{"id":349,"date":"2022-03-23T16:21:00","date_gmt":"2022-03-23T14:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=349"},"modified":"2024-06-02T13:31:25","modified_gmt":"2024-06-02T11:31:25","slug":"den-schock-zulassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=349","title":{"rendered":"Den Schock zulassen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie fassen, was nicht zu fassen ist? Wie zu verstehen suchen, was kaum zu begreifen ist? Das Handy weglegen, weniger Nachrichten schauen? Blicke auf die Webcam-Streams via Kiew und die Gedanken dazu.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen nach der Redaktionssitzung vom ERNST sitze ich mit Ivo in seiner K\u00fcche, wir fr\u00fchst\u00fccken, wir reden \u00fcber den Krieg. Wor\u00fcber sollen wir auch sonst reden. Warum ich mir das antue, via Webcam immer wieder auf das Panorama des von Zerst\u00f6rung bedrohten Kiews zu schauen, wenn ich in meinem B\u00fcro vor dem Laptop sitze oder zu Hause, fragt er mich, ich hatte ihm davon immer mal wieder in unseren Emails erz\u00e4hlt. Warum tue ich das, warum will ich nicht rauskommen aus dieser Endlosschleife von tr\u00fcben Gedanken, nicht endend wollenden Sorgen, warum meine ich virtuell anwesend sein zu m\u00fcssen, was bringt es mir, er will es wissen, es ist ihm ganz ernst, er bohrt nach, er l\u00e4sst sich nicht abwimmeln, nun denn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es angefangen hat? Es war 20 Minuten vor vier Uhr in der Fr\u00fche, an jenem 24. Februar, den man sich merken wird, als ich pl\u00f6tzlich wach bin. Drau\u00dfen ist es noch dunkel, nirgendwo ist ein Fenster erleuchtet, kaum Verkehr auf der Stra\u00dfe vor unserem Haus, die zweigeteilt ist, in der Mitte stehen B\u00e4ume, eine Allee. Ich greife nach meinem Handy und lese die ersten, noch vagen Nachrichten \u00fcber den Angriff der russischen Armee; lese, dass deren Einheiten die Grenze zum Nachbarland \u00fcberschritten haben, dass der Krieg also da ist. Ich liege wach, poste ein schwarzes Quadrat auf Instagram und stehe gegen sechs Uhr auf, ohne noch einmal eingeschlafen zu sein, obwohl ich es versucht habe.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten Tage schaue ich nacheinander die Nachrichten im Fernsehen, die Sondersendungen, die Abendjournale, die Sp\u00e4tnachrichten vor Mitternacht. Mein Handy ist immer aufgeladen. Auf unserem Esstisch liegen Zeitungsstapel. Ich versuche zu fassen, was geschieht. Ich bin unruhig, ich bin unkonzentriert, ich habe leichte Kopfschmerzen, die ich irgendwann nicht mehr merke, ich setze mich an meine Arbeit, an meine Texte, meine Recherchen, ich versuche dem Rat zu folgen, bei seinen Routinen zu bleiben, sich nicht dem Nachrichtenstrom zu \u00fcberlassen, wie man jetzt \u00fcberall h\u00f6rt. Ich schreibe Emails wie sonst auch, aber sie fallen wortkarg und n\u00fcchtern aus, fast stur. Macht es Sinn, die kommenden Wochen zu planen? Was wird in den nun folgenden Jahren passieren?<br>Dann f\u00e4llt mir ein, wie ich im Februar 2014 in unserer K\u00fcche sa\u00df, den Laptop aufgeklappt und wie ich \u00fcber eine Kamera aus gr\u00f6\u00dferer H\u00f6he auf den Kiewer Maidan-Platz schaute. Die schlimmsten K\u00e4mpfe waren damals vor\u00fcber; ich sa\u00df da, schaute zu, wie leicht verz\u00f6gert die Aktivisten wie kleine Spielfiguren von irgendwoher Holzpaletten anschleppten, um sich an den Feuern zu w\u00e4rmen und wie der Qualm wie Nebel \u00fcber den Platz zog und dem Geschehen etwas mystisches gab, w\u00e4hrend ich mir ein Br\u00f6tchen schmierte, 1.440 Kilometer Luftlinie entfernt. Und nun klappe ich meinen Laptop wieder auf, gebe die Stichworte \u201eKamera\u201c, \u201eVerkehrs\u00fcberwachung\u201c, \u201eMaidan\u201c