{"id":46,"date":"2014-02-03T16:20:02","date_gmt":"2014-02-03T14:20:02","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/neu\/?p=46"},"modified":"2014-08-20T16:44:24","modified_gmt":"2014-08-20T14:44:24","slug":"linien-auf-dem-wasser-zeichnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=46","title":{"rendered":"Linien auf dem Wasser zeichnen"},"content":{"rendered":"<p><b>Eine Begegnung mit dem argentinischen Schriftsteller Patricio Pron. Dessen Eltern waren so gar nicht begeistert, als er sich hinsetzte und einen Roman \u00fcber seine Kindheit w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur schrieb<\/b><\/p>\n<p>Nach unserem Gespr\u00e4ch bringt mich Patricio Pron nach unten zur\u00fcck in die Lobby. Die T\u00fcren des Fahrstuhls haben sich auf die gewohnt sanfte Weise noch nicht ganz geschlossen, als er sich entschuldigt: Es sei heute keiner seiner guten Tage gewesen. Die Medikamente, die Drogen &#8230; er hebt bedauernd die Schultern: Mit den Folgen m\u00fcsse er leben und an manchen Tagen sei er eben konzentrierter und an anderen nicht so sehr, es t\u00e4te ihm leid, er hoffe, dass ich mit dem Gespr\u00e4ch trotzdem etwas anfangen k\u00f6nne. W\u00e4hrenddessen rauscht der Fahrstuhl nach unten, vom vierten Stock ins nahezu gl\u00e4serne Erdgeschoss.<\/p>\n<p>Es war der Titel seines Buches, der mich zu diesem greifen lie\u00df: &#8222;Der Geist meiner V\u00e4ter steigt im Regen auf&#8220;. Dabei habe ich keine Ahnung von argentinischer Literatur, ich wei\u00df \u00fcberhaupt sehr, sehr wenig von diesem Land. Nur dies und das, klischeehaftes, aus dem Fernsehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nun aber lese ich gebannt sein Buch, dass von seiner Begegnung mit seinem Vater erz\u00e4hlt, der seinerseits sich aufmacht zu erkunden, warum damals zu Zeiten der Milit\u00e4rdiktatur einer seiner einstigen Mitsch\u00fcler starb und warum dessen Schwester spurlos verschwand. Der Text ist wunderbar pr\u00e4zise geschrieben, ich fliege nur so durch die Seiten (um mal eine Metapher zu bem\u00fchen). Als sein Verlag ein paar Wochen sp\u00e4ter mitteilt, das der Autor in meiner Stadt sei und Interviews anbiete, greife ich zu. Es ist vom Kalender her Hochsommer, aber es ist ungew\u00f6hnlich kalt; Wind pfeift durch die ohnehin unwirtliche Gegend in der Hamburger Innenstadt, wo er f\u00fcr eine Nacht in einem der dortigen gesichtslosen Hotels untergekommen ist.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, die K\u00e4lte&#8220;, lacht er zur Begr\u00fc\u00dfung. Er kenne sie gut, er habe schlie\u00dflich lange genug in Deutschland gelebt. Wir setzen uns auf etwas zu niedrige Sessel, ich lobe sein Buch \u2013 nicht aus Taktik, nicht um eine passende Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re herzustellen, sondern weil es mir wirklich \u00e4u\u00dferst gut gef\u00e4llt und warum soll ich das nicht sagen. &#8222;Oh, Danke&#8220;, sagt er, er schaukelt mit dem Oberk\u00f6rper kurz hin und her, sagt dann, dass es nicht einfach gewesen w\u00e4re dieses Buch zu schreiben und das alles, was in diesem Buch beschrieben ist, tats\u00e4chlich passiert sei, auch wenn das Buch &#8222;Roman&#8220; genannt wird.