{"id":87,"date":"2014-08-20T16:31:35","date_gmt":"2014-08-20T14:31:35","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/neu\/?p=87"},"modified":"2019-04-19T15:19:48","modified_gmt":"2019-04-19T13:19:48","slug":"notaufnahme-ist-super","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=87","title":{"rendered":"&#8222;Notaufnahme ist super!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Gespr\u00e4ch mit dem Mediziner Dr. Johannes Wimmer \u00fcber seine drei-Minuten-Videos, Sex trotz k\u00fcnstlichem H\u00fcftgelenk und einen \u00f6sterreichischen Bergbauern.<\/strong><\/p>\n<p><em>Erstmal bin ich verwirrt: In der medizinischen Praxis sind Sie &#8222;Dr. Wimmer&#8220;, im Netz aber &#8222;Dr. Johannes&#8220;.Wie kommt&#8217;s?<\/em><\/p>\n<p>Die Idee f\u00fcr &#8222;Dr. Johannes&#8220; kam, weil das der Scherzbegriff ist, wenn Freunde, Bekannte oder Kollegen mal was brauchen. Die sagen dann nicht: &#8222;Dr. Wimmer&#8220;, die sagen auch nicht &#8222;Johannes&#8220;, die sagen &#8222;Dr. Johannes&#8220;. Mir gef\u00e4llt das, denn es dr\u00fcckt die N\u00e4he aus, die oft zwischen Arzt und Patient fehlt. So gesehen ist &#8222;Dr. Johannes&#8220; f\u00fcr alle da und nicht nur f\u00fcr die Nachbarn, f\u00fcr die ich nachts zur Notapotheke fahre, weil die sagen: &#8218;Notaufnahme? Muss das sein?&#8216; Und so m\u00f6chte ich sein, ich bin ja auch sehr ansprechbar \u00fcber die sozialen Medien wie Twitter, Facebook, und als &#8222;Dr. Johannes&#8220; stelle ich mich auch auf meinem Videoblogg vor. Bei der Anrede &#8222;Dr. Wimmer&#8220; f\u00fchle ich mich wie auf einem Podest, so wahnsinnig weit weg. Und nur &#8222;Johannes&#8220;, das ist wiederum zu nah, denn es geht ja schon ums \u00e4rztliche, wenn mir jemand twittert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Sie fahren f\u00fcr Ihre Nachbarn zur Notapotheke? Sie trennen nicht strikt Beruf und Privat?<\/em><\/p>\n<p>Ich mache das, was ich tue so, weil ich auch als Privatperson so bin. Ich bin frei Schnauze und bin auch gerne f\u00fcr Leute da. Ich behandele ja andere Menschen so, wie ich selber behandelt werden m\u00f6chte. Ich versuche allerdings die Familie rauszuhalten. F\u00fcr meine Frau ist diese \u00d6ffentlichkeit, die ich suche, gar nichts. Aber unsere Dackel, die d\u00fcrfen mit aufs Foto. Gestern war bei einer unserer T\u00f6chter eine Mandel-OP, da habe ich ein Foto gepostet, wie sie da liegt mit der Braun\u00fcle in der Hand, einfach um das zu zeigen und ich habe dazu auch geschrieben, wie ich mich gef\u00fchlt habe: Als Arzt und Papa ist man manchmal nur Papa. Und ich schreibe das auch, weil ich wei\u00df, es kommt viel N\u00e4he und Menschliches zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00c4rztliche Heilkunst und Internet, nicht jeder kriegt das zusammen. Wie geht&#8217;s?<\/em><\/p>\n<p>Vorneweg: Die Patientenreise beginnt heute online. Es zwickt was &#8211; und man fragt Dr. Google, was das sein k\u00f6nnte. Und ganz typisch und menschlich: Die Menschen suchen mich nachts um drei. Die k\u00f6nnen mich ja auch tags\u00fcber anrufen oder anschreiben. Aber sie sind dann unterwegs, wenn keiner da ist, wenn es mit der Ablenkung nicht mehr klappt, wenn die \u00c4ngste gro\u00df sind. Und dann freuen sie sich: Da spricht einer mit mir. Da ist einer da. Auch wenn es ein Video ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wie sind Sie \u00fcberhaupt zur Medizin gekommen?