und \u201eKiew\u201c ein und werde sogleich f\u00fcndig und schaue von nun an immer wieder auf den Maidan-Platz mit der Unabh\u00e4ngigkeitss\u00e4ule, mit dem adretten Pflaster, der versonnen daliegt, was mich sofort beruhigt. Nirgendwo Milit\u00e4rfahrzeuge, nirgendwo Soldaten, nirgendwo Einschl\u00e4ge, nirgendwo Rauchschwaden, wie ich sie immer wieder kurz im Fernsehen sehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Von nun an schaue ich immer wieder \u00fcber die Kamera auf den Maidan. Morgens, wenn der Himmel hell wird, Mittags, wenn manchmal so viele Autos unterwegs sind, dass man ihnen beim \u00dcberholen zusehen kann, abends, wenn Ausgangssperre herrscht und niemand mehr auf der Stra\u00dfe ist und ich nicht wei\u00df, ob ich nicht auf ein Standbild schaue.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist es magisches Denken, dem ich hier folge: So lange der Maidan so ruhig als Bild vor mir liegt, so lange gibt es noch Hoffnung auf ein halbwegs gutes Ende und also lasse ich das Webcam-Bild an, ziehe es klein, lasse es im Hintergrund laufen, ziehe es gelegentlich wieder gro\u00df. Und als Norddeutscher mit den entsprechenden Mythen und Bildern gef\u00fcttert, fallen mir die \u00d6lschinken aus dem 18ten und 19ten Jahrhundert ein, wie sie etwa im Hauptsaal des Museum der Kunst der Westk\u00fcste auf der Insel F\u00f6hr zu sehen sind, von den Frauen, wie sie in ihrer Tracht abends am Strand vor wolkenschwerem Himmel stehen und aufs Meer schauen, dass vielleicht irgendwo da in der fernen Ferne ein Schiff sichtbar wird, sich n\u00e4hert, mit ihren M\u00e4nnern an Bord, die also diesmal nicht ertrunken sind, die heimkommen, die erst mal bleiben, irgendwann f\u00fcr immer, aber wahrscheinlich hatten die Fischersfrauen f\u00fcr ein solches am Strandstehen gar nicht die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal hat es \u00fcber Nacht noch einmal geschneit, der Platz liegt wie verzuckert da. Einmal geht ein Mann mit einem Hund quer \u00fcber den Platz, er l\u00e4sst ihn von der Leine, h\u00e4lt ihn fest, als er die mehrspurige Stra\u00dfe am linken Bildrand \u00fcberqueren will und dann l\u00e4uft der Hund wieder frei. Einmal f\u00e4hrt ein Feuerwehrfahrzeug langsam vorbei und das blaue Licht vorne und hinten erhellt ruckartig den regennassen Asphalt. Manchmal ist Luftalarm (als ich Kind war, hing in unserem Treppenhaus ein laminiertes Plakat mit Grafiken zu den damals \u00fcberall aufgestellten Sirenenmasten f\u00fcr den Fall eines Luftangriffes, und ich versuchte mir die verschiedenen Tonfolgen vorzustellen und dann einzupr\u00e4gen, sollte es zum Einsatz von atomaren, biologischen oder chemischen Waffen kommen, also wie unterschiedlich die Sirenen dann jeweils klingen w\u00fcrden; auch, wie es sich anh\u00f6ren w\u00fcrde, wenn schlie\u00dflich die Entwarnung folgte: ein langer, gleichm\u00e4\u00dfiger Ton, weder auf- noch abschwellend, ein schnurgerader Ton von genau drei Minuten und alles w\u00fcrde wieder vorbei sein, damit endete das Plakat, an dem ich jeden Tag vorbei ging).<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal finde ich eine andere Kameraeinstellung: Der Europa-Platz ist zu sehen, eine recht schmucklose Parkanlage, es ist ja noch fr\u00fch im Jahr, die B\u00e4ume und Str\u00e4ucher entsprechend blattlos, braun und karg; zwei Checkpoints sind zu erkennen, die darauf zufahrenden Autos verlangsamen das Tempo, die Milizion\u00e4re verlassen ihre Unterst\u00e4nde, sie schlendern auf die Fahrzeuge zu, beugen sich an der Fahrerseite vor, niemand muss aussteigen.