{"id":334,"date":"2021-06-26T11:13:28","date_gmt":"2021-06-26T09:13:28","guid":{"rendered":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=334"},"modified":"2024-06-02T13:35:56","modified_gmt":"2024-06-02T11:35:56","slug":"wir-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=334","title":{"rendered":"Wir bleiben!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Manchmal ist es schon viel, wenn man bleibt. Und nicht wieder geht. Zu Besuch bei den Lohmeyers, die in einem Nazidorf im Norden Ostdeutschlands leben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo waren wir stehen geblieben? Bei Birgit Lohmeyers Entschluss, der Sozialdemokratischen Partei Deutschland beizutreten und dann f\u00fcr diese bei der anstehenden Kreiswahl und der Gemeindewahl zu kandidieren. \u00abBisher waren wir au\u00dferparlamentarisch unterwegs, nun will ich es mal anders versuchen\u00bb, hatte sie gesagt, und ihr Mann hatte dazu genickt. Damals, zwei Jahre ist es her, hatte es geregnet, vom Morgen an, der Tag blieb tr\u00fcb und nass. Doch dann gab es \u00fcberraschend eine kurze Pause, wir waren hinter das Haus gegangen, durch das halbhohe, feuchte Gras. Die beiden hatten sich auf ihre Veranda gesetzt; von dort aus sieht man nichts vom Dorf, nicht die schwarz-wei\u00df-rote Fahne, die hier best\u00e4ndig flattert, das Meer ist nicht weit. Nicht das Wandbild mit der stilisierten Familie: ein Mann, der sch\u00fctzend seine kr\u00e4ftigen Arme um eine Frau und drei ebenso blonde Kinder h\u00e4lt, dar\u00fcber die Aufschrift \u00abDorfgemeinschaft Jamel, frei \u2013 sozial \u2013 national\u00bb. Sie aber sa\u00dfen von all dem abgewandt, erst auf den h\u00f6lzernen Treppenstufen und dann in zwei Korbst\u00fchlen, sich leicht schr\u00e4g gegen\u00fcber. Hinter ihnen ihr Haus, backsteinern, Fachwerk, eine ehemalige F\u00f6rsterei; dazu Anbauten, die einstigen Gesindekammern, Schuppen; dazu das Grundst\u00fcck, 7500 Quadratmeter gro\u00df, begrenzt von Mischwald.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2004 haben sie alles gekauft, Haus, Hof, Scheune, Gel\u00e4nde, sie wollten raus aus der l\u00e4rmigen Gro\u00dfstadt, wollten Ruhe, wollten Abgeschiedenheit, wollten ein sch\u00f6nes Landleben leben, und dass nebenan, in einem der knapp ein Dutzend H\u00e4usern, ein \u00fcberregional bekannter Rechtsextremist wohnte, das, dachten sie, bekommen sie hin. \u00abWir kamen aus Hamburg-St.-Pauli, da waren wir eine manchmal schwierige Nachbarschaft gewohnt\u00bb, sagte Horst Lohmeyer und f\u00e4hrt sich durch das Haar. Wir hatten danach noch im Garten gestanden, vor uns die Grundmauern der einstigen, niedergebrannten Scheune, die langsam \u00fcberwucherten; sie hatten mir die Baumsorten gezeigt: Apfel, Birne, Quitte, die sich bereit machten zu bl\u00fchen. Dann war ich wieder gefahren, runter vom Grundst\u00fcck der Lohmeyers, das kurze St\u00fcck auf der Forststra\u00dfe bis zur Zufahrtsstra\u00dfe, weiter bis zum n\u00e4chsten Ort, dann auf den mit Schlagl\u00f6chern gesprenkelten Stra\u00dfen weiter \u00fcber die D\u00f6rfer und hatte, ohne es gleich zu merken, aufgeatmet, als die Autobahn in Sicht kam, die einen rechts nach Hamburg, links