{"id":427,"date":"2024-12-26T14:29:47","date_gmt":"2024-12-26T12:29:47","guid":{"rendered":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=427"},"modified":"2024-12-26T14:29:47","modified_gmt":"2024-12-26T12:29:47","slug":"aber-sonst-ist-es-ein-schoener-beruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=427","title":{"rendered":"&#8222;Aber sonst ist es ein sch\u00f6ner Beruf!&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Abends gehen wir zuf\u00e4llig vorbei. Sind auf der Suche nach einem kleinen Restaurant, das uns zusagt und gef\u00e4llt. Uns ist nach Ruhe und in Ruhe reden, wenn m\u00f6glich drau\u00dfen, so angenehm warm, wie es noch ist. Wir gehen vom Stadtgarten aus die Stadthausstrasse entlang, queren sie, biegen ein in den Rathausdurchgang Richtung Marktgasse. Das Gesch\u00e4ft an der Ecke mit seinen hohen Fenstern ist geschlossen. Es ist ja schon 18.30 Uhr durch. Aber da sitzt er noch; bei schmalem Licht an seinem Platz hockt er, etwas tiefer hinter dem breiten Schreibtisch, links und rechts stapeln sich die B\u00fccher, und er liest, was sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch ja\u201c, sagt man in der Stadt, wenn man den Namen des Gesch\u00e4fts nennt, wenn man beschreibt, wo genau es liegt, zentral eigentlich. Sagt entschuldigend, dass man es nat\u00fcrlich kenne, aber noch nicht drinnen gewesen sei, bisher nicht, man habe ja selbst zu Hause noch B\u00fccher herumstehen, neulich geschenkt bekommen oder selbstgekauft, aber leider noch keine Zeit gefunden oder keine Gelegenheit gehabt, sie in die Hand zunehmen. Oder man sagt: \u201aDas gibt es noch \u2026\u2018 \u2013 und versucht das Fragezeichen nicht mitzusprechen. Denn wenn es in einer Stadt, in einer Stadt wie Winterthur kein Antiquariat mehr gibt, dann gute Nacht, Marie.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eSie sind Buchh\u00e4ndler?\u201c, frage ich Ulrich Harsch am Nachmittag.&nbsp;<br>Er sch\u00fcttelt den Kopf.<br>\u201eSondern?\u201c<br>\u201eWildwuchs \u2026\u201c<br>\u201eDas hei\u00dft?\u201c<br>\u201eIch bin zu diesem Antiquariat gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde \u2026\u201c<br>Wie lange habe ich das nicht mehr geh\u00f6rt, dass mit der Jungfrau und dem Kinde. Es gef\u00e4llt mir. Es ist so alt. Es ist so haltbar. Ich setze meinen Rucksack ab, ich stelle mich bequem hin und frage weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die h\u00f6here Handelsschule hat er besucht, beginnt er zu erz\u00e4hlen, nachdem er das Buch ohne Eile zugeschlagen hat, in das er eben noch vertieft war. Dass er nach dem Abschluss keine Ahnung hatte, was mit ihm werden soll; daf\u00fcr wusste er etwas anderes um so genauer: dass er den erlernten Beruf keinesfalls aus\u00fcben will: \u201eSo landete ich bei meinem Vorg\u00e4nger.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd der war ein alter Spanienk\u00e4mpfer\u201c, sagt er, \u201eer kam mit einer TB aus dem B\u00fcrgerkrieg zur\u00fcck, hatte ein Lungenemphysem, deshalb hat er immer Hilfe gebraucht, konnte aber nicht viel bezahlen. Also war immer unter uns j\u00fcngeren Linken die Frage, wer kann helfen und einspringen. So kam ich dahin\u201c erz\u00e4hlt er.