{"id":80,"date":"2014-08-11T22:25:54","date_gmt":"2014-08-11T20:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=80"},"modified":"2014-08-20T16:44:24","modified_gmt":"2014-08-20T14:44:24","slug":"reichlich-pruegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=80","title":{"rendered":"Reichlich Pr\u00fcgel"},"content":{"rendered":"<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Hinz&amp;K\u00fcnztler G\u00fcnter wurde jahrelang in norddeutschen Kinderheimen gequ\u00e4lt und misshandelt. Erst jetzt, nach mehr als 50 Jahren, kann er dar\u00fcber sprechen \u2013 und auf \u00a0ein wenig Gerechtigkeit hoffen. Aber kann man Unrecht wiedergutmachen?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-19432\" style=\"margin: 0px; border: #999999 1px solid; padding: 2px;\" title=\"233-guenter\" src=\"http:\/\/www.hinzundkunzt.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/233-guenter-300x211.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"211\" \/><\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">G\u00fcnter hat einen Traum.<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>\u201eIch m\u00f6chte ein Mal in meinem Leben auf die F\u00fc\u00dfe kommen\u201c, sagt er leise. \u201eUnd einen Motorbootschein, den h\u00e4tte ich gern.\u201c Mit seinen freundlichen Augen, dem wei\u00dfen Haarkranz und der adretten Kleidung wirkt er wie der nette Rentner von nebenan. Doch ein normales Leben hat der 65-J\u00e4hrige kaum kennengelernt. Schon mit acht Jahren begann sein Leidensweg durch zahlreiche Kinder\u00adheime. All die Pr\u00fcgel, die Lieblosigkeit, die G\u00fcnter erleiden musste, haben Spuren hinterlassen. \u201eRichtig Fu\u00df gefasst habe ich nie, mein ganzes Leben nicht\u201c, sagt er knapp.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">\u00dcber seine Vergangenheit zu sprechen<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>f\u00e4llt dem zur\u00fcckhaltenden Mann schwer. \u201eWer m\u00f6chte schon an all die Jahre erinnert werden, in denen er so schlimm behandelt wurde. Ich wollte das alles vergessen\u201c, gibt er zu. Doch als zu Jahresbeginn in Hamburg \u2013 wie in allen anderen Bundesl\u00e4ndern \u2013 die erste Beratungsstelle f\u00fcr ehemalige Heimkinder eingerichtet wurde, kam alles wieder hoch. G\u00fcnter war einer der Ersten, die sich dort meldeten. Die Beratungsstelle soll Menschen wie ihm dabei helfen, Anspr\u00fcche auf Wiedergutmachung geltend zu machen.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Durch den Besuch bei der Beratungsstelle\u00a0<\/strong>kommt einiges in Bewegung. G\u00fcnter greift in seine Umh\u00e4ngetasche, holt drei Briefumschl\u00e4ge heraus. Der erste: eine Einladung zum Empfang des Sozialsenators Detlef Scheele f\u00fcr ehemalige Heimkinder im Hamburger Rathaus. Sch\u00f6n gedruckt, auf edlem Papier. \u201eDer Senat der Freien und Hansestadt Hamburg m\u00f6chte Ihnen gegen\u00fcber offiziell zum Ausdruck bringen, dass er das \u00adIhnen zugef\u00fcgte Unrecht zutiefst bedauert\u201c, ist zu lesen. G\u00fcnter hat die Einladung angenommen. Er ist gespannt, was ihn erwartet: \u201eSich nach 50 Jahren entschuldigen, das kann doch nicht alles sein, oder?\u201c, fragt er.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Sein Leben im Heim beginnt,<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>da ist er acht Jahre alt. Seine Mutter lehnt ihn ab, behandelt ihn lieblos, verw\u00f6hnt aber seine Geschwister. Sein Vater sitzt \u00adimmer wieder im Gef\u00e4ngnis. Die Eltern lassen sich scheiden. Er schw\u00e4nzt die Schule. Das Jugendamt nimmt ihn aus der Familie, schickt ihn in ein Kinderheim bei Volksdorf, dann geht es weiter nach Stade an der Elbe. Warum der Wechsel? G\u00fcnter wei\u00df es nicht; man hat es ihm nie erkl\u00e4rt. \u201eInsel\u201c hei\u00dft das neue Heim. \u201eDas Heim war eigentlich ganz okay\u201c, erz\u00e4hlt er mit seiner leisten Stimme. \u201eWenn es bei Stade geblieben w\u00e4re, w\u00e4re es vielleicht nicht so schlimm \u00adgekommen. Aber ich hatte immer \u00adsolches Heimweh. Ich hab einfach nicht begriffen, dass meine Mutter mich nicht haben wollte.