nach Berlin f\u00fchren w\u00fcrde, in vermeintlich gro\u00dfst\u00e4dtische Sicherheit; hatte den Blinker gesetzt, mich eingef\u00e4delt, w\u00e4hrend sich der Himmel wieder dunkel zuzog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hat nicht geklappt, Birgit Lohmeyer ist nicht gew\u00e4hlt worden. Nicht in den \u00fcbergeordneten Kreistag Nordwestmecklenburgs und nicht in die regional wichtige Gemeindevertretung von G\u00e4gelow, der Ort, zu dem der Flecken Jamel geh\u00f6rt. \u00abIch habe 37 Stimmen bekommen\u00bb, sagt sie heute bei unserem zweiten Treffen, Kuchen steht auf dem Tisch, Kaffee h\u00e4lt sich in einer Stempelkanne bereit, aus einem Tetra-Pack l\u00e4sst sich Bio-Milch dazu gie\u00dfen: \u00abDas allein f\u00fcr sich war nicht so schlimm, so ist das Leben.\u00bb Sie sagt: \u00abAber was ich dramatisch finde, ist, das Herr Kr\u00fcger, der Nazianf\u00fchrer, nun im Gemeinderat sitzt, weil er mit seiner selbstgegr\u00fcndeten Liste \u2039W\u00e4hlergemeinschaft Heimat\u203a tats\u00e4chlich \u00fcber 400 Stimmen bei 2100 Wahlberechtigten mit jeweils drei Stimmen auf sich vereinen konnte.\u00bb<br>Sie nimmt sich ein St\u00fcck Kuchen, hebt die Gabel, l\u00e4sst sie wieder sinken, sagt: \u00abIch konnte mir bisher einbilden, dass wir in einer Samtgemeinde leben, die politisch gesehen relativ ausgewogen ist \u2013 das scheint nicht so zu sein und das ist ein ganz ungutes Gef\u00fchl.\u00bb Und ihr Mann erg\u00e4nzt: \u00abBei unseren Nazis wissen wir, das sind Nazis. Aber wer sind die hunderten Einwohner, die ihre Stimme f\u00fcr sie abgeben?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jamel. Ein Stra\u00dfendorf, ein Sackgassendorf. Wer hier hineinf\u00e4hrt, muss umkehren, um wieder herauszukommen. Hier wohnen die Lohmeyers, sind geblieben, bleiben weiterhin, ziehen nicht wieder weg und das allein ist bemerkenswert, und nun muss ein Name fallen: Sven Kr\u00fcger, Jahrgang 1974, nebenan in der Hansestadt Wismar geboren. Er will keinesfalls \u00abNeonazi\u00bb genannt werden, sondern besteht auf die Bezeichnung \u00abNationalsozialist\u00bb, so viel Tradition muss sein. Und es lie\u00dfe sich jetzt viel \u00fcber ihn nacherz\u00e4hlen, aber will man das, will man ihm so viel Platz einr\u00e4umen, er soll auch nicht partiell die Hauptperson werden, was ihm gefallen w\u00fcrde, der gute Kumpel von nebenan, der Macher, der Handwerker, der anpackt, wenn irgendwo etwas anzupacken ist, im Dorf, nach dem Winter, wenn die vom Frost maltr\u00e4tierte Dorfstra\u00dfe repariert werden muss oder wenn er beim Nachbarn anr\u00fcckt, der alleine die Arbeit nicht schafft, der also hilft, der daf\u00fcr steht, dass man f\u00fcr einander da ist und so eine Gemeinschaft wird, zu der man dann f\u00fcr immer geh\u00f6rt.<br>Es sei denn, da sind welche, die anders sind, dann geh\u00f6ren die weg.<br>Vielleicht noch nicht heute, auch noch nicht morgen, aber eines Tages oder wie Kr\u00fcger sein Profil auf seiner Facebookseite einleitet: \u00abWir werden siegen, irgendwann einmal, und ich lebe nur f\u00fcr diesen einen Tag.