{"id":93,"date":"2014-01-20T16:33:15","date_gmt":"2014-01-20T14:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/neu\/?p=93"},"modified":"2014-10-12T19:26:42","modified_gmt":"2014-10-12T17:26:42","slug":"der-rueckblicker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=93","title":{"rendered":"Der R\u00fcckblicker"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als Stadtarchivar von Ratzeburg k\u00fcmmert sich Christian Lopau um Jubil\u00e4en, Stolpersteine und Fl\u00fcchtlingsschicksale<\/strong><\/p>\n<p>Bevor er den Kaffee in die Tassen gie\u00dft, muss Herr Lopau erstmal erz\u00e4hlen, was ihm gerade passiert ist. Also &#8211; da erreicht ihn aus Frankreich eine Nachricht, dass man dort auf die sterblichen \u00dcberreste eines deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gesto\u00dfen sei: ein Soldat aus dem lauenburgischen Ratzeburg, wie dessen Kennmarke ergeben habe. Nun liegt dort ganz in der N\u00e4he auf einem Friedhof bereits ein Soldat aus Ratzeburg beerdigt. Anfrage daher: K\u00f6nnte es sein, dass die beiden vielleicht verwandt sind? Handelt es sich um Br\u00fcder? Wenn ja, dann k\u00f6nnte man den gefundenen Soldaten zu dem schon beerdigten Soldaten mit ins Grab legen.<\/p>\n<p><strong>Spekulieren geht nicht<\/strong><br \/>\nLeider hat Christian Lopau, Stadtarchivar von Ratzeburg, in seinen Unterlagen keine entsprechenden Hinweise finden k\u00f6nnen: Zwar hatte jener beerdigte Soldat tats\u00e4chlich Br\u00fcder, mehrere sogar, wie dessen Familienstammdaten ergeben h\u00e4tten. Aber wo welcher Bruder damals im Krieg war und ob \u00fcberhaupt &#8211; das lie\u00dfe sich beim besten Willen nicht sagen. &#8222;Und man muss ja genau sein&#8220;, sagt Herr Lopau. Spekulieren, das sei nicht sein Handwerkszeug.<\/p>\n<p>Christian Lopau residiert in einem strahlend wei\u00dfen Bau auf der Ratzeburger Insel, gleich neben dem Rathaus. &#8222;Demolierung&#8220; hei\u00dft die Stra\u00dfe, was erstmal ulkig klingt, aber nichts anderes als den Abriss der dortigen Festung w\u00e4hrend der Franzosenzeit benennt.<\/p>\n<p>Betritt man die Archivr\u00e4ume, wechselt man die Welt: Es riecht nach B\u00fccherstaub, die Luft ist sehr trocken, man h\u00f6rt f\u00f6rmlich das vorsichtige Umbl\u00e4ttern von br\u00fcchigem Papier schwerer Folianten und im selben Moment steht die Zeit still, damit man sie untersuchen kann. Und da sitzt er hinter seinem Bildschirm, durchaus \u00fcberschaubare Stapel an B\u00fcchern, Brosch\u00fcren und Unterlagen links und rechts neben sich.<\/p>\n<p>Er kommt hier aus dem Kreis, sei hier verwurzelt. Aufgewachsen in einem Dorf bei B\u00fcchen, Schule in M\u00f6lln, dann in Ratzeburg, Abitur. Auch zum Studieren ging es nicht allzu weit weg &#8211; nach Hamburg; Literatur und Geschichte wurden es.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Schwerpunkt: filmische Umsetzungen von Literatur \u00fcber den Ersten Weltkrieg, er macht seinen Magister, will schreiben, w\u00fcnscht sich eine Anstellung in einem Verlag, aber nichts will richtig klappen. Eher halbherzig setzt er sich an eine Doktorarbeit, hadert mit gelegentlichen Uni-Jobs, wohin soll das ganze f\u00fchren? Bis er eines Tages von einer halben Stelle im Archiv in M\u00f6lln liest: nur eine Aufwandsentsch\u00e4digung g\u00e4be es, daf\u00fcr freie Zeiteinteilung. &#8222;Ich hab gedacht: Drei Tage dieser Job, dann hast du vier Tage f\u00fcr deine wissenschaftliche Forschung, das passt doch&#8220;, sagt Lopau damals und heute.