<\/p>\n<p>Patricio Pron spricht mit recht leiser Stimme, er sieht mich selten an, sein Deutsch ist perfekt, es gibt ein paar grammatikalische Besonderheiten, was ich immer mag: wenn man h\u00f6rt, dass jemand aus einem anderen Sprachreich kommt. Er setzt immer wieder lange Pausen, verliert aber nie den Faden. Erz\u00e4hlt, das alles es ihm alles andere als leicht gefallen sei, dieses Buch zu schreiben, dass er aber dieses Buch habe schreiben m\u00fcssen und das seine Eltern entschieden dagegen gewesen w\u00e4ren, dass er dieses Buch schreibt, in dem sie selbst und er als ihr Kind die Hauptrollen spielen.<\/p>\n<p>Lange ringt er mit der Idee dieses Buch zu schreiben, es nicht zu schreiben. Lange wei\u00df er nicht, ob er von seinem Vater ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Jahre seiner Kindheit, seiner Jugend einfordern soll, es nicht einfordern soll. Er sagt: &#8220; Aber als mein Vater dann geboren war, war mir klar, dass ich nicht so viel Zeit hatte, diesen Dialog zu fordern.&#8220;<\/p>\n<p>Er sagt tats\u00e4chlich &#8218;geboren&#8216; und mich fasziniert dieses falsche Wort, denn tats\u00e4chlich war damals sein Vater nat\u00fcrlich nicht geboren, sondern lebensgef\u00e4hrlich erkrankt \u2013 also so ziemlich das absolute Gegenteil.<\/p>\n<p>Etwas vergleichbares ist auch mir passiert: Gleich zu Beginn des Romans erz\u00e4hlt Pron, wie er als junger Student in Deutschland ist (in G\u00f6ttingen), wie er sich mit Hilfe von Antidepressiva durch den Tag zu retten versucht und wie er in seiner Not einen Psychiater aufsucht. &#8222;Ich wei\u00df noch, dass er eine leichte Glatze hatte und mich jedesmal zu wiegen pflegte, wenn ich zur Behandlung erschien, was ungef\u00e4hr einmal im Monat geschah.&#8220;, so steht es im Text. Ich las das, aber verstehe etwas anderes: dass ihn n\u00e4mlich dieser Psychiater, dessen Namen er sich interessanterweise nicht merken kann, wie ein Kind in seinen Armen wiegt. Dabei ist etwas komplett anderes gemeint: &#8222;Wiegen&#8220; im Sinne von &#8218;auf eine Waage stellen und das K\u00f6rpergewicht messen, also kontrollieren&#8216;, nichts anderes. Aber auch jetzt will sich das Bild eines jungen Mann, der in den Armen eines \u00e4lteren Mannes liegt und sanft geschaukelt wird, nicht ganz von meiner Seite weichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Sie waren ein Jahr alt, als in Argentinien das Milit\u00e4r die Macht \u00fcbernommen hat&#8220;, sage ich. &#8222;Ich war das, was im Roman als eine Minute bezeichnet wird. Alle Menschen meines Alters, die ich treffe, frage ich: Wann sind Sie geboren?&#8220;, antwortet er.<\/p>\n<p>Seine Eltern geh\u00f6ren einer kleinen, oppositionellen, linken Gruppe an, die aber die Option des bewaffneten Widerstandes ausschl\u00e4gt. So bleibt ihnen und also auch seinen Eltern nur die M\u00f6glichkeit des inneren Exils, gepr\u00e4gt von der Angst, eines Tages k\u00f6nne man sie entdecken, sie verhaften, foltern, t\u00f6ten \u2013 so wie es das Milit\u00e4r mit Tausenden von seinen Gegnern gemacht hat. Diese Angst legt sich die ersten sieben Jahre seines Lebens wie ein Tuch \u00fcber die Familie, \u00fcber die Zeit, in der er aufw\u00e4chst: &#8222;Es war komisch, aber es war so: Alles war mit einer Angst verbunden, die f\u00fcr uns Kindern unerkl\u00e4rlich war. Wir hatten alle diese Sicherheitsma\u00dfnahmen: Die Familie hatte in der \u00d6ffentlichkeit einen anderen Namen. Wir konnten keine Freunde nach Hause einladen; keine Kinder, mit denen wir befreundet waren, haben uns besucht.