\u00bb<br>Diverse Strafen und mehrj\u00e4hrige Haftstrafen lie\u00dfen sich auff\u00fchren, schwere K\u00f6rperverletzung, r\u00e4uberische Erpressung, Hehlerei, Landfriedensbruch, Versto\u00df gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Aktiv in den rechtsextremen Kameradschaften, bei den Hammerskins, dann Parteikarriere, Kreistagsmandat f\u00fcr die NPD, dann die Maschinenpistole und die 200 Schuss Munition, die man bei ihm fand, als Polizeikr\u00e4fte in schusssicheren Westen sein Haus durchsuchten; der in der n\u00e4chsten gr\u00f6\u00dferen Stadt Grevesm\u00fchlen das \u00abThinghaus\u00bb er\u00f6ffnete, die NPD unterh\u00e4lt hier ein B\u00fcrgerb\u00fcro, gesichert mit Stacheldraht, Treffpunkt der rechtsextremen Szene Nordostdeutschlands bis heute, und noch mehr lie\u00dfe sich auflisten, aber nun soll es gut sein, es ist immer eine Balance-Akt: Das B\u00f6se fasziniert mehr als das Gute, und das Gute braucht viel Kraft und noch mehr Geduld, um zu bestehen und nicht die Hoffnung zu verlieren, dass das B\u00f6se nicht gewinnt.<br>\u00abWir sind die Jungs f\u00fcrs Grobe\u00bb nennt der Mann sein Abrissunternehmen, Gesch\u00e4ftssitz in eben Jamel, das muss noch erw\u00e4hnt werden: Abbruch, Entsorgung, Schadstoffsanierung, Erdarbeiten, man k\u00f6nnte es sich nicht besser ausdenken, was seine Mission ist. Und so hat er im Dorf nach und nach fast alle H\u00e4user, Geb\u00e4ude und Grundst\u00fccke aufgekauft, hat sich ausgebreitet, neue Bewohner zogen nach, Kameraden, auf die er sich verlassen kann, Weggef\u00e4hrten, K\u00e4mpfer, nachdem die vorherigen Bewohner auf wundersame Weise wegzogen; andere wieder schlossen sich ihm besser an, sind nun auf seiner Seite, gut vierzig Bewohner sind es, ein Drittel davon Kinder; auch die Gemeindewiese hat einer seiner Anh\u00e4nger von der Gemeinde anstandslos pachten k\u00f6nnen, wo lange Zeit die Einsatzfahrzeuge der Polizei parkten, wenn Kr\u00fcger und die Seinen von vor Ort und oder zugereist zum Rechtsrockkonzert kamen, wo bald der rechte Arm hochschnellt, oder zur Sonnenwendfeier mit Kinderfest; nun muss die Polizei au\u00dferhalb parken, will sie Personen \u00fcberpr\u00fcfen und Verfahren einleiten, will sie die Neonazi-Szene wenigstens im Blick behalten, so ist das hier in der Gemeinde, in deren Vertretung der Kr\u00fcger nun selbst sitzt und es noch einfacher hat als vorher schon.<br>\u00abEr ist ein Junge von hier\u00bb, sagt Birgit Lohmeyer: \u00abDas ist die g\u00e4ngige, quasi unpolitische Haltung, zu sagen: \u2039Wieso, das sind doch Jungs von hier.\u203a\u00bb Und damit w\u00e4re doch alles gut. Sie beide aber kommen nicht von hier, er, der Musiker, sie die Journalistin und Autorin, sie kommen aus der Stadt, der Gro\u00dfstadt, auch noch aus dem Westen, da hat man schon so einen schweren Stand. \u00abDas Ph\u00e4nomen auf dem Lande ist\u00bb, sagt sie, \u00abdass jeder mit jedem \u00fcber drei oder vier Ecken verwandt ist oder mindestens gut bekannt, da m\u00f6chte man es sich mit niemanden verscherzen.