{"id":90,"date":"2014-08-20T16:32:16","date_gmt":"2014-08-20T14:32:16","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/neu\/?p=90"},"modified":"2019-04-19T15:20:54","modified_gmt":"2019-04-19T13:20:54","slug":"mann-war-das-ein-geiler-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=90","title":{"rendered":"\u201eMann, war das ein geiler Sommer!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fr\u00fcher war nicht unbedingt alles besser. Aber fr\u00fcher gab es den Sperrm\u00fcll. Alle drei Monate stellte man seinen ausrangierten Krempel auf die Stra\u00dfe \u2013 und schaute, was die anderen dazupackten. Eine Erinnerung an ein rauschendes Fest im Sommer 1983.<\/strong><br \/>\nAch Sperrm\u00fcll! War das damals wunderbar. Alle waren bei Einbruch der D\u00e4mmerung auf den Beinen, zogen durch ihren Stadtteil auf der Suche nach Sch\u00e4tzen, nach irgendetwas Brauchbarem oder auch nur, um zu staunen, was die Leute einmal im Quartal so alles wegwarfen, das man doch noch gut gebrauchen konnte oder das einfach schrill und lustig war.<\/p>\n<p>Erst war es ein kleiner Haufen, der sich an irgendeiner Stra\u00dfenecke bildete. Dann wurde er nach und nach gr\u00f6\u00dfer, kam pl\u00f6tzlich ins Rutschen, wurde sofort gest\u00fctzt durch weitere Matratzen, Schrankw\u00e4nde, Lampenschirme, Klobecken oder Bettgestelle. Dazwischen jede Menge Krimskrams \u2013 Geschirr, Kleidung, Gardinen. Mit etwas Gl\u00fcck konnte man alles beherzt auf einen gefundenen Kinderwagenuntersatz packen, selbst wenn der nur noch drei R\u00e4der hatte, und nach Hause fahren.<\/p>\n<p>Klar, es ging auch ums Geldsparen. Ich wohnte damals auf St. Pauli in einer Wohngemeinschaft, wir waren meistens gut gelaunt, aber das Geld war eher knapp. St\u00e4ndig war etwa die Waschmaschine kaputt. Und welch Wunder, wenn wie bestellt der Nachbar eine Waschmaschine hinaustrug und halblaut zu uns sagte: \u201eNehmen Sie die ruhig mit, die tut\u2019s noch, aber meine Frau wollte unbedingt eine neue.\u201c Und w\u00e4hrend er aufst\u00f6hnte, die Augen verdrehte, packten wir schon an und hatten wieder 100 D-Mark gespart, die so ein Teil beim Elektrotr\u00f6dler gekostet h\u00e4tte. Und dann der Triumph gegen\u00fcber den anderen Sperrm\u00fcllsuchern, die zu sp\u00e4t um die Ecke kamen und so taten, als w\u00fcrden sie sich \u00fcber einen zerschlissenen L\u00e4ufer freuen, der zwischen Brettern und Matratzen hervorlugte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSperrm\u00fcll, 1983\u201c hei\u00dft ein neues Fotobuch des Hamburger Fotografen Thomas Henning, der mit seinen Bildb\u00e4nden \u201eStra\u00dfenfotos \u2013 Hamburg um 1975\u201c und \u201eSchanze, 1980\u201c so trefflich den Wandel unserer innenst\u00e4dtischen Viertel dokumentiert hat. Nun hat er erneut sein Fotoarchiv gesichtet und Farbfotos aus dem Sommer 1983 hervorgeholt.<\/p>\n<p>Damals fuhr er mit seinem Mini Cooper abends kreuz und quer durch die Stadt, hielt in Altona und auf St. Pauli, beobachtete aber auch in M\u00fcmmelmannsberg oder den Elbvororten die Menschen, wie sie begeistert durch den Sperrm\u00fcll zogen: Junge und Alte, Urhamburger und frisch Eingewanderte, Amateure und Profis, die sich den Sperrm\u00fcllhaufen stets mit einer Taschenlampe n\u00e4herten und die Handschuhe trugen. \u201eIm Karolinenviertel flogen schon mal die Matratzen aus dem Fenster\u201c, erinnert sich Thomas Henning. \u201eUnd St. Georg war noch ein sehr spannender, sehr durchmischter Stadtteil.\u201c \u00dcberhaupt: Im Vergleich zu heute sei Hamburg noch schwer proletarisch gewesen.