{"id":84,"date":"2014-08-20T16:30:24","date_gmt":"2014-08-20T14:30:24","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/neu\/?p=84"},"modified":"2019-03-13T15:06:48","modified_gmt":"2019-03-13T13:06:48","slug":"anschlag-auf-die-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=84","title":{"rendered":"Anschlag auf die Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hamburg, Marktstra\u00dfe 12 \u2013 das wurde in den Siebzigern zur Adresse der Avantgarde. Eine Erinnerung an Hilka Nordhausens legend\u00e4res Kunstprojekt &#8222;Buch Handlung Welt&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Drei Stufen ging es hoch zur Buch Handlung Welt. Marktstra\u00dfe 12, im Hamburger Karolinenviertel. Ein kleines Handwerker- und Arbeiterquartier, eingezw\u00e4ngt zwischen Heiligengeistfeld, Messegel\u00e4nde und Schlachthofhallen. Hinter der Kasse sa\u00df eine Frau mit Brille und halblangen, glatten Haaren, die den Eintretenden je nach Tagesform mal m\u00fcrrisch, mal m\u00e4\u00dfig freundlich anschaute. Und die sich dann wieder wortlos in irgendeine Schrift vertiefte.<\/p>\n<p>Um sie herum fragile Regale, die unter der Last der Kunstkataloge und Bildb\u00e4nde zusammenzubrechen drohten, dazu Unmengen an Drucken, Heften, Brosch\u00fcren, Taschenb\u00fcchern, die in wirren Stapeln halbhohe Tische bedeckten. Und nicht zuletzt sa\u00dfen und standen da die notorischen G\u00e4ste \u2013 Kunden w\u00e4re das definitiv falsche Wort \u2013, die alles schon gelesen hatten, was man lesen musste, und die sich alle untereinander zu kennen schienen und jeden Nichteingeweihten mit offensiver Nichtbeachtung straften.<\/p>\n<p>&#8222;Ich kam 1977 als unwissender Junge aus der Kasseler Provinz und landete unter v\u00f6llig eingebildeten, hochn\u00e4sigen Kunststudenten, welche die Buchhandlung quasi bewohnten&#8220;, sagt der \u00dcbersetzer und zeitweilige Verleger Michael Kellner, der damals bei der Buch Handlung Welt mitmachen wollte.<\/p>\n<p>Gegr\u00fcndet hatte sie ein Jahr zuvor die K\u00fcnstlerin Hilka Nordhausen. Sie war 1949 in Hamburg zur Welt gekommen, hatte eine Drogistenlehre gemacht, sich dann aber der Kunst verschrieben. Bei Gerhard R\u00fchm und Franz Erhard Walther studierte sie, verabschiedete sich von der Malerei und wandte sich der Konzeptkunst zu. Ihr Laden sollte alles andere als eine klassische Buchhandlung werden. &#8222;Buch Handlung Welt war mein Anschlag auf die Wirklichkeit&#8220;, schrieb sie sp\u00e4ter r\u00fcckblickend in einer Art Manifest. &#8222;Wir wollten \u203aaction\u2039 in den Kunstmief bringen, die Macht der Galerien brechen.&#8220;<\/p>\n<p>Ihr Angebot konzentrierte sich auf Dadaismus, Surrealismus, Bauhaus, Pop-Art und Fluxus, auf die Strukturalisten und Poststrukturalisten und die Postmodernen. Davon gab es dann jeweils alles, noch aus den kleinsten Verlagen und entlegensten Pressen der Welt, w\u00e4hrend das Unterhaltsame und Konsumierbare konsequent fehlte. Dazu kamen die Lesungen, Kunstaktionen, die Filme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jeden Monat gab es neue Kunst f\u00fcr die W\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Einmal im Monat wurde eine der Stirnw\u00e4nde bearbeitet: Albert Oehlen und Werner B\u00fcttner, frisch von der Akademie, fertigten hier ihre erste gemeinsame Arbeit; Martin Kippenberger stie\u00df bald hinzu. Charly W\u00fcllner und Norbert Schwontkowski nahmen sich die Wand vor, ebenso Walter Dahn und Ji\u0159\u00ed Georg Dokoupil. Illuster auch die Namen der Vortragenden: Vlado Kristl zum Beispiel (der mit seiner vierst\u00fcndigen Lesung noch den letzten willigen Besucher vertrieb), Jane Kerouac kam vorbei, Ted Joans und Anne Waldman lasen und nat\u00fcrlich Allen Ginsberg. 105 Lesungen, 27 Filmabende, 19 Performances gab es vor der st\u00e4ndig sich wandelnden Wand; am Ende waren es 82 murale Werke.