\u00bb Etwa, wenn der neue Freund der Schwester Anh\u00e4nger der Neonazis ist; nicht mit der Schwester m\u00f6chte man es sich verscherzen, nicht mit dem neuen Freund, der ja auch wieder andere kennt, weil die den kennen: \u00abDas ist sehr wirkm\u00e4chtig; wie oft habe sie das schon geh\u00f6rt: Ich sag dazu nichts. Oder: Ich halte mich da raus\u00bb, sagt Birgit Lohmeyer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beispiel nur, wie schwer es ist Gegenkr\u00e4fte zu mobilisieren, auszusteigen aus dem Sumpf der stillen Gew\u00f6hnung, nur kurz: neulich ein Anruf, vor ein paar Wochen, in Kl\u00fctz, einer Kleinstadt, knappe 25 Kilometer Richtung Ostsee entfernt, da werde das Amtsgeb\u00e4ude saniert und wer stehe da auf dem Ger\u00fcst? Die Arbeiter vom Kr\u00fcger! Dessen Jungs. Kl\u00fctz ist nicht irgendein Nest. Kl\u00fctz ist Vorbild f\u00fcr den imagin\u00e4ren Ort \u00abJerichow\u00bb aus den \u00abJahrestagen\u00bb, Hauptwerk des Schriftstellers Uwe Johnson, der hier ganz in der N\u00e4he aufwuchs und heranwuchs, der als der wichtigste deutsch-deutsche Dichter gilt, weshalb es in Kl\u00fctz das Uwe-Johnson-Haus gibt, als kulturelles Zentrum. Dazu hat man nebenan das einstige Schloss Bothmer allerfeinst renoviert, eine einzigartige Barockanlage, fr\u00fches achtzehntes Jahrhundert, mit Garteninsel und Park und Wassergraben und was so dazugeh\u00f6rt; \u00fcberhaupt hat sich Kl\u00fctz in den letzten Jahren recht schick gemacht und setzt auf den lohnenden Tagestourismus, wirbt mit \u00abSchlossstadt Kl\u00fctz\u00bb, und selbst wenn Kl\u00fctz ein Nest w\u00e4re, nicht weiter beachtenswert, literarisch g\u00e4nzlich unbedeutend, f\u00fcr Tagesg\u00e4ste uninteressant, wie kann es sein, das man die Firma eines bekennenden Nationalsozialisten mit \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4gen versorgt, dass man daf\u00fcr Steuergelder ausgibt und ihn so unterst\u00fctzt?<br>Und Birgit Lohmeyer setzt sich ans Telefon und ruft ihre SPD-Genossen an: \u00abIch hab Alarm geschlagen, und da hie\u00df es\u201a Ja, da m\u00fcssen wir mal bei unserem n\u00e4chsten Stammtisch dr\u00fcber reden, das nehmen wir mal als Thema: \u2039Unser Umgang als SPD mit dem Thema Rechtsextremismus\u203a, ich habe eine Referentin vorgeschlagen, die sich dazu gut auskennt, \u2039Nee, nee, das machen erstmal unter uns\u203a, hie\u00df es und der Termin, der gefunden wurde, war dann sechs Wochen sp\u00e4ter, und der Stammtisch selbst: \u2039Na ja, sch\u00f6n, dass wir mal geredet haben, so in etwa\u203a\u00bb, sagt sie. Okay, der Vorsitzende des SPD-Kreisverbandes habe zugesichert, dass mal ein Verwaltungsjurist auf die Geschichte schaut, so grunds\u00e4tzlich \u2013 sie ist gespannt, wann sie wieder etwas davon h\u00f6rt und ob \u00fcberhaupt. Und sie setzt eine Pause, nimmt jetzt doch vom Kuchen und sagt: \u00abAlso von der Lokalpolitik \u2013 puh \u2013 ich will sagen \u2013 doch: Ich bin entt\u00e4uscht.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von daher gilt es sich auf das zu besinnen, was gut ist, was gelingt, das geschieht nicht unbedingt vor Ort, das ist dann an Orten, die sind zuweilen etwas weiter weg. Und da laden sie Schulen zu Gespr\u00e4chen bis Workshops ein, Schulpaten sind sie so geworden; sie erz\u00e4hlen in Kirchengemeinden von ihren Erfahrungen und von der Notwendigkeit b\u00fcrgerschaftlichen Engagements; in Vereinen h\u00f6rt man ihnen zu, sie sitzen auf