\u201c<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Er haut immer wieder ab,<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>versucht nach Hamburg zu seiner Mutter zu \u00adgelangen. Er f\u00e4ngt an zu klauen. Nichts Gro\u00dfes; Kleinigkeiten. Er kommt nach Hannover, in das \u00adStephansstift, ein evangelisches\u00a0 Kinderheim.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">G\u00fcnter \u00f6ffnet den zweiten Briefumschlag.<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Er hat in Hannover nachgefragt, ob es Akten \u00fcber ihn gibt, die erkl\u00e4ren k\u00f6nnten, warum er dorthin kam. \u201eAufgrund der Eintragungen k\u00f6nnen wir \u00adIhnen lediglich best\u00e4tigen, dass Sie sich aus p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden in der \u00adBetreuung des Stephansstiftes befanden\u201c, antwortet ihm die heutige Gesch\u00e4fts\u00adleitung. \u201eWas waren das denn f\u00fcr \u00adp\u00e4dagogische Gr\u00fcnde?\u201c, fragt G\u00fcnter und schnaubt durch die Nase.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Beigelegt ist dem Schreiben ein Auszug aus dem Stammbuch des Heimes,<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>eine Art Meldekarte. G\u00fcnter schiebt sie \u00fcber den Tisch. Der Karte ist zu \u00adentnehmen, dass G\u00fcnter im Alter von zw\u00f6lf Jahren nach Hannover kam und man ihn schon eine Woche sp\u00e4ter in das Kinderheim Borstel bei Nienburg an der Weser verlegt. \u201ePr\u00fcgel gab es in Borstel reichlich\u201c, erinnert sich G\u00fcnter. \u201eMorgens hatten wir Schule; Schularbeiten gab es nicht \u2013 denn nachmittags mussten wir bei einem Bauern auf dem Feld schuften.\u201c\u00a0Auch aus Borstel haut er mehrmals ab. Alleine und mit anderen. \u201eZusammen mit A. und J. entwichen \u2013 2 Fahrr\u00e4der gestohlen \u2013 abends durch die Polizei \u00adzur\u00fcck\u201c, ist im April 1959 notiert.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Im Januar 1962<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>ein r\u00e4tselhafter \u00adEintrag: \u201eKH; schlaffe Haltung, leichte Wachstumsst\u00f6rung.\u201c G\u00fcnter nimmt die Meldekarte wieder an sich: \u201eKH, das hei\u00dft Krankenhaus\u201c, erkl\u00e4rt er. \u201eDa war ich im Annastift, im Kinderkrankenhaus von Hannover, durfte ewig lange im Gipsbett schlafen, denn in Borstel hatte mir der Bauer, bei dem ich arbeiten musste, eine Mistforke in den R\u00fccken geworfen.\u201c Ein bitteres L\u00e4cheln huscht \u00fcber sein Gesicht: \u201eMuss man doch \u00adverstehen, dass die das nicht so aufschreiben konnten, vielleicht h\u00e4tte \u00adjemand nachgefragt \u2013 also hatte ich eben eine schlaffe Haltung.\u201c\u00a0Er wird wieder gesund. Wird 15. Haut wieder ab: \u201eAuf der Autobahn\u00a0 zwischen Helmstedt und Braunschweig aufgegriffen und dem Stephansstift \u00adzugef\u00fchrt.\u201c Dann ein letzter Eintrag im November 1962: \u201eEntwichen \u2013 kehrt nicht zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">G\u00fcnter wird erwischt,<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>er kommt nach Hamburg, wird weitergereicht nach Gl\u00fcckstadt an der Elbe. Das Jugendamt aus Hamburg bringt ihn hin. \u201eDie hatten daf\u00fcr eigens einen VW-Bus.\u201c Er war \u00addamals f\u00fcnfzehneinhalb.\u00a0Gl\u00fcckstadt also. Gl\u00fcckstadt hat damals \u00adeines der schlimmsten Heime. \u201eUnter den Nazis \u201eLandesarbeitsanstalt\u201c, seit 1949 dann \u201eLandesf\u00fcrsorgeheim\u201c. Gro\u00dfe Teile des Personals werden nach dem Krieg einfach weiterbesch\u00e4ftigt: \u201eIch kann mich noch gut an die Hakenkreuze und den Reichsadler erinnern, die in die Matratzen und in die Bettdecken eingepr\u00e4gt waren.