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlergruppen tagten und trennten sich wieder; Karrieren starteten oder verliefen im Sande. Kurzum, die Buch Handlung Welt war f\u00fcr Jahre ein energetisch aufgeladener Experimentierclub, auf der Suche nach dem Neuen, dem Anderen \u2013 w\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Kunstfreunde noch dabei waren, diesen Beuys zu verdauen. Und bevor mit den Jungen Wilden und ihrer Malerei ein n\u00e4chstes, vergleichsweise \u00fcbersichtliches Kapitel aufgeschlagen wurde.<\/p>\n<p>Die &#8222;Welt&#8220; lockte interessante Nachbarn an: Drei Stra\u00dfenecken weiter er\u00f6ffnete mit dem Rip off 1979 einer der ersten Punkplattenl\u00e4den der Republik. Das andere Epizentrum wurde die Kneipe Marktstube. Hier formierten sich Bands wie Abw\u00e4rts (deren erste, wegweisende LP bezeichnenderweise Amok\/Koma hei\u00dft). Auch der Musiker Holger Hiller, Gr\u00fcnder von Palais Schaumburg, wohnte im Viertel; ebenso Alfred Hilsberg, der sp\u00e4ter das Wort von der &#8222;Neuen Deutschen Welle&#8220; pr\u00e4gte und Bands wie Einst\u00fcrzende Neubauten ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Fotokopierer f\u00fcr die Selbstverleger<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nebenan lebte auch der hoffnungsvolle Filmemacher Oliver Hirschbiegel: &#8222;Dem habe ich damals Baudrillards Merve-Heftchen Cool Killer \u2013 Der Aufstand der Zeichen verkauft, und heute macht er Zeug wie Der Untergang und Diana! Schon seltsam&#8220;, sagt Ulrich D\u00f6rrie, aufgewachsen im Emsland, der im Sommer 1981 einstieg. Und die K\u00fcnstlerin Bettina Sefkow, bald mit Hilka Nordhausen eng befreundet (und heute ihre Nachlassh\u00fcterin), blickt ein wenig melancholisch auf das Viertel zur\u00fcck: &#8222;Es gab Brandmauern und Brachen; es gab noch keine Graffiti, keine Plakatw\u00e4nde, die heute so selbstverst\u00e4ndlich sind \u2013 du hast damals jeden Flyer neu erfunden.&#8220;<\/p>\n<p>Denn noch etwas sorgte f\u00fcr Schwung, ein Ger\u00e4t: Der Fotokopierer trat in das Leben der K\u00fcnstler. &#8222;Wir hatten pl\u00f6tzlich ein Produktionsmittel in der Hand&#8220;, lacht D\u00f6rrie. Wer etwas sagen oder zeigen wollte und wem das Verhandeln mit den Verlagen zu zeitraubend war, musste nicht mehr Wachsmatrizen mit Spiritus tr\u00e4nken, musste nicht mehr in Offset-Druckereien um einen Preisnachlass betteln. Er konnte einfach machen.<\/p>\n<p>&#8222;Neu! Fotokopie: \u2013,50&#8220; stand etwa in krakeliger Schreibschrift im Fr\u00fchjahr 1978 auf der Fensterscheibe der Buchhandlung. Und drinnen fand sich alles, was es an Selbstverlegtem zwischen Freiburg und Flensburg gab, an Fanzines, an gehefteten Gedichtb\u00e4ndchen und selbst gebastelten Kunsteditionen. Etwa dreihundert verschiedene mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig erscheinende Publikationen sollen zwischenzeitlich ausgelegen haben. Je seltsamer, desto lieber: die Loose Bl\u00e4tter Sammlung aus Kassel geh\u00f6rte dazu, Der Gummibaum oder Gasoline 23 aus Frankfurt, Der fr\u00f6hliche Tarzan aus K\u00f6ln, die Ulcus Molle Info vom Bottroper Kommissariat f\u00fcr den literarischen Underground nicht zu vergessen.<\/p>\n<p>Doch wer sollte das alles kaufen? Wer sich in der Buch Handlung Welt eindeckte, stand oft selbst am n\u00e4chsten Tag am Kopierer und fertigte irgendetwas, das dann in der Buch Handlung Welt angeboten wurde. Es war, als w\u00fcrden sich dreihundert Friseure treffen, um sich gegenseitig die Haare zu schneiden. &#8222;Dieser WIDERLICHE buchladen liegt in einer noch widerlicheren seitenstra\u00dfe im bezaubernden KAROLINENVIERTEL und ist total eingeschneit. Diese woche der t\u00e4gliche umsatz zwischen 10 und 30 demark IHR OBEROCHSEN&#8220;, schrieb Nordhausen etwa im Winter 1979 einem Buchvertrieb, der es wagte, Bezahlung anzumahnen.<\/p>\n<p>Und doch hatte sich die Adresse herumgesprochen. Von \u00fcberall her kamen Kenner, um hier rare B\u00fccher zu entdecken. Allerdings gab es beim Kauf Regeln zu beachten. Als ein Herr mit Goldrandbrille und C-4-Sakko, einen Bildband aus venezianischem Kleinstverlag in der Hand, zu handeln versuchte, schwieg Nordhausen nur und knurrte dann zur\u00fcck: &#8222;F\u00fcr dich Arsch kostet es das Doppelte.