zum Beispiel (der mit seiner vierstündigen Lesung noch den letzten willigen Besucher vertrieb), Jane Kerouac kam vorbei, Ted Joans und Anne Waldman lasen und natürlich Allen Ginsberg. 105 Lesungen, 27 Filmabende, 19 Performances gab es vor der ständig sich wandelnden Wand; am Ende waren es 82 murale Werke.

Künstlergruppen tagten und trennten sich wieder; Karrieren starteten oder verliefen im Sande. Kurzum, die Buch Handlung Welt war für Jahre ein energetisch aufgeladener Experimentierclub, auf der Suche nach dem Neuen, dem Anderen – während die bürgerlichen Kunstfreunde noch dabei waren, diesen Beuys zu verdauen. Und bevor mit den Jungen Wilden und ihrer Malerei ein nächstes, vergleichsweise übersichtliches Kapitel aufgeschlagen wurde.

Die „Welt“ lockte interessante Nachbarn an: Drei Straßenecken weiter eröffnete mit dem Rip off 1979 einer der ersten Punkplattenläden der Republik. Das andere Epizentrum wurde die Kneipe Marktstube. Hier formierten sich Bands wie Abwärts (deren erste, wegweisende LP bezeichnenderweise Amok/Koma heißt). Auch der Musiker Holger Hiller, Gründer von Palais Schaumburg, wohnte im Viertel; ebenso Alfred Hilsberg, der später das Wort von der „Neuen Deutschen Welle“ prägte und Bands wie Einstürzende Neubauten veröffentlichte.

 

Ein Fotokopierer für die Selbstverleger

 

Nebenan lebte auch der hoffnungsvolle Filmemacher Oliver Hirschbiegel: „Dem habe ich damals Baudrillards Merve-Heftchen Cool Killer – Der Aufstand der Zeichen verkauft, und heute macht er Zeug wie Der Untergang und Diana! Schon seltsam“, sagt Ulrich Dörrie, aufgewachsen im Emsland, der im Sommer 1981 einstieg. Und die Künstlerin Bettina Sefkow, bald mit Hilka Nordhausen eng befreundet (und heute ihre Nachlasshüterin), blickt ein wenig melancholisch auf das Viertel zurück: „Es gab Brandmauern und Brachen; es gab noch keine Graffiti, keine Plakatwände, die heute so selbstverständlich sind – du hast damals jeden Flyer neu erfunden.“

Denn noch etwas sorgte für Schwung, ein Gerät: Der Fotokopierer trat in das Leben der Künstler. „Wir hatten plötzlich ein Produktionsmittel in der Hand“, lacht Dörrie. Wer etwas sagen oder zeigen wollte und wem das Verhandeln mit den Verlagen zu zeitraubend war, musste nicht mehr Wachsmatrizen mit Spiritus tränken, musste nicht mehr in Offset-Druckereien um einen Preisnachlass betteln. Er konnte einfach machen.

„Neu! Fotokopie: –,50″ stand etwa in krakeliger Schreibschrift im Frühjahr 1978 auf der Fensterscheibe der Buchhandlung. Und drinnen fand sich alles, was es an Selbstverlegtem zwischen Freiburg und Flensburg gab, an Fanzines, an gehefteten Gedichtbändchen und selbst gebastelten Kunsteditionen. Etwa dreihundert verschiedene mehr oder weniger regelmäßig erscheinende Publikationen sollen zwischenzeitlich ausgelegen haben. Je seltsamer, desto lieber: die Loose Blätter Sammlung aus Kassel gehörte dazu, Der Gummibaum oder Gasoline 23 aus Frankfurt, Der fröhliche Tarzan aus Köln, die Ulcus Molle Info vom Bottroper Kommissariat für den literarischen Underground nicht zu vergessen.

Doch wer sollte das alles kaufen? Wer sich in der Buch Handlung Welt eindeckte, stand oft selbst am nächsten Tag am Kopierer und fertigte irgendetwas, das dann in der Buch Handlung Welt angeboten wurde. Es war, als würden sich dreihundert Friseure treffen, um sich gegenseitig die Haare zu schneiden. „Dieser WIDERLICHE buchladen liegt in einer noch widerlicheren seitenstraße im bezaubernden KAROLINENVIERTEL und ist total eingeschneit. Diese woche der tägliche umsatz zwischen 10 und 30 demark IHR OBEROCHSEN“, schrieb Nordhausen etwa im Winter 1979 einem Buchvertrieb, der es wagte, Bezahlung anzumahnen.