<\/p>\n<p>Und merkt, was f\u00fcr einen Spa\u00df das Arbeiten im Archiv ihm bald macht. Viel mehr als an der Uni. ,Uni, das war&#8217;s&#8216;, sagt er schlie\u00dflich, erst recht, als das Archiv aus M\u00f6lln und das Archiv aus Ratzeburg in eine Archivgemeinschaft zusammengef\u00fchrt werden sollen. Nun hat er eine ganze Stelle, man wird damit nicht reich, aber es rechnet sich.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe diesen Schritt weg von der Uni nie bereut&#8220;, sagt er. &#8222;Es ist eine wunderbare Arbeit. Mal sehr ruhig, dann sitze ich hier tagelang allein, und dann wieder bin ich st\u00e4ndig unterwegs und nur unter Menschen.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zugang zur Gegenwart<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Steht ein Stadtjubil\u00e4um zu feiern an, sorgt er f\u00fcr die geschichtlich korrekten Hintergr\u00fcnde. Er rekonstruiert Familienlebensl\u00e4ufe, recherchiert f\u00fcr Stolpersteine, er wertet die Bauzeichnungen einzelner Geb\u00e4ude aus, und er ist auch p\u00e4dagogisch t\u00e4tig: Gerade betreut er ein Sch\u00fclerprojekt zum Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Auch einen Zugang zur Gegenwart gibt es, wie im letzten Herbst, als der bundesweite &#8222;Tag des Fl\u00fcchtlings&#8220; vor der T\u00fcr stand: Vor Ort organisiert von verschiedenen, meist kirchlichen Initiativen, mit der klaren Intention, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge zu wecken, die da dieser Tage aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan auch nach Ratzeburg kamen. Lopaus Beitrag: zu schauen, was f\u00fcr Fluchterfahrungen aus anderen Jahrhunderten sich in seinem Archiv finden lie\u00dfen, die man m\u00f6glicherweise den heutigen Fluchterlebnissen von Menschen gegen\u00fcberstellen k\u00f6nnte. Naheliegend ist es, Fluchterfahrungen vor und nach dem Kriegsende 1945 zu betrachten: &#8222;Wie sind wir damals mit Menschen umgegangen, die auf der Flucht waren und die zu uns kamen? Das zu erfahren, ist doch spannend.&#8220;<\/p>\n<p>Dazu hat er ein pers\u00f6nliches Erlebnis, vor einigen Jahren, ein Jahrestag des Kriegsendes: &#8222;Es war ein Gespr\u00e4chsabend in der Vorstadt, in der viele ehemalige Fl\u00fcchtlinge aus den Ostgebieten heute leben. Die erz\u00e4hlten, wie man sie damals aufgenommen hat: ,Die haben uns hier wie Dreck behandelt.&#8216; Das hat mir die Augen ge\u00f6ffnet.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erfolgreiche Integration<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lopau z\u00e4hlt n\u00fcchtern auf: &#8222;Ratzeburg hatte vor 1945 6.500 Einwohner &#8211; danach waren es 13.000. Genauso war es in M\u00f6lln und auf den umliegenden D\u00f6rfern auch.&#8220; Trotz aller Spannungen und langer Vorbehalte gegen die Fremden aus dem Osten habe am Ende die Integration geklappt. &#8222;Im Vergleich zu damals, sind wir doch heute in einer komfortablen Situation&#8220;, sagt Lopau. &#8222;Wir h\u00e4tten es leicht, zu teilen.&#8220;<\/p>\n<p>Lopau geht kurz zur\u00fcck in die Geschichte: in den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, als sich die Menschen aus dem gepl\u00fcnderten und v\u00f6llig zerst\u00f6rten Magdeburg nach Ratzeburg retteten. Erw\u00e4hnt die Wirren der napoleonischen Kriege, als sich immer wieder Einzelne aus den sich aufl\u00f6senden Heeren absetzten und hier eine neue Zukunft suchten. Nicht zuletzt w\u00e4re da Ratzeburg selbst: 1693 wird es von d\u00e4nischen Truppen beschossen, ganze f\u00fcnf H\u00e4user und der Dom bleiben stehen, die Menschen hausen in den Ruinen &#8211; und sie fl\u00fcchten etwa nach L\u00fcbeck und sind heilfroh, dass man sie dort aufnimmt, bis der Wiederaufbau der Stadt beginnt. &#8222;Man muss den Menschen heute sagen: Ohne eine Zuwanderung, ohne Migration, ohne Fachkr\u00e4fte, die sagen: ,Wir gehen von zu Hause weg&#8216;, entwickelt sich nichts&#8220;, sagt Lopau.