{"id":436,"date":"2025-05-01T19:46:00","date_gmt":"2025-05-01T17:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=436"},"modified":"2025-05-01T19:46:00","modified_gmt":"2025-05-01T17:46:00","slug":"grobkoernig-schwarz-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=436","title":{"rendered":"Grobk\u00f6rnig, schwarz-wei\u00df"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Seit f\u00fcnf Jahrzehnten lebt in Kiel die Filmgruppe Chaos. Und feiert die k\u00fcnstlerische Autonomie.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen brummt die Stadt. In einem Hinterhof zu ebener Erde ein Arbeitsraum, ein verwinkeltes Archiv, eine Dunkelkammer und vor allem eine K\u00fcche. Neben uns eine 16-Milimeter-Kamera auf einem Stativ aufgebockt, schwarz und eisern und durchaus alt, aber auch wach und interessiert. \u201eIch bin 1973 geboren, die \u201aFilmgruppe Chaos\u2018 gibt es seit 1975, ich kam Anfang der Nuller-Jahre hinzu\u201c, stellt sich Rouven St\u00fcbe vor. Geheimnisumwittert sei die Gruppe gewesen, regelrecht mysteri\u00f6s. Dazu ihre Filme zu den Kieler Hausbesetzungen und der Anti-AKW-Bewegung, er beobachtet sie aus der Ferne. Doch eines Tages fasst er sich ein Herz, schaut bei Karsten Weber vorbei. \u201eKarsten hat mir alles erkl\u00e4rt, wir haben gequatscht bis morgens um drei, dann sind wir uns in die Arme gefallen\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eDa war endlich einer, der nicht nur Bilder machte, sondern der auch \u00fcber Bilder sprach. Und die analoge Welt leuchtete.\u201c\u00a0<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eVati hat gefilmt, wie der Weihnachtsbaum aufgestellt wird und wie die Oma zu Besuch kommt\u201c, erz\u00e4hlt nun Weber, Jahrgang 1960, von wiederum seinen Anf\u00e4ngen. Super Acht ist in den 1970er-Jahren das Medium der Stunde. Das Familienleben soll festgehalten werden. Vielleicht, weil schon bald klar wird, dass eine Scheidung keine Katastrophe mehr ist, sondern oft das Gegenteil. Da haben die Kinder Vatis Kamera \u00fcbernommen. Klamauk, Parodien h\u00e4tten sie anfangs gefilmt, erz\u00e4hlt Karsten. Das Material ist billig, drei Minuten eine Filmrolle, die entwickelt per Post nach Hause kommt. Aber man kann ja auch selbst entwickeln. Kann das Material bearbeiten, kommt auf Ideen, stellt alles auf den Kopf: \u201eDas war wundersch\u00f6n, dass man als Jugendlicher alles in der Hand hatte\u201c, sagt er. Und w\u00e4hrend man heranw\u00e4chst, will man irgendwann zeigen, was man gefilmt und geschnitten hat. Auch das von Wesensverwandten: Eine Filmgruppe aus K\u00f6ln etwa l\u00e4sst ihr Filmmaterial von Mikroben und Pilzen bearbeiten, was noch mal ganz andere Bildwelten zeigt. \u201eDas hat uns den Kopf durchgesp\u00fclt\u201c, strahlt Weber. Ein Jahr lang betreiben sie in ein Super-Acht-Kino. Zeigen wildes Zeug auf ihre Art.<br>\u201eWir haben etwa einen Filmabend gemacht, erstmal drei Minuten Stra\u00dfenschlacht mit der Polizei beim Reagan-Besuch in Berlin, danach drei Minuten Stan Laurel &amp; Oliver Hardy, da waren die Leute schon mal irritiert\u201c, erz\u00e4hlt Weber. Es folgt ein maximal billiger d\u00e4nischer Porno, und als die drei mal drei Minuten um sind, richten sie wattstarke Strahler auf das Publikum und filmen es. Solche Sachen machen sie und sitzen bald zwischen allen St\u00fchlen. Weber sagt: \u201eWir haben schnell gemerkt, dass die Revoluzzer gar nicht so revolution\u00e4r waren, sondern ziemlich langweilige Gesellen, ging es um Kunst.\u201c Sp\u00e4ter drehen sie auch auf 16 Millimeter.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ihre Radikalit\u00e4t bewahrt, auch sch\u00fctzt: Ihre Filmleidenschaft soll nicht in einem Beruf m\u00fcnden. Mit der Filmindustrie, auch der alternativen wollen sie nichts zu tun haben. Sie suchen sich bewusst so genannte normale Jobs. \u201eIch bin gern dahin gegangen, wo es fies und schmutzig ist; ich habe am Flie\u00dfband gearbeitet, war auf Montage oder dr\u00fcben auf der HDW-Werft.