Podien, sie werden f\u00fcr Tagungen gebucht, neulich ging es nach Salzburg. Bei einem der Neujahrsempf\u00e4nge des Bundespr\u00e4sidenten waren sie geladen, sie haben den Paul-Spiegel-Courage-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland erhalten und ebenso den Georg-Leber-Preis f\u00fcr Zivilcourage; wichtige Regionalzeitungen ernannten sie zu den \u00abHelden des Nordens\u00bb. \u00abDie vielen Auszeichnungen streicheln auch die Seele; zeigen, dass wir zu den Guten geh\u00f6ren\u00bb, sagt Birgit Lohmeyer.<br>Denn da gibt es noch ihr Open-Air-Festival, \u00abJamel rockt den F\u00f6rster\u00bb, jedes Jahr im August richten sie es aus, seit 2007. Dann wird es hier voll, auf ihrer leicht absch\u00fcssigen Wiese hinter dem Haus, dann kommen die Unterst\u00fctzer, kommen Helfer, bauen B\u00fchne und Zelte auf; die Schirmherrschaft f\u00fcr das Festival hat aktuell die Ministerpr\u00e4sidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig inne; auch ihr Vorg\u00e4nger war entsprechend dabei.<br>\u00abHerbert Gr\u00f6nemeyer\u00bb hat hier gespielt, um namentlich ganz oben einzusteigen, dann die Band \u00abDie \u00c4rzte\u00bb, \u00abDie Toten Hosen\u00bb; auch \u00abFeine Sahne Fischfilet\u00bb und \u00abMax Herre\u00bb sind aufgetreten. Dieses Jahr wird wegen Corona alles ein paar Nummern kleiner ausfallen, wird sich das Festival aufteilen m\u00fcssen auf einzelne, kleinere Abende, wird niemand hier \u00fcbernachten k\u00f6nnen, aber immerhin. Darauf k\u00f6nnen sie sich st\u00fctzen und auf ihre Expertise als Experten in Sachen Rechtsradikalismus und l\u00e4ndlicher Raum und auch auf sich selbst, was keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich ist. Und ihnen f\u00e4llt jetzt das Paar ein, das sie mal besucht hat, sich Rat holen wollte, von dr\u00fcben, aus Niedersachsen, auf der anderen Elbseite, das Paar, das gem\u00fctlich in einem kleinen Dorf leben wollte, bei Jameln, was schon seltsam ist: fast derselbe Name, nur ein Buchstabe mehr. Ein wenig \u00e4lter, hatten sich dort auf einen entspannten Ruhestand gefreut; bis nebenan einer einzog, der gleichfalls Sonnenwendfeiern veranstaltete, mit der passenden Musik und weitere Leute mit der gleichen Gesinnung folgten. Auch Herr Kr\u00fcger aus Jamel war dort zu Gast. Sie haben sich dagegen gewehrt, sie haben Verb\u00fcndete im Dorf gesucht, nicht gen\u00fcgend stellten sich auf ihre Seite, sie haben die Presse eingeschaltet, sie wollten sich nicht unterkriegen lassen, sie haben es nicht geschafft, sie haben sich als Paar getrennt und sind auseinandergezogen. \u00abNicht jeder h\u00e4lt das durch, was wir durchhalten\u00bb, sagt Horst Lohmeyer.<br>Und dann strahlen sie sich an, die beiden; lachen, machen ihre Scherze am Kaffeetisch, von wegen: Er habe immer die Ideen, sie m\u00fcsse die dann umsetzen, was ihm oft nicht schnell genug gehe, der dann schon die n\u00e4chste Idee ausbr\u00fcte. \u00abEs ist ein Lebensinhalt geworden, dass wir hier sind\u00bb, sagt sie. \u00abWir k\u00f6nnen nicht anders\u00bb, lacht Horst Lohmeyer. Und dass sie hierbleiben werden, dass das jetzt ihre Heimat ist \u2013 und wer lasse sich schon seine Heimat wegnehmen, sagen sie listig.