<\/p>\n<p>\u201eMann, war das ein geiler Sommer\u201c, sagt er pl\u00f6tzlich. Es sei eine Superstimmung gewesen. Und alle, die er abbilden wollte, lie\u00dfen sich ohne zu z\u00f6gern fotografieren. Er schaut auf seine Fotos, zeigt auf die Gehwege, die Stra\u00dfen und es f\u00e4llt sofort auf, wie ruhig und gelassen die Stadt wirkt: \u201eObwohl \u00fcberall Sperrm\u00fcll lag, war es f\u00fcr mich zum Beispiel nie ein Problem, einen Parkplatz zu finden. Das ist heute bei dem Verkehr und der dichten Bebauung undenkbar.\u201c<\/p>\n<p>Er selbst sei damals nicht der typische Sperrm\u00fcllsammler gewesen, dennoch sind ihm diese bis heute keinesfalls fremd: \u201eFotografen wie ich verhalten sich nicht gro\u00df anders als die Sperrm\u00fcllsucher. Wir sind auf der Suche nach Sch\u00e4tzen, die andere achtlos liegen lassen, und heben sie.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach ja \u2013 die Sch\u00e4tze! Man stie\u00df beim Kramen nicht nur auf jede Menge Tische, St\u00fchle oder kleine Schr\u00e4nkchen mit verzierten Leisten, die wir mitnahmen in der Vorstellung, wir k\u00f6nnten sie gebrauchen. Oft war in beigestellten Kartons oder abgeschabten Kunstlederkoffern auch \u00fcberaus Pers\u00f6nliches zu entdecken: Briefe, Fotoalben, Diak\u00e4sten, wo uns unbekannte Menschen zeigten, wie sie 1963 vorm Hermannsdenkmal standen oder zehn Jahre sp\u00e4ter in der Altstadt von Palma de Mallorca. Super-Acht-Filme von Kindergeburtstagen oder Ausfl\u00fcgen nach Hagenbeck erlaubten Einblicke in fremde Leben.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen Stapel Kassetten, auf denen ein Mann mit m\u00fcder, br\u00fcchiger, aber trotzdem zorniger Stimme sein Leben nacherz\u00e4hlte. Er hatte sich offenbar mit seiner ganzen Familie \u00fcberworfen. Selbst auf einer Beerdigung hatte er seinen Kassettenrekorder mitlaufen lassen: Man h\u00f6rte den Singsang des Pfarrers und unterdr\u00fccktes Schluchzen, das in der Kapelle sehr nachhallte. Ein Klicken, die Aufnahme war beendet, eine kurze Pause, dann sprach wieder der Mann: \u201eDiese scheinheilige Bande, verrecken sollen sie! Alle!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1983 war \u2013 auch das sieht man sofort auf Hennings Bildern \u2013 ein \u00fcberaus hei\u00dfer Sommer; ein Jahrhundertsommer mit Temperaturrekorden. Es ist ein intensives, besonderes Jahr: Helmut Kohl gewinnt im Fr\u00fchjahr die Wahl, die Gr\u00fcnen ziehen erstmals in den Bundestag ein. Der \u201eStern\u201c ver\u00f6ffentlicht die Hitler-Tageb\u00fccher, die Bundesregierung vermittelt der DDR einen Milliardenkredit, Udo Lindenberg tritt im Palast der Republik auf und mehr als eine Million Menschen demonstrieren im Herbst gegen den NATO-Doppelbeschluss: \u201eHei\u00dfer Herbst\u201c wird folglich das Wort des Jahres. In Hamburg wird die Rockergruppe \u201eHells Angels\u201c verboten und ihr Vereinslokal in der Schanzenstra\u00dfe dank des gr\u00f6\u00dften Polizeieinsatzes der Nachkriegszeit geschlossen. Aus der Deponie Georgswerder sickern Dioxine ins Grundwasser und Hamburg hat seinen bis heute gr\u00f6\u00dften Umweltskandal, der HSV gewinnt die Deutsche Fu\u00dfballmeisterschaft. Und der Sommerhit des Jahres war \u201eSunshine Reggae\u201c von dem heute l\u00e4ngst vergessenen Popduo Laid Back, der mit seinem banalen, aber swingenden Refrain so gut passte, wenn wir noch sp\u00e4t in der Nacht nur im T-Shirt und in abgeschnittenen Jeans unterwegs waren, mit dem Sperrm\u00fcllkalender in der Hand, der uns den Weg in das richtige Viertel wies. Wobei Sperrm\u00fcll nicht nur ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr uns Erwachsene war: Es war auch ein Paradies f\u00fcr die Kinder, die sich mit den gefundenen Sachen verkleideten, die auf Matratzen turnten oder auf den damals modischen Sitzs\u00e4cken herumsprangen, bis sie platzten und die Styroporkugeln nur so \u00fcber den Gehweg rollten. \u201eMan durfte Sachen kaputtmachen\u201c, sagt Thomas Henning mit einer gewissen Inbrunst in der Stimme.