\u201c<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">G\u00fcnter muss f\u00fcr eine Gl\u00fcckst\u00e4dter Firma Fischernetze kn\u00fcpfen.<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Einen Lohn gibt es nicht. Nur manchmal ein paar Zigaretten. Wer aufbegehrt, wer den Erziehern widerspricht, wird nicht selten verpr\u00fcgelt und mit wochenlanger Einzelhaft in einer Isolierzelle im Keller bestraft. \u201eDa unten sa\u00df ich auch\u201c, sagt G\u00fcnter fast lapidar. \u201eUnd mit dem Totschl\u00e4ger eins \u00fcbergezogen bekommen, das hab ich auch erlebt.\u201c Er holt tief Luft: \u201eAllein w\u00e4hrend des einen Jahres, in dem ich in Gl\u00fcckstadt war, sind dort f\u00fcnf von uns ums Leben gekommen.\u201c \u00adMitz\u00f6glinge, die die Misshandlungen durch die Aufseher, aber auch die Gewalt unter\u00adeinander nicht mehr aushalten und sich das Leben nehmen.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Immer wieder ger\u00e4t Gl\u00fcckstadt in die Schlagzeilen,<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>soll geschlossen werden \u2013 und immer verl\u00e4uft alles im Sande. Auch die Stadt Hamburg spielt eine unr\u00fchmliche Rolle: Statt selbst zu \u00fcberlegen, wie man mit den nicht immer einfachen Jugendlichen \u00adklarkommen und wie man ihnen helfen kann, schiebt man sie \u00fcber die Landesgrenze nach Gl\u00fcckstadt ab und \u00fcberl\u00e4sst sie dort ihrem Schicksal. Als das Heim 1974 endlich geschlossen wird, bedauert dies die Hamburger Jugendbeh\u00f6rde ausdr\u00fccklich. Noch mal 30 Jahre verstreichen, bis endlich eine Historikergruppe die Geschichte dieses Heimes systematisch erforscht. Und die Sozialpolitiker sind entsetzt, dass das, was die Gl\u00fcckst\u00e4dter Heimkinder immer erz\u00e4hlt haben, stimmt. \u201eGl\u00fcckstadt war der kr\u00f6nende Abschluss\u201c, sagt G\u00fcnter lakonisch. \u201eGl\u00fcckstadt, das war im Regal ganz oben.\u201c<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Bleibt noch der dritte Brief\u00adumschlag:<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>eine Abschrift des Protokolls, das der Sachbearbeiter der Hamburger Beratungsstelle f\u00fcr \u00adehemalige Heimkinder nach G\u00fcnters Besuch verfasst hat. Der Sachbearbeiter dort hat ihm geholfen: \u201eDer war korrekt. Der hat mir \u00adzugeh\u00f6rt und der hat mir geglaubt.\u201c<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Das Angebot, unter fachlicher Anleitung \u00fcber seine Erlebnisse zu sprechen<\/strong>, hat er \u00adausgeschlagen: \u201eIch wei\u00df, die w\u00fcrden das aus dem Fonds bezahlen, aber Psychologen sind f\u00fcr mich ein rotes Tuch. \u00dcberhaupt alles, was mit Erziehung zu tun hat.\u201c Sich mit ehe\u00admaligen Heimkindern zu treffen, ist auch nicht sein Ding. Er faltet seine Unterlagen zusammen, steckt die B\u00f6gen in die Umschl\u00e4ge, packt alles zur\u00fcck in seine Umh\u00e4ngetasche.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Nach der Entlassung aus Gl\u00fcckstadt,<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>er ist sechzehneinhalb Jahre alt, f\u00e4hrt er zur See. Und er wird immer wieder straff\u00e4llig: \u201eSeefahrt \u2013 Knast \u2013 Seefahrt \u2013 Knast \u2013 Seefahrt \u2013 Knast, das war\u2019s.\u201c Den Motorbootschein, den w\u00fcnscht er sich, weil er doch sein halbes \u00adLeben zur See gefahren ist. Den w\u00fcrde er sich mit dem Geld aus dem Entsch\u00e4digungsfonds leisten: \u201eUnd einen F\u00fchrerschein w\u00fcrde ich gern machen. Ich hatte noch nie einen.