<br>Und er wird wieder ernst, muss noch mal erz\u00e4hlen, wie das hier so ist, schon atmosph\u00e4risch, damit man ihre Lage besser verstehe: \u00abAlso, zwei Jahre, nachdem wir hergezogen sind, meinte Birgit zu mir: \u2039Schau dich doch mal um, ob du hier mit jemanden Musik machen kannst.\u203a\u00bb Und er schaut sich um, ist \u00fcberrascht, wie viel hier los ist: \u00abInnerhalb kurzer Zeit hatte ich drei Bands an der Hand, wir haben geprobt, gespielt; klar, redet man auch mal \u00fcber Politik, \u00fcber Ost und West und \u00fcber die\u2009\u2026\u00bb, er hebt die H\u00e4nde, zeichnet Anf\u00fchrungszeichen unten und oben \u00fcber dem K\u00fcchentisch in die Luft: \u00ab\u2026\u2009Ausl\u00e4nder \u2013 und jemand, mit dem du Musik machst, der offensichtlich nicht zur rechten Szene geh\u00f6rt, der die auch ablehnt, der sagt zu dir: \u2039Aber was sollen denn die ganzen Neger hier?\u203a Da denkst du: Wo bin ich hier und was mache ich hier? Und das soll mal dein Freundeskreis werden?\u00bb<br>Wurde es nicht, wie auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie beim ersten Besuch gehen wir noch ein paar Schritte durch den Garten. Hier und da haben die Wildschweine aus dem angrenzenden Wald ihre Spuren hinterlassen, haben die Erde ein wenig umgepfl\u00fcgt und sind dann offenbar in aller Ruhe weitergezogen. Wir schauen den dicken Meisen zu, die so gut durch den Winter gekommen sind und hektisch von Zweig zu Zweig h\u00fcpfen. Und stehen am Ende auch diesmal vor den noch mal mehr \u00fcberwucherten Grundmauerresten der Scheune, eine Vierst\u00e4nderscheune, mit Stallungen, reetgedeckt, die in der Nacht des 12. August 2015 niederbrannte; die Kriminalpolizei fand Reste von Brandbeschleunigern, fahndete in entsprechende Richtung, aber der oder die T\u00e4ter wurden nicht ermittelt und das Verfahren eingestellt.<br>Sie hatten damals Ferieng\u00e4ste, ein Paar mit zwei noch kleinen Kindern. Die am Fenster standen und auf das lichterloh brennende Geb\u00e4ude schauten, nur wenige Meter entfernt, so wie es ein gro\u00dfes Gl\u00fcck war, dass das Feuer nicht \u00fcbersprang auf das Haupthaus. Es waren die letzten G\u00e4ste, an die sie vermietet haben. \u00abDas war schon traumatisch\u00bb, sagt Horst Lohmeyer. Er schaut in den Himmel, kneift die Augen zusammen, sagt: \u00abWir haben hier ja noch ein Haus stehen.\u00bb Und dann fahre ich wieder, schaue im R\u00fcckspiegel auf ihr Haus, ein kurzer, letzter, seitenverkehrter Blick; sehe, wie sie ins Haus tritt und er sich nach irgendwas auf dem Boden b\u00fcckt und es hochhebt. Und ich hoffe und mehr als das, dass es ihnen weiterhin gut geht, dass sie es sch\u00f6n haben und dass ihnen nichts passiert, bis ich das n\u00e4chste Mal wieder vorbeikomme, bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Erschienen in ERNST #18<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Foto: Frank Keil<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist es schon viel, wenn man bleibt. Und nicht wieder geht. Zu Besuch bei den Lohmeyers, die in einem Nazidorf im Norden Ostdeutschlands leben. Wo waren wir stehen geblieben? 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