<br>Ich schaue auf einen Grenz\u00fcbergang im Dorf Dorohusk, auf die Frauen mit ihren Kindern und ihren Rollkoffern und wie sie die Seite wechseln, hier kreuzt die Europastra\u00dfe E373, die weiter ins polnische Lublin f\u00fchrt, wie ich auf Google Maps abgleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal ist leise Musik ist zu h\u00f6ren, orchesterhafte T\u00f6ne. Ich wei\u00df erst gar nicht, wo her sie kommen. Dann f\u00e4llt mir auf, dass sie aus meinem Laptop sickern. Ich ziehe das Kamerabild gr\u00f6\u00dfer und schaue auf eine neue Szenerie: Mitten auf dem Maidan hat sich im Freien ein Orchester aufstellt, hinten die Bl\u00e4ser, vorne die Streicher, von mir aus rechts sitzend die Cellistinnen. Ein \u00e4lterer Mann dreht mir den R\u00fccken zu und dirigiert mit dem Taktstock die Musik: f\u00fcr mich eine Mischung aus einer flotten Polka und einem Marsch, die Hymne der Ukraine, wie ich sp\u00e4ter lese. Dann wird die Europa-Hymne gespielt, die Ode an die Freude, der letzte Satz aus Beethovens Neunter, langsam und tragend, die Musiker und Musikerinnen sind warm angezogen, in dicken, gef\u00fctterten Jacken, manche mit M\u00fctzen und in Stiefeln, und mir steigen die Tr\u00e4nen in die Augen, w\u00e4hrend die vor Ort anwesende Presse applaudiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal rutscht kurz ein dunkler Schatten ins Bild, verdeckt die Sicht. Tauben, die sich auf dem Dach kurz niederlassen und vor der Kamera auf und ab gehen, dann seitlich wieder wegfliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich solle aufh\u00f6ren mit diesem Kamera-Schauen, richtet meine Frau mir aus, habe unser l\u00e4ngst erwachsenes Kind gesagt, nachdem die beiden miteinander telefoniert haben. Das t\u00e4te mir nicht gut, ich w\u00fcrde mich nur verr\u00fcckt machen und \u00fcberhaupt sei niemanden damit geholfen. \u201eJa, ja\u201c, sage ich wie ein alter Zausel, dem man sagt, dass er seine fleckige Strickjacke zukn\u00f6pfen soll, wenn er nach drau\u00dfen ins Kalte geht, als ob es darauf noch ankommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Nina schreibt mir eine E-Mail. Eine neue S\u00e4ngerin hat einen supercoolen Song herausgebracht, jung und frisch und vor allem unverkrampft sei die Musik, man m\u00fcsse sich nur melden, dann schicke sie Fotos und den Streamer und den Video-Talk und was nicht noch alles an Promo-Material gibt. \u201eMir ist grad nicht nach lustiger Popmusik, vielleicht ein anderes Mal\u201c, antworte ich und schicke die Mail gleich ab, damit ich meinem \u00c4rger freien Lauf lassen kann. Und bin im n\u00e4chsten Moment von mir selbst peinlich ber\u00fchrt: Was kann denn diese Nina, die ich nicht kenne, daf\u00fcr, dass ich kaum noch Hoffnung habe und daf\u00fcr nach einem Ventil suche. Nach zwei Minuten antwortet sie, schreibt, dass sie wei\u00df Gott gern etwas anderes tun w\u00fcrde, dass sie sich so falsch f\u00fchlen w\u00fcrde, aber auch nicht w\u00fcsste, was zu tun, und wir w\u00fcnschen uns beide noch einen guten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWahrscheinlich werden bei euch ausgerechnet die Gr\u00fcnen die Wehrpflicht wieder einf\u00fchren, warte es ab\u201c, sagt Ivo, er sitzt am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz. Wir haben Z\u00fcrich hinter uns gelassen, auf dem Weg in die Ostschweiz, wo er im Waldstatter Otto-Bruderer-Haus eine Ausstellung hat, mit Fotos seines Bruders, der ein Jahr lang Tag f\u00fcr Tag immer wieder den S\u00e4ntis aus der immer gleichen Perspektive fotografiert hat, bevor er sich das Leben nahm, dazu liest Ivo an ausgew\u00e4hlten Tagen seine sch\u00f6nen Texte, die sich seinem Bruder, dem Tod, der Trauer, dem Verschwinden und dem was dennoch bleibt und nicht verschwindet wird, widmen.