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1.000 Mark aus dem Nichts<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andere M\u00f6glichkeiten, zur Querfinanzierung besser Betuchten das Geld abzunehmen, wurden ignoriert. &#8222;Als sich Dieter Roth ank\u00fcndigte, ein Wandbild zu gestalten, haben sie zu Hilka gesagt: \u203aMensch, da legst du eine Folie drunter, da malt dann der Roth was drauf, hinterher l\u00f6st du die Folie ab, verkaufst die, dann ist dein Laden saniert.\u2039 Aber da kannten die ihre Hilka schlecht!&#8220;, erz\u00e4hlt \u00dcbersetzer Kellner. Ihr Konzept war das der unverk\u00e4uflichen Kunst. Im Gegenzug wurde niemand im Laden bezahlt. &#8222;Doch!&#8220;, sagt Kellner. &#8222;Einmal habe ich 1.000 Mark bekommen; irgendwer war zu Geld gekommen und hat es in die \u203aWelt\u2039 gesteckt.&#8220; Er denkt nach, fragt dann: &#8222;Wovon habe ich damals eigentlich gelebt?&#8220;<\/p>\n<p>Nach sieben Jahren mussten Nordhausen und ihre Mitstreiter einsehen: Die &#8222;Welt&#8220; war pleite. Man probierte noch, Remittenden von Suhrkamp und anderen Taschenbuchverlagen zu verh\u00f6kern, aber das machten damals alle Buchl\u00e4den, besonders die links und rechts der Hamburger Uni. &#8222;Hilka hat zuletzt noch versucht, eine ausgebildete Buchh\u00e4ndlerin mit ins Boot zu holen. Die kam aus dem eher traditionell linksfeministischen Bereich \u2013 die beiden Frauen haben sich getroffen, haben sich angeschaut und gesagt: \u203aDas lassen wir mal lieber\u2039\u200a&#8220;, erz\u00e4hlt D\u00f6rrie. &#8222;Das Ganze war zu sehr Kunst, und wir waren alle keine Gesch\u00e4ftsleute.&#8220;<\/p>\n<p>Im Dezember 1983 kam dann der Ausverkauf. &#8222;So konnten wenigstens die Rechnungen der Lieferanten bezahlt werden, und Hilka ist ohne Schulden rausgekommen&#8220;, sagt D\u00f6rrie. Es endete mit einem letzten Kunstwerk: Hubert Kiecol, heute Professor an der D\u00fcsseldorfer Akademie, fr\u00e4ste drei lebensgro\u00dfe Figuren in die immer wieder \u00fcbermalte Wand und arbeitete sich so durch die Biografie der Buchhandlung. Silvester war alles vorbei.<\/p>\n<p>Hilka Nordhausen ging nach K\u00f6ln und weiter nach Berlin, schrieb, zeichnete, konzipierte und n\u00e4herte sich wieder der Malerei an. Eine Krebserkrankung warf sie nieder, sie starb am 1. Dezember 1993, nur 44 Jahre alt. Da war ihr vielleicht sch\u00f6nstes Werk schon seit zehn Jahren Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schmelztiegel von Literatur, Kunst und Film <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Uwe Schneede, langj\u00e4hriger Direktor der Hamburger Kunsthalle und Ende der siebziger Jahre Leiter des dortigen Kunstvereins, wurde in der Marktstra\u00dfe tats\u00e4chlich Geschichte gemacht. &#8222;Was mich dort besonders faszinierte, war das Beieinander von Literatur, bildender Kunst und Film.&#8220; Also holte er Mitglieder der in der &#8222;Welt&#8220; beheimateten K\u00fcnstlergruppe &#8222;Boa Vista&#8220; in sein Haus: &#8222;Beim ersten Mal waren alle sehr betrunken, aber beim zweiten Mal war es eine spannende und sehr exakte Mischung aus Lesung, Performance und Konzert, die man so vorher noch nicht erlebt hatte.&#8220;<\/p>\n<p>Heute, wie k\u00f6nnte es anders sein, residiert in den einstigen R\u00e4umen eine Boutique; aus der legend\u00e4ren Marktstube wurde ein Bioladen, und das ganze Viertel mit seinen Design- und Model\u00e4den gilt inzwischen als Touristenmeile. Doch die Buch Handlung Welt, drei Stufen hoch, ist unvergessen und f\u00fcr die Nachgeborenen l\u00e4ngst eine Legende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Erschienen in Die Zeit vom 31.12.2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburg, Marktstra\u00dfe 12 \u2013 das wurde in den Siebzigern zur Adresse der Avantgarde. Eine Erinnerung an Hilka Nordhausens legend\u00e4res Kunstprojekt &#8222;Buch Handlung Welt&#8220;. Drei Stufen ging es hoch zur Buch Handlung Welt. Marktstra\u00dfe 12, im Hamburger Karolinenviertel. Ein kleines Handwerker- und Arbeiterquartier, eingezw\u00e4ngt zwischen Heiligengeistfeld, Messegel\u00e4nde und Schlachthofhallen. 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