<br>\u201eHat mir gefallen\u201c, sagt er. Und er setzt eine sch\u00f6ne, kleine Pause. Schaut mich an, spricht zu sich und zu mir und spricht in den hohen Raum hinein mit all den Regalen, turmhoch, mit all den B\u00fcchern, wie sie sich in den Regalf\u00e4chern dr\u00e4ngen, wie sie sich gegenseitig st\u00fctzen, wie sie um Platz k\u00e4mpfen, nach vorne dr\u00e4ngen, in der zweiten Reihe verschwinden. Wie sie sich auf dem Boden stapeln, in den Ecken, neben dem Aufgang zur Wendeltreppe nach oben, auf den Fensterb\u00e4nken, auch in den Holzkisten vor der T\u00fcr, der Antiquar ist hier vor Ort und er geht zur\u00fcck in die Zeit, die damals war: \u201eWaren gute Arbeitsbedingungen: morgens um neun musste ich den Laden \u00f6ffnen, und ich konnte lesen, was immer ich lesen wollte. Ich musste nur freundlich zu den Leuten sein. Und am fr\u00fchen Nachmittag kam er dann, mein Vorg\u00e4nger, nach etwa einem Jahr ist er mir gewissermassen unter den H\u00e4nden weggestorben. Dann l\u00e4uft man nicht auch noch davon.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und Ulrich Harsch bleibt, und er fuchst sich ein, lernt, was zu lernen ist, zusammen mit einer Kollegin verantwortet er nun das Antiquariat in der Stadthausstrasse mit der Hausnummer 57, das wie alle Antiquariate von einer Idee getragen wird: Es kauft B\u00fccher auf, gesuchte und ihm vorgeschlagene, um diese wieder zu verkaufen, und bis es so weit ist, was manchmal Jahre dauern kann, brauchen all diese B\u00fccher ihren Platz und einen Ort. Einen Ort, der sie sch\u00fctzt; einen Ort, in dem sie in Sicherheit sind und an dem sie alle Zeit der Welt haben, um zu warten, bis es so weit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKlassischerweise kaufe ich vollst\u00e4ndige Bibliotheken. Aber mittlerweile kommen die Leute mit Autos voller B\u00fccher vorgefahren, das ist dann weniger sch\u00f6n\u201c, erz\u00e4hlt er. \u00dcberhaupt habe sich in den letzten zehn, 15 Jahren das Leseverhalten sehr ge\u00e4ndert, das Interesse r\u00fcckw\u00e4rts an Literatur etwa nehme stetig ab: \u201eWar Thomas Mann mit seinem Zauberberg mal ein sicherer Tipp, wird der heute noch zweimal im Jahr nachgefragt, wenn \u00fcberhaupt.\u201c Erstausgaben werden noch verlangt, aber es werden immer weniger. Er sagt: \u201eIch hatte schon junge Leute im Laden, die hatten noch nie ein gebundenes Buch gesehen.\u201c&nbsp;<br>Und die Sammler sterben langsam aus. Auch die Buchbinder werden immer \u00e4lter und immer weniger; und es wird schwierig, wenn mal ein \u00e4lteres, wertvolles Buch zu reparieren ist. Er sagt: \u201eAber sonst ist es ein sch\u00f6ner Beruf.\u201c<br>Und ja, die vollen Regale, \u00fcberall die B\u00fccherhaufen, also vornehmlich die \u00e4lteren Herrschaften, die f\u00e4nden die Stapel toll. Und die w\u00fcrden auch f\u00fcndig. \u201eEs gibt auch Frauen, die an der gro\u00dfen Auswahl Freude haben, aber es sind eher die M\u00e4nner.\u201c, sagt er. \u201eIm Sommer kommen recht viele Deutsche! Ihre Ehefrauen gehen ins Caf\u00e9, und ihre M\u00e4nner werden von ihnen nach einer Stunde hier dann wieder rausgesch\u00fcttelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Mitarbeiter kommt, m\u00f6chte etwas zeigen. Er hat bisher im Hintergrund still ger\u00e4umt und sortiert, unauff\u00e4llig und fleissig; hat jede an ihn gerichtete Frage zu den jungen Leuten und den B\u00fcchern etwa oder ob man B\u00fccher einfach so wegwerfen d\u00fcrfe, nur weil sie grad niemand kaufen will, \u201aoutsourcen\u2018, spricht der Antiquar einmal mit gespitzten Lippen, sein Mitarbeiter hat alle Fragen freundlich und wortlos ignoriert. Er hat ja zu tun. Er ist besch\u00e4ftigt. Denn da ist der n\u00e4chste Stapel, der einem anderen Stapel oder Fach unterkommen oder vielleicht auch hier zugeordnet werden will.