<br>Es wird h\u00fcgelig, nachdem wir die Autobahn verlassen haben und wir \u00fcber die D\u00f6rfer fahren. Ivo braucht neue leichte Wanderschuhe, und wir halten bei einem gro\u00dfen Outdoorausstatter in einem modernen Bau aus Holz und Glas, und ich sehe Ivo dabei zu, wie er nacheinander verschiedene leichte Wanderschuhe probiert, je ein paar Schritte geht, vor und zur\u00fcck, auch \u00fcber die Br\u00fccke, die mitten im Verkaufsraum aufgebaut ist, in der Mitte ist sie mit groben, kantigen Felssteinen besetzt und wie ihn die junge Verk\u00e4uferin ber\u00e4t, schaue ich, Schuhe wegbringt, neue Schuhe holt, wie die beiden eintauchen in diesen so wunderbaren schwebenden Schwyzer-deutschen Singsang, wie die junge Frau ihre F\u00fc\u00dfe immer wieder sehr akkurat nebeneinander stellt, sie tr\u00e4gt makellose wei\u00dfe Turnschuhe, ihre dunklen, lockigen Haare wippen, wenn sie in die Knie geht und pr\u00fcft, ob Ivos Zehen vorne schon ansto\u00dfen oder ob genau genug Platz ist, Lilian hei\u00dft sie mit Vornamen, wie ich ihrem Namensschild entnehme und sie spr\u00fcht so voller Kraft und Energie und Freude, w\u00e4hrend ich zwischendurch auf dem Handy schaue, was es f\u00fcr neue Nachrichten aus der Ukraine gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zu Hause, wieder in Hamburg lese ich mich durch die Zeitungsstapel. Reportagen folgen auf Analysen, dazu Kolumnen, Kommentare. Und zwischendurch immer wieder die Ermahnungen seinen so genannten Medienkonsum kritisch zu betrachten, das Handy auch mal wegzulegen, nicht jede Sondersendung sehen zu m\u00fcssen, stattdessen rauszugehen, an die frische Luft, spazieren zu gehen, vielleicht sp\u00e4ter laut Singen, weil das irgendwelche Gehirnareale mit Botenstoffen flute und es einem deshalb wieder besser ginge, sollen das doch alle machen, ich nicht.<br>Meine Lieblingskommentatorin Jagoda Marini\u0107 schreibt auf der Meinungsseite der Taz: \u201eEs ist, als h\u00e4tte das Grauen, das Leben eben auch sein kann, keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft, ohne dass man die emotionalen Reaktionen auf diesen Schrecken sofort pathologisieren oder wegberaten m\u00fcsste. Man sucht oder gibt sofort Rat, wie das Leiden wieder weggehen kann, statt eben diesen Leidensdruck als etwas zu erkennen, das wieder an die Welt zur\u00fcck gerichtet werden muss: Wir leiden an diesem Unrecht und sollten das gesellschaftlich zum Ausdruck bringen, nicht nur Ratschl\u00e4ge erteilen, wie es uns gelingen kann, an dem Elend nicht zu leiden.\u201c Und dann: \u201eWir m\u00fcssen lernen, den Schock zuzulassen, Zusammenh\u00e4nge tiefer zu verstehen. Statt das Leiden zu privatisieren, ist es Zeit zu fragen: Was m\u00fcssen wir tun?\u201c<br>Ich sto\u00dfe auf einen Artikel der Journalistin und Trauerbegleiterin Caroline Kraft. Sie schaut auf die Trauer und wie sie unsere eingespielten Abl\u00e4ufe torpediert, unsere Routine und wie sie uns st\u00f6rt, wie sie nervt, weil so viel Zeit braucht und verlangt und nicht in unser Leben passen will. \u201eWir sollten uns st\u00f6ren lassen. Wir sollten als Gesellschaft trauern. Und manchmal kann kollektive Trauer auch den Ansto\u00df geben f\u00fcr individuelle Trauer\u201c, schreibt sie. Dann erz\u00e4hlt sie, wie sie ihren Laptop zuklappt, ihren Redakteur anruft, ihm mitteilt, dass sie den Abgabetermin nicht einhalten wird, sie geht lieber spazieren, denkt dabei \u00fcber das Leben nach, dass sich von einem Tag auf den anderen \u00e4ndern kann, wie wir nun alle wissen.