Und doch hatte sich die Adresse herumgesprochen. Von überall her kamen Kenner, um hier rare Bücher zu entdecken. Allerdings gab es beim Kauf Regeln zu beachten. Als ein Herr mit Goldrandbrille und C-4-Sakko, einen Bildband aus venezianischem Kleinstverlag in der Hand, zu handeln versuchte, schwieg Nordhausen nur und knurrte dann zurück: „Für dich Arsch kostet es das Doppelte.“

 

1.000 Mark aus dem Nichts

 

Andere Möglichkeiten, zur Querfinanzierung besser Betuchten das Geld abzunehmen, wurden ignoriert. „Als sich Dieter Roth ankündigte, ein Wandbild zu gestalten, haben sie zu Hilka gesagt: ›Mensch, da legst du eine Folie drunter, da malt dann der Roth was drauf, hinterher löst du die Folie ab, verkaufst die, dann ist dein Laden saniert.‹ Aber da kannten die ihre Hilka schlecht!“, erzählt Übersetzer Kellner. Ihr Konzept war das der unverkäuflichen Kunst. Im Gegenzug wurde niemand im Laden bezahlt. „Doch!“, sagt Kellner. „Einmal habe ich 1.000 Mark bekommen; irgendwer war zu Geld gekommen und hat es in die ›Welt‹ gesteckt.“ Er denkt nach, fragt dann: „Wovon habe ich damals eigentlich gelebt?“

Nach sieben Jahren mussten Nordhausen und ihre Mitstreiter einsehen: Die „Welt“ war pleite. Man probierte noch, Remittenden von Suhrkamp und anderen Taschenbuchverlagen zu verhökern, aber das machten damals alle Buchläden, besonders die links und rechts der Hamburger Uni. „Hilka hat zuletzt noch versucht, eine ausgebildete Buchhändlerin mit ins Boot zu holen. Die kam aus dem eher traditionell linksfeministischen Bereich – die beiden Frauen haben sich getroffen, haben sich angeschaut und gesagt: ›Das lassen wir mal lieber‹ “, erzählt Dörrie. „Das Ganze war zu sehr Kunst, und wir waren alle keine Geschäftsleute.“

Im Dezember 1983 kam dann der Ausverkauf. „So konnten wenigstens die Rechnungen der Lieferanten bezahlt werden, und Hilka ist ohne Schulden rausgekommen“, sagt Dörrie. Es endete mit einem letzten Kunstwerk: Hubert Kiecol, heute Professor an der Düsseldorfer Akademie, fräste drei lebensgroße Figuren in die immer wieder übermalte Wand und arbeitete sich so durch die Biografie der Buchhandlung. Silvester war alles vorbei.

Hilka Nordhausen ging nach Köln und weiter nach Berlin, schrieb, zeichnete, konzipierte und näherte sich wieder der Malerei an. Eine Krebserkrankung warf sie nieder, sie starb am 1. Dezember 1993, nur 44 Jahre alt. Da war ihr vielleicht schönstes Werk schon seit zehn Jahren Geschichte.

 

Schmelztiegel von Literatur, Kunst und Film

 

Für Uwe Schneede, langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle und Ende der siebziger Jahre Leiter des dortigen Kunstvereins, wurde in der Marktstraße tatsächlich Geschichte gemacht. „Was mich dort besonders faszinierte, war das Beieinander von Literatur, bildender Kunst und Film.“ Also holte er Mitglieder der in der „Welt“ beheimateten Künstlergruppe „Boa Vista“ in sein Haus: „Beim ersten Mal waren alle sehr betrunken, aber beim zweiten Mal war es eine spannende und sehr exakte Mischung aus Lesung, Performance und Konzert, die man so vorher noch nicht erlebt hatte.“

Heute, wie könnte es anders sein, residiert in den einstigen Räumen eine Boutique; aus der legendären Marktstube wurde ein Bioladen, und das ganze Viertel mit seinen Design- und Modeläden gilt inzwischen als Touristenmeile. Doch die Buch Handlung Welt, drei Stufen hoch, ist unvergessen und für die Nachgeborenen längst eine Legende.

 

Erschienen in Die Zeit vom 31.12.2014