<\/em><\/p>\n<p>Ach, ich hab mich erstmal nicht getraut. Weil ich dachte, ich bin zu doof. Ich hab mein Abitur mit Kunst- und Englischleistungskurs gerade so hingebogen, alle Naturwissenschaften hatte ich vorher abgew\u00e4hlt. Aber dieses Handwerk in der Medizin! Meine Mutter kommt von einem kleinen Bauernhof im M\u00fcnsterland, alle aus der Familie sind Handwerker und dieser Lebensart des Anpackens, des Machens und auch mal etwas derbe sagen, dem f\u00fchlte ich mich immer sehr verbunden &#8211; und nicht der akademischen Welt. Ich hatte mich erst f\u00fcr Volkswirtschaft eingetragen und bin bei den Medizinern nur so mitgeschluppt. Bis mir einer von den Medizinstudenten sagte: &#8218;Das, was wir machen, kann auch ein Affe im Anzug. Du musst dich nur hinsetzen und ackern und lernen.&#8216; Das hab ich dann gemacht: hab&#8216; n\u00e4chtelang Chemie durchgeackert. War \u00fcberhaupt nicht meins &#8211; aber ich habe mir gesagt: Irgendwo ist das Licht. Das Licht am Ende des Tunnels! Chemie, Physik, Anatomie, Biochemie &#8211; das sind Werkzeuge, die muss man k\u00f6nnen. Und so sage ich das heute jungen Leuten: Ihr m\u00fcsst das machen, was euch Spa\u00df macht! Nur dann setzt ihr euch mal eine Nacht lang hin und oder b\u00fcffelt eine Woche lang f\u00fcr irgendwelche Pr\u00fcfungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Und was hat Sie dann ins Internet gezogen?<\/em><\/p>\n<p>Das kam aus einer gewissen Not heraus. Ich habe in Hamburg jahrelang in verschiedenen Krankenh\u00e4usern und Praxen gearbeitet, unter anderem in einer kleinen radiologischen Stadtteilpraxis in Barmbek. Da kamen so richtige Barmbeker Typen, die auch mal \u00fcber ihre Probleme sprechen wollten &#8211; aber ich merkte: Ich habe gar keine Zeit. Obwohl ich bei einem Radiologen gearbeitet habe, der sagte: &#8218;Ich sch\u00fcttel jedem Patienten die Hand! Egal ob privat oder nicht.&#8216; Ich hab dann angefangen den Leuten schnell zu erkl\u00e4ren, was ihr Problem ist, um ihnen dann zu sagen: &#8218;Wenn Sie zu Ihrem behandelden Arzt zur\u00fcckgehen, stellen Sie ihm bitte diese und jene Frage.&#8216; Und irgendwann habe ich gemerkt: Ich erz\u00e4hle ja immer das Gleiche. Was ich sage, ist f\u00fcr 90 Prozent aller meiner Patienten g\u00fcltig. Idealerweise w\u00fcrde da ein Bildschirm h\u00e4ngen, wo all das schon mal erkl\u00e4rt wird. Und ich als Arzt bin dann f\u00fcr die zehn Prozent zust\u00e4ndig, die bei jedem unterschiedlich sind und habe genau daf\u00fcr genug Zeit. Und diese medizinischen Grundlagen versuche ich in meinem Video-Blogg zu vermitteln, in drei-Minuten-Videos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Und Sie sind gleichzeitig in der realen Welt als Arzt t\u00e4tig?<\/em><\/p>\n<p>Im Prinzip ja, im Moment nicht. Ich habe bis November in einer kleinen Hamburger Klinik gearbeitet, aber nun sind wir noch mal Eltern geworden, und ich mache gerade Elternzeit. Unsere Kleine ist jetzt f\u00fcnf Monate alt und wenn es Richtung Kita geht, werde ich mir sicher neben meiner Internetpraxis wieder einen Job suchen, denn ich vermisse das jetzt schon. Meine Idealwoche sieht so aus: zwei, drei Tage in irgendeiner Klinik sein, aber tagesaktuell arbeiten. Vielleicht Radiologie, doch so wie ich es will und nicht irgendwo in einem Keller im Akkord die R\u00f6ntgenbildern runterrocken. Oder Notfallmedizin. Notaufnahme ist \u00fcberhaupt super!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Notaufnahme ist super?