<\/p>\n<p>Gewiss, es g\u00e4be noch immer ausl\u00e4nderfeindliche T\u00f6ne, die einem Angst machten. Doch auch hier helfe der Blick zur\u00fcck, um zu w\u00fcrdigen, was schon passiert sei. So ging es ihm, als er in Vorbereitung der Gedenkveranstaltungen zum zwanzigsten Jahrestag der Brandanschl\u00e4ge im benachbarten M\u00f6lln vom 23. November 1992 in sein Archiv stieg: &#8222;Ich habe mir die damalige Berichterstattung aus dem halben Jahr davor angeschaut, also vom Sommer bis zum November. Wenn ich da nachlese, was damals aus der Kommunalpolitik und den Gemeinden heraus zu h\u00f6ren war, wie da von ,Asylbetrug&#8216; und ,Asylantenschwemme&#8216; gesprochen wurde und wie dort ein Bedrohungspotenzial aufgebaut wurde &#8211; ja, ist es eigentlich ein Wunder, was dann an Gewaltausbr\u00fcchen passiert ist?&#8220;<\/p>\n<p>Solche Stimmen seien seiner Einsch\u00e4tzung nach heute nicht mehr m\u00f6glich. Und er verweist auf den runden Tisch der Stadt Ratzeburg, der sich gegr\u00fcndet habe, um den heutigen Fl\u00fcchtlingen zu helfen, und auf welch breite Unterst\u00fctzung der unter den B\u00fcrgern und in der Politik z\u00e4hlen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Genug des Blicks zur\u00fcck? Christian Lopau, der Geschichtsforscher, der Ratzeburger, hat noch eine Geschichte auf Lager, die wiederum vom Spannungsfeld der harten Fakten und dem Fingerspitzengef\u00fchl, dem siebten Sinn, aber auch dem Engagement erz\u00e4hlt, das ein Stadtarchivar haben muss, will er das Leben der Menschen nicht nur erforschen, sondern bei aller professionellen Distanz auch auf seine ganz eigene Weise begleiten: Als viele der ehemaligen, ins Deutsche Reich verschleppten Zwangsarbeiter ab den 1980er Jahren ins Rentenalter kamen, ben\u00f6tigten sie Nachweise, wo und wann genau sie zur Arbeit gezwungen worden waren: &#8222;Ich bekam eine Anfrage von einem Mann, der wusste nicht mehr den Namen des Bauern, bei dem er arbeiten musste. Und er wusste auch nicht mehr den Namen des Dorfes, in dem das gewesen war. Aber er konnte beschreiben, wie das Dorf ausgesehen hat; dass es dort zwei kleinere Seen oder gr\u00f6\u00dfere Teiche gegeben habe, wo das Kriegerdenkmal stand und dass von dort aus vier Wege abgingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hilfe vor Ort<\/strong><\/p>\n<p>Der Mann konnte eine ungef\u00e4hre Streckenangabe machen, wie weit es nach M\u00f6lln w\u00e4re. Und was habe ich gemacht? Ich bin an einem Nachmittag mit dem Auto rumgefahren, hab mir die D\u00f6rfer auf seine Beschreibung hin angeguckt &#8211; und ich hab das Dorf und den Hof gefunden und wir konnten ihm ganz amtlich bescheinigen, dass er hier gewesen ist.&#8220;<\/p>\n<p>Lopau nimmt einen letzten Schluck Kaffee und strahlt \u00fcbers Gesicht: &#8222;Das sind H\u00f6hepunkte, das sind Glanzpunkte meiner Arbeit &#8211; und ich sage dann immer zu mir: Ach, sch\u00f6n, dass ich das miterleben kann.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Erschienen in Taz Nord vom 15.7.2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Stadtarchivar von Ratzeburg k\u00fcmmert sich Christian Lopau um Jubil\u00e4en, Stolpersteine und Fl\u00fcchtlingsschicksale Bevor er den Kaffee in die Tassen gie\u00dft, muss Herr Lopau erstmal erz\u00e4hlen, was ihm gerade passiert ist. 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