\u201c Er wird Industrie-Elektriker. Und filmt nebenbei und oft ist es ebenso umgekehrt. \u201eMiete zahlen, Kinder gro\u00dfziehen, das muss ich anders schaffen. Autonomie ist eine Bedingung, um radikal sein zu k\u00f6nnen\u201c, springt ihm St\u00fcbe bei. Etwas filmisch erz\u00e4hlen, wie man es unbedingt erz\u00e4hlen will und das Herauszufinden ist die Aufgabe und nicht, dass es zum NDR passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gruppe l\u00f6st sich zwischendurch fast auf, es gibt Krach, der heftig ausgefallen sein muss. Die Worte \u201aschmerzhaft\u2018 und \u201arichtig schlimm\u2018 fallen. Manche gehen einfach so. Um doch, wenn ein n\u00e4chstes Projekt realisiert wird, was Jahre an Vorlauf bedeuten kann, wieder da zu sein und zu unterst\u00fctzen. \u201aOn-off-Zusammenarbeit\u2018 nennt Weber das.<br>Sind sie erfolgreich gewesen? Jedenfalls waren sie in China unterwegs und haben ihre eigensinnigen Kurzfilme auf Dorfpl\u00e4tzen ebenso gezeigt wie in H\u00f6rs\u00e4len vor Hunderten von Studenten, die zum Schauen verpflichtet waren. Sie haben ihre Arbeiten auf einem Film-Festival in Sibirien pr\u00e4sentiert, sie haben eine Kurzfilm-Tour durch Italien absolviert und schw\u00e4rmen von den Film-verr\u00fcckten Italienern. Um nur drei Projekte zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar, TikTok, YouTube, die Kamera im Handy: \u201eWenn ich heute Jugendlichen einen alten Film zeige, dann kriegen die die Krise, weil der so langsam geschnitten ist\u201c, sagt St\u00fcbe. \u201eWir werden die Entwicklung nicht aufhalten\u201c, sagt er noch. Wenn sie die digitale Welt betreten, dann nur um ihre Sch\u00e4tze zu zeigen. So gibt es manches auf der Filmplattform Vimeo: \u201eFilm \u2013 Entwicklung \u2013 Bearbeitung \u2013 in der Chaos K\u00fcche\u201c etwa, ein anr\u00fchrender Zw\u00f6lf-Min\u00fcter, wo die beiden in ehrlicher Schlichtheit zeigen, wie aus einer Filmrolle ein Film werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenan in einem kleinen Raum haben sie entsprechend auch das Filmmaterial f\u00fcr ihre neueste Produktion eigenh\u00e4ndig entwickelt. \u201eJeder ist verantwortlich\u201c, ein Dokumentar-Film \u00fcber Lutz Taufer, einstiges Mitglied der RAF. Rau, grobk\u00f6rnig und in schwarz-wei\u00df. Auch die Erz\u00e4hlweise ist anders als der \u00fcbliche Feature-Mus: Taufer spricht seinen Werdegang, immer wieder bildlich \u00fcberlagert von abgefilmtem Material aus der 68er-\u00c4ra; Film im Film als Film, auch darum geht es. Und das erste (und letzte) Mal an diesem Abend wird Weber ein wenig m\u00fcrrisch: Er hat den Film f\u00fcr die Experimental-Sektion der Berlinale eingereicht, aber man habe ihn abgelehnt, weil: zu konventionell. Er schnaubt durch die Nase. Zu konventionell! Dolles Ding. Will jemand etwas trinken?<br>Und weiter geht es durch die Jahre, da war ihr kurzer Ausflug in die Videowelt und ihre Begegnung mit dem Exploding Cinema dr\u00fcben in London, wo auf Filmabenden jeder alles zeigen konnte und niemand vorsichtete. Projektoren stapeln sich in einem Regal, da ist der Schnittplatz, gro\u00df und breit wie ein Cockpit, da sind all die Filmrollen aus all den Jahren, verst\u00e4ndlich, dass man hier versinken und versacken kann. Also jetzt besser gehen! Kann sonst sein, dass es sp\u00e4t wird, sehr sp\u00e4t und man sich am Ende in den Armen liegt. Dem Chaos sei Dank.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Leicht gek\u00fcrzt erschienen am 17.4.2025 in der Taz Nord.&nbsp;<br>Bebilderung: Filmgruppe Chaos.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit f\u00fcnf Jahrzehnten lebt in Kiel die Filmgruppe Chaos. Und feiert die k\u00fcnstlerische Autonomie. Drau\u00dfen brummt die Stadt. In einem Hinterhof zu ebener Erde ein Arbeitsraum, ein verwinkeltes Archiv, eine Dunkelkammer und vor allem eine K\u00fcche. Neben uns eine 16-Milimeter-Kamera auf einem Stativ aufgebockt, schwarz und eisern und durchaus alt, aber auch wach und interessiert. 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