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es den Morgen danach: Wenn wir das des Nachts im Flur Abgestellte nun in der N\u00fcchternheit des Tageslichtes betrachteten und es schleunigst wieder runter auf die Stra\u00dfe zu den auseinandergetretenen Sperrm\u00fcllbergen brachten. Wo wir uns nat\u00fcrlich sofort wieder umschauten: Denn es gab diese Leute, die morgens in aller Fr\u00fche ganz heimlich ihren Sperrm\u00fcll zum Sperrm\u00fcll brachten, weil sie aus irgendwelchen Gr\u00fcnden nicht wollten, dass man in ihren Sachen w\u00fchlte \u2013 gewisserma\u00dfen die Nachlese.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann kamen sie und machten alles kaputt. Man h\u00f6rte schon von Weitem das Brummen des M\u00fcllwagens und das Ger\u00e4usch, wenn die Hydraulik angeworfen wurde, die Presse sich in Gang setzte und Holz zersplitterte, Glas zerbrach und Metall sich verbog. Die Party war zu Ende.<\/p>\n<p>Heute f\u00e4hrt man seinen Sperrm\u00fcll jeweils f\u00fcr sich alleine auf einen Recyclinghof, wo das Mitgebrachte in aller N\u00fcchternheit in verschiedene Wertstoffkategorien eingeteilt wird (und wehe, man legt Holz in den Container mit dem Elektroschrott!). Das ist bestimmt sinnvoll, und ich will da gar nichts gegen sagen. Aber es ist so vern\u00fcnftig, so durchdacht und auch ein wenig langweilig. Denn mit den Sperrm\u00fclln\u00e4chten ist auch so vieles andere verschwunden: die Autoschrauber in den Hinterh\u00f6fen, die Drogerien mit ihrem Krimskrams, die W\u00e4schestangen, an denen die Bettw\u00e4sche flatterte, die Brachen, wo Jugendliche in aller Ruhe Unsinn machen und sich ausprobieren konnten und die heute ausnahmslos bebaut sind. Thomas Henning sagt: \u201eWollen wir denn in einer Stadt wohnen, die aussieht wie die Bildschirmoberfl\u00e4che eines Rechners, wo der M\u00fcll in einem Ordner versteckt ist?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den letzten Jahren habe ich manchmal einen M\u00fcllwagen gesehen, der mit Stofftieren drapiert war. Gro\u00dfe, kleine, blitzeblaue oder b\u00e4renbraune Stofftiere klemmten hinter der Sto\u00dfstange oder im Gest\u00e4nge, wo man die M\u00fcllcontainer einrastet, um sie leerzusch\u00fctteln. Eben noch in einem Kinderzimmer zu Hause, dann in den M\u00fcll geworfen und nun fuhren sie stolz durch die Stadt, denn \u2013 da bin ich ganz sicher \u2013 in jedem t\u00e4towierten und muskelbepackten M\u00fcllwerker steckt ein kleiner Junge und damit ein Sucher und ein Retter. Aber auch dieser M\u00fcllwagen, als letzter Gru\u00df aus paradiesischen Zeiten des Sperrm\u00fclls, ist inzwischen verschwunden. So vieles verschwindet; ich finde, eine gewisse Melancholie ist da durchaus angebracht. Thomas Henning schlie\u00dft seinen Laptop, auf dem er seine Bilder gespeichert h\u00e4lt, atmet tief ein und sagt zum Abschluss: \u201eDabei macht doch das Chaos das Leben interessant, nicht das Geordnete.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Henning: Sperrm\u00fcll, 1983; Junius Verlag, 112 Seiten, 19,90 Euro.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erschienen in Hinz&amp;Kunzt, Ausgabe 254, April 2014.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war nicht unbedingt alles besser. 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