\u201c \u00adInzwischen hat er die Kostenvoranschl\u00e4ge bei der Beratungsstelle vorbeigebracht. \u201eDie \u00adNamen der Heimleiter, die Namen der \u00adErzieher, der Name des Sachbearbeiters \u00addamals hier beim Hamburger Jugendamt, der das alles angerichtet hat, die haben sich mir nat\u00fcrlich alle eingebrannt\u201c, sagt er noch und r\u00fcckt seine Brille zurecht. Er h\u00e4tte sie gerne pers\u00f6nlich gefragt, was sie sich damals gedacht haben, als sie ihn von Heim zu Heim schickten. Er war doch noch ein Kind! Aber die meisten sind nicht mehr am Leben oder sie sind nicht auffindbar. \u201eIch hab mal bei dem Bauern in Borstel angerufen, wo ich damals schuften musste \u2013 also nat\u00fcrlich beim Sohn vom Sohn\u201c, erz\u00e4hlt G\u00fcnter. \u201eDer hatte zwar geh\u00f6rt, dass sein Gro\u00dfvater Kinder aus einem Heim besch\u00e4ftigt haben soll, aber \u00adGenaueres wusste er auch nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Vielleicht wird er im Stephansstift \u00adf\u00fcndig.<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Dort hat man ihm zugesichert, im Archiv nachzuschauen, ob nicht wenigstens Unterlagen zu seiner Konfirmation vorhanden sind. G\u00fcnter ist gespannt, ob und was sie finden werden. Es m\u00fcsste ein Konfirmationsfoto geben, hat er \u00fcberlegt. \u201eGerade die \u00adKirche schmei\u00dft doch eigentlich nichts weg, oder?\u201c Und \u00fcberhaupt: \u201eHat man mich zur Goldenen Konfirmation eingeladen?\u201c Das hat man nicht. Es w\u00e4re eine Geste gewesen, die ihm gutgetan h\u00e4tte. Und eine M\u00f6glichkeit, Unrecht ein wenig wiedergutzumachen. Denn dazu braucht es vor allem Respekt.<\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><em style=\"margin: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Sch\u00e4tzungsweise 600.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>waren in der alten Bundesrepu\u00adblik zwischen 1945 und 1975 in Heimen untergebracht. Zum 1.1.2012 wurde die Einrichtung eines Entsch\u00e4digungsfonds in H\u00f6he von 120 Millionen Euro beschlossen. Davon bezahlt werden sollen Therapien, individuelle Hilfen, die wissenschaft\u00adliche Aufarbeitung dieser Zeit sowie die Erstattung von nicht gezahlten Rentenabgaben. F\u00fcr die etwa 400.000 ehemaligen DDR-Heimkinder steht ab 1.7.2012 ein Fonds von 40 Millionen Euro zur Verf\u00fcgung. Das sind 100 Euro pro Betroffenem.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><em style=\"margin: 0px; padding: 0px;\"><strong style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Buchtipp:<\/strong><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Landesf\u00fcrsorgeheim Gl\u00fcckstadt<\/em>\u00a0<em style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">1949\u201374, Hrsg. Irene Johns und Christian Schrapper, Wachholtz Verlag, 24,80 Euro.<\/em><\/p>\n<p style=\"white-space: normal; text-transform: none; word-spacing: 0px; color: #333333; text-align: left; font: 12px\/18px Arial, Verdana, sans-serif; margin: 15px 0px; orphans: 2; widows: 2; letter-spacing: normal; background-color: #ffffff; text-indent: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; padding: 0px;\"><em style=\"margin: 0px; padding: 0px;\">Erschienen in Hinz&amp;Kunzt, Heft Juli 2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinz&amp;K\u00fcnztler G\u00fcnter wurde jahrelang in norddeutschen Kinderheimen gequ\u00e4lt und misshandelt. Erst jetzt, nach mehr als 50 Jahren, kann er dar\u00fcber sprechen \u2013 und auf \u00a0ein wenig Gerechtigkeit hoffen. Aber kann man Unrecht wiedergutmachen? G\u00fcnter hat einen Traum.\u00a0\u201eIch m\u00f6chte ein Mal in meinem Leben auf die F\u00fc\u00dfe kommen\u201c, sagt er leise. \u201eUnd einen Motorbootschein, den h\u00e4tte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":82,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3],"tags":[],"class_list":["post-80","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80\/revisions\/81"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/keilbuero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}