&nbsp;<br>Nun aber h\u00e4lt er ein einzelnes Buch in der Hand, etwas unhandlich schaut es aus, schwer. Er braucht beide H\u00e4nde, um es in der Mitte aufgeschlagen zu halten. Schwarzer Einband. Es schaut aus wie ein Kontorbuch, mit exakten Linien, waagerecht und senkrecht, also Spalten, in denen mit feiner, d\u00fcnner Federschrift in jeder Zeile etwas eingetragen ist, Worte und noch mehr Zahlen.<br>Die beiden tauchen ab in ein schnelles Schwyzerd\u00fctsch und lassen mich raten, um was es gehen k\u00f6nnte.<br>Ich verstehe: \u201aein gro\u00dfes Schnitzel\u2018. Und: \u201aKroketten\u2018. Ich verstehe: \u201aL\u00f6ffelbiskuit\u2018. \u201aMarktgasse 78\u2018 h\u00f6re ich heraus; dann: \u201aBahnhofsplatz\u2018 und \u201aum 1900\u2018. Und dass ein Hunderter daf\u00fcr in Ordnung w\u00e4re.<br>Und mit einem kurzen Nicken schl\u00e4gt sein Mitarbeiter das Buch zu, klemmt es sich unter den Arm und ist schon auf dem Weg. Nach drau\u00dfen, biegt um die Ecke, ist verschwunden, wieder wortlos.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAn die Confiserie Lutz kann ich mich noch erinnern\u201c, sagt Ulrich Harsch. \u201eDer letzte Confiseur, der dort war, war auch noch Jazzfanatiker. Hat noch ab und zu Konzerte veranstaltet, recht hochkar\u00e4tige; und ich und mein Schulfreund, wir waren da \u00f6fter; wir waren die einzigen jungen Leute dort unter all den Grauk\u00f6pfen, das hat ihm gefallen, dass wir dabei waren.\u201c Und er lacht; kurz, leise und weise.<br>Jedenfalls: Er fand keinen Nachfolger, der Confiseur. Kam eines Tages vorbei mit einem Schwung B\u00fccher. Der wanderte in einen Stapel, auf den wieder etwas gestapelt wurde und wohl wieder etwas, was man dann zur Seite schob \u2013 und nun wird in dieser Ecke gerade aufger\u00e4umt, und dieses Buch eben war ein durchaus lohnender Fund. Denn es gibt in der Stadtbibliothek gleich um die Ecke eine recht passable Sammlung von Alltagszeugnissen, um das Winterthurer Alltagsleben quer durch die Jahrhunderte zu dokumentieren, es gehe um 1600-irgendetwas los, und da w\u00fcrden sie der Leiterin der Stadtbibliothek immer mal wieder etwas anbieten und meist w\u00fcrde sie gerne zuschlagen.<br>\u201eDas sind Kuriosa, die eigentlich keinen Handelswert haben\u201c, erz\u00e4hlt er. Sagt: \u201eEs ist mir ein bisschen peinlich, dass ich das Buch vergessen habe, aber hier kommt ja nichts weg.\u201c Hier, an diesem Ort, in dem er sitzt, ein lesender K\u00f6nig ohne Krone vielleicht, der sich in einem sicher ist: \u201eWas immer hier irgendwo ist, eines Tages kommt es wieder zum Vorschein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erschienen auf <a href=\"http:\/\/www.geschichtenzentrale.ch\">www.geschichtenzentrale.ch<\/a> im Dezember 2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abends gehen wir zuf\u00e4llig vorbei. 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