<\/em><\/p>\n<p>Es ist wahnsinnig intensiv und unmittelbar. Sie erleben das menschliche Wesen pur. Ich bin in S\u00fcdafrika in den Townships Notarzt gefahren, da war das einzige, was ich bei mir hatte, eine Sauerstoffflasche. Also, du f\u00e4hrst in ein Township, die Polizei biegt vorher ab, sagt nur: &#8218;Ihr fahrt da jetzt rechts weiter, wir nicht und viel Gl\u00fcck&#8216;. Und dann kommst du in eine Wellblechh\u00fctte, da sitzen 30 Leute, in der Mitte das Familienoberhaupt, eine \u00e4ltere Frau auf einer Art Thron und und vor ihr ein M\u00e4dchen, das hat gerade einen richtig schweren epileptischen Anfall. Und dann sagt man dir: &#8218;Die ist vom Tokoloshe besessen&#8216;. Tokoloshe das ist so ein kleiner, zwerg\u00e4hnlicher Teufel, deswegen schlafen die Menschen in leicht erh\u00f6hten Betten, damit er sie nicht befallen kann. Ich wusste nur: Ich muss dieses M\u00e4dchen entstigmatisieren! Damit sie aus dem Krankenhaus zur\u00fcck in die Familie kann; damit es nicht hei\u00dft: &#8218;Das ist eine Befallene!&#8216; Ich hab dann so getan, als h\u00e4tte sie eine Verletzung und nicht einen Anfall; ich wei\u00df gar nicht mehr, wie ich das hingekriegt habe! Jedenfalls, das ist dann richtig Medizin: Mit nix in der Hand die Situation akzeptieren, so wie sie ist &#8211; und handeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00dcberhaupt nicht so dramatisch, daf\u00fcr recht lustig ist Ihr aktuelles Video zu Sex bei k\u00fcnstlichen H\u00fcftgelenken. Was hat Sie zu diesem Thema gef\u00fchrt?<\/em><\/p>\n<p>Mir tun die Menschen so leid! Es ist ein Schei\u00dfthema! Erst d\u00fcrfen die Menschen nach der OP ewig nicht und wenn sie dann d\u00fcrfen, dann d\u00fcrfen sie nur in einer Stellung und zwar f\u00fcr immer. Und es spricht keiner mit ihnen dr\u00fcber! Dann versuche ich doch lieber mit den Menschen dar\u00fcber zu lachen, auch um ihnen zu vermitteln: Lieber eingeschr\u00e4nkter Sex mit k\u00fcnstlicher H\u00fcfte, als gar kein Sex, weil die H\u00fcfte so weh tut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Sie sprechen in Ihren Videos durch die Kamera ja nicht nur zu den Patienten, sondern immer auch zu Ihren Kollegen &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ich werde manchmal von \u00c4rzteportalen wie DocCheck oder Medscape angefragt. Dann sage ich denen: Ich m\u00f6chte nicht ein Video f\u00fcr den Arzt machen und danach eines f\u00fcr den Patienten, sondern wenn, dann muss es f\u00fcr beide sein. Der Gedanke ist ja: die Distanz verringern. Ich will das \u00c4rzte und Patienten zusammenkommen. Daf\u00fcr h\u00fcpfe ich sonstwo rum, sei es RTL-Explosiv oder auch im Tele-Shopping. Weil: Da ist die Frau in der Mark Brandenburg, ganz hinten links. Die hat nur ihren Fernseher. Mit der spricht keiner. Und wenn ich ihr etwas Medizinisches auf unterhaltsame Weise erkl\u00e4ren kann, etwa, was ein grippaler Infekt und was eine Grippe ist, was spricht dagegen? Ich m\u00f6chte lieber zehn Prozent Inhaltstiefe f\u00fcr 100 Prozent erkl\u00e4ren, als 100 Prozent f\u00fcr zehn Prozent. Das muss man nicht gut finden, wird auch kontrovers diskutiert, aber das ist mein Weg. Mein Motto ist: Medizin ist Hausverstand! Deswegen muss es jeder verstehen und dann kann es auch jeder anwenden. Es bringt doch nichts, wenn ich einem Patienten mein Wissen auflade, der das aber nicht versteht, der hat ja nicht Medizin studiert. Es gibt Untersuchungen, dass Patienten nur ein Drittel des Gespr\u00e4ches mit ihrem Arzt