<br>Vielleicht liege ich falsch, aber mir ist bei all den Lekt\u00fcren, bei all den Sichtungen, dass ich st\u00e4ndig auf M\u00e4nner sto\u00dfe, die schon wieder alles wissen, dass sie superklug ableiten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die Frauen die Fragen stellen und dem Zweifel Raum geben, und ich will mich da selbst keinesfalls ausnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs soll ja Leute geben, die schauen den ganzen Tag Nachrichten\u201c, sagt Trygve, seit mehr als 25 Jahren aller sieben bis acht Wochen mein Friseur. \u201eJa, ich\u201c, sage ich, und er schaut mich kurz \u00fcber den Spiegel an, dann schneidet er weiter, und wir fangen langsam an dar\u00fcber zu reden, was dieser Krieg mit uns macht, tasten uns vor, ob wir uns einig sind. Vorne, wo man sich setzen kann, um zu warten, liegt der STERN, Wolodymyr Selenskyj blickt mich aus dem Dunklen heraus an, \u201eHeld der Freiheit\u201c ist der Untertitel.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Beilagen zur halb abgesagten Leipziger Buchmesse sind diesmal voll mit lobenden Rezensionen der B\u00fccher russischer und ukrainischer Autoren, meist aus Verlagen, von denen man noch nie geh\u00f6rt hat (wenn man diese B\u00fccher gelesen h\u00e4tte, man h\u00e4tte Bescheid gewusst, man w\u00fcrde nicht so dumm dastehen, das ist die Botschaft). Und es gibt Solidarit\u00e4tslesungen und Solidarit\u00e4tskonzerte und im Bauhausmuseum in Dessau m\u00fcssen aus der Ukraine Gefl\u00fcchtete ab sofort keinen Eintritt zahlen und selbst im Drogeriemarkt Budnikowsky runde ich die Summe auf, als ich mir neue Rasierklingen kaufe, aus Solidarit\u00e4t mit der Ukraine, warum auch nicht. Alles l\u00e4uft so schnell so reibungslos, so eingepasst, so wie der Bettler, ein Roma aus Bulgarien, soweit ich wei\u00df, der seit gut zwei Jahren durch unser Viertel streift, den Becher f\u00fcr die erschnorrten Geldst\u00fccke holt er sich immer wieder neu aus dem ganz in Wei\u00df gehaltenen neuen Coffee-Shop, in dem die jungen Leute vor ihren Laptops hocken und in dem auch ich gelegentlich sitze, jetzt \u201eUkraine, Ukraine\u201c murmelt, um seine Tageseinnahmen zu erh\u00f6hen, was ihm nur sehr begrenzt gelingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile ist die Maidan-Kamera meistens offline, ich weiche l\u00e4ngst auf andere Web-Kameras aus, die angeboten werden, nicht immer wird eine Verbindung hergestellt, \u201eWebcam-Streams aus der Ukraine sind nicht stabil\u201c ist zu lesen, und einmal ist da der Blick auf ein Kiewer Hochhaus, das noch im Bau ist, hochgezogen ist es, Stockwerk f\u00fcr Stockwerk ragt es vor mir himmelw\u00e4rts, noch fehlen die T\u00fcren, noch fehlen die Fenster, fehlen Gardinen, w\u00e4hrend auf dem Europa-Platz weiterhin die Milizion\u00e4re in aller Seelenruhe auf die langsamer werdenden Autos zugehen, so sieht es jedenfalls f\u00fcr mich aus weiten Ferne aus, w\u00e4hrend es langsam dunkel wird, es ist in Kiew ja eine Stunde sp\u00e4ter. Und ich gehe p\u00fcnktlich aus meinem B\u00fcro, um rechtzeitig zu Hause zu sein, dass ich die Nachrichten nicht verpasse, nicht die Bilder, die ich nicht loswerden will.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder ist ein Tag geschafft, ich lese noch ein paar Seiten, der Wecker ist gestellt, ich nehme ein letztes Mal f\u00fcr heute mein Handy, scrolle mich durch die Nachrichten, auf die ich doch eben schon geschaut habe und dann finde ich einen Blick auf das n\u00e4chtliche Kiew, das so ruhig daliegt und ich hoffe so sehr, dass es so bleibt, wenn ich schlafe und wenn ich wieder wach bin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie fassen, was nicht zu fassen ist? Wie zu verstehen suchen, was kaum zu begreifen ist? Das Handy weglegen, weniger Nachrichten schauen? Blicke auf die Webcam-Streams via Kiew und die Gedanken dazu. Am Morgen nach der Redaktionssitzung vom ERNST sitze ich mit Ivo in seiner K\u00fcche, wir fr\u00fchst\u00fccken, wir reden \u00fcber den Krieg. 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