&#8220;<\/p>\n<p>Der Junge richtet sich in dieser Kindheit ein, was bleibt ihm \u00fcbrig. Bis er sich schreibend von den Angstschatten befreit. Patricio Pron sagt: &#8222;Ich kann diesen Raum verlassen und alles, was in diesem Raum steht, genau nacherz\u00e4hlen. Dass ich jetzt mit dem R\u00fccken zum Fenster sitze, ist etwas, das ich lernen musste. Ich musste lernen, dass keine Gefahr besteht, wenn ich so sitze, mit dem R\u00fccken zum Fenster.&#8220;<\/p>\n<p>Als junger Mann geht er wie gesagt nach Deutschland, aber seine Verwirrung, seine Verst\u00f6rrtheit nimmt eher zu. Er lernt Deutsch, er sucht eben jenen, schon erw\u00e4hnten namenlosen Psychiater auf, er vertieft sich in die deutsche Literatur, auch in die deutsche Geschichte, wird mit der Zeit des Nationalsozialismus vertraut.<\/p>\n<p>&#8222;Wissen Sie&#8220;, sagt er: &#8222;&#8218;Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#8216; ist ein Begriff, der so deutsch ist, dass es gar keine \u00dcbersetzung ins Spanische gibt. Im Spanischen\u00a0 muss man umschreiben, was es bedeutet, w\u00e4hrend sie hier in Deutschland dieses eine Wort haben und alle wissen sofort, was gemeint ist.&#8220;<\/p>\n<p>Dann holt er tief Luft und erz\u00e4hlt etwas, dass er bisher noch nicht erz\u00e4hlt habe, es sei ihm bisher zu pers\u00f6nlich gewesen: &#8222;Als ich in Deutschland war, besuchte ich mit einer Freundin deren Gro\u00dfeltern, die in einem Altersheim lebten. Es waren zwei sehr liebevolle Menschen, wie aus den alten Filmen: Die Oma kochte Tee und der Opa holte Kekse und deckte den Tisch. Nach dem Besuch, wieder auf dem Weg nach Hause, erz\u00e4hlte mir diese Freundin, was ihre Gro\u00dfeltern im Dritten Reich gemacht hatten.&#8220;<\/p>\n<p>Wir schweigen beide eine l\u00e4ngere Zeit. Dann finden wir \u2013 ich wei\u00df nicht mehr, ob er oder ich den Faden aufnimmt \u2013 noch mal zu dem Buch zur\u00fcck und langsam endet unser Gespr\u00e4ch. Er sagt: &#8222;Manchmal habe ich den Eindruck, dass es die Aufgabe jeder neuen Generation ist, eine Linie auf dem Wasser zu zeichnen. Man zeichnet diese Linie, obwohl man wei\u00df, dass diese Linie schnell verschwinden wird. Aber mit der Sicherheit, sobald diese Linie verschwunden ist, die das B\u00f6se von dem Guten trennt, kommt eine neue Generation, die das noch mal zeichnet.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Patricio Pron<\/i><\/p>\n<p><i>Der Geist meiner V\u00e4ter steigt im Regen auf<\/i><\/p>\n<p><i>Aus dem Spanischen von Christian Hansen<\/i><\/p>\n<p><i>Rowohlt Verlag, Reinbek; 220 Seiten, 18,90 Euro<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Erschienen in &#8222;Switchboard &#8211; Magazin f\u00fcr Jungem- und M\u00e4nnerarbeit&#8220;, Ausgabe Winter 2013\/14<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Begegnung mit dem argentinischen Schriftsteller Patricio Pron. 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