verstehen. Ja, wie soll sie dann dessen Ratschl\u00e4ge umsetzen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ihre Videos sind von verbl\u00fcffender Einfachheit ohne technischen Firlefanz: Sie sprechen in die Kamera wie zu einer Person. Und Sie gehen auch mal kurz aus dem Bild, um eine Skizze zu holen, kommen dann wieder, halten die ins Bild &#8230; <\/em><\/p>\n<p>Ich nutze die Technik, aber ich mag sie nicht. Sie ist auch nicht wichtig. Mein Stativ hab ich zur standesamtlichen Hochzeit vor ein paar Jahren geschenkt gekriegt; als Kamera habe ich einen kleinen Camcorder, so ein 300-Euro-Ding, das man bei Ebay heute bestimmt f\u00fcr 40 Euro kriegt. Wichtiger ist: Ich lese nicht ab. Ablesen ist ein Albtraum, man kommt da so dr\u00f6ge r\u00fcber. Das Schlimme ist, wenn Sie die erste Male in eine Kamera sprechen, dann sprechen Sie wie ein Tagesschausprecher, ganz automatisch. Und das muss man sich abtrainieren. Dass ich so frei sprechen kann wie in dem H\u00fcft-Video, das ist das erste mal ein Video, wo ich sage: Damit bin ich zufrieden. Da hatte ich einen guten Tag. Da war ich gel\u00f6st.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ich muss gestehen, mich hat Ihr Video sehr ber\u00fchrt, wo es um das \u00dcberbringen von schlechten Nachrichten geht. Sie bekennen eben \u00f6ffentlich, dass Sie auch manchmal Rotz und Wasser heulen, wenn vor Ihnen ein Patient sitzt, dem man nicht mehr wird helfen k\u00f6nnen &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Wir sollten uns als Mediziner nicht wegdrehen, wenn es vielleicht mehr um den Tod als um das Leben geht, auch wenn das viele Kollegen so machen. Wir m\u00fcssen versuchen auch dann Worte zu finden, wenn es besonders schwer f\u00e4llt. Ich hab ja sp\u00e4ter in Wien studiert, war dort in der Uniklinik t\u00e4tig und zu uns kamen manchmal so richtig die Bergbauern. Ich erinnere, wir hatten einen Patienten, der hatte ganz schlechte Chancen, wo man sich fragen musste: OP &#8211; wollen wir die machen oder nicht? 25 Prozent Letalit\u00e4tschance. Da muss der Patient schon sagen, ob er es machen will oder nicht. Aber der Mann konnte das nicht. Der war furchtbar durcheinander, der hat \u00fcberhaupt nichts mehr gecheckt, so ist das manchmal und das geschieht nie aus b\u00f6sem Willen. Und unser Chefarzt, schnicke angezogen, goldene Kn\u00f6pfe am wei\u00dfen Kittel, was hat der gemacht? Der hat den so richtig in Arm genommen und in breitem \u00d6sterreichisch gesagt: &#8218;Geh, Hubert, h\u00f6rst&#8216;: Was wir machen, ist ne harte Geschicht&#8216;; schafft nur einer aus vieren, aber bei dir packen wir&#8217;s! Solln wir&#8217;s machen?&#8216;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Und?<\/em><br \/>\n&#8218;Ja, machen wir&#8216;, hat der Hubert gesagt. Und so muss es sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Johannes Wimmer betreibt das Internetportal <\/em><a href=\"http:\/\/www.doktor-johannes.de\/\">www.doktor-johannes.de<\/a><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Erschienen in Taz Nord vom 19.4.2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit dem Mediziner Dr. Johannes Wimmer \u00fcber seine drei-Minuten-Videos, Sex trotz k\u00fcnstlichem H\u00fcftgelenk und einen \u00f6sterreichischen Bergbauern. Erstmal bin ich verwirrt: In der medizinischen Praxis sind Sie &#8222;Dr. Wimmer&#8220;, im Netz aber &#8222;Dr. Johannes&#8220;.Wie kommt&#8217;s? 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