{"id":308,"date":"2020-08-16T12:53:00","date_gmt":"2020-08-16T10:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=308"},"modified":"2025-05-01T19:48:39","modified_gmt":"2025-05-01T17:48:39","slug":"bilder-sind-fuer-viele-von-uns-die-letzten-gewissheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=308","title":{"rendered":"\u201eBilder sind f\u00fcr viele von uns die letzten Gewissheiten.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mit \u201eBilder einer Diktatur \u2013 Zur Visual History des \u201aDritten Reiches\u2018\u201c legt der Flensburger Historiker Gerhard Paul einen spannenden Bilder-Erkl\u00e4rungsband vor.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Foto aus Kiel beginnt es, mit einem Foto aus Flensburg endet es. Ersteres zeigt einen Chanukka-Leuchter in einem Fenster, w\u00e4hrend im Hintergrund ein mit Hakenkreuzfahne beflaggtes Geb\u00e4ude zu sehen ist, eine \u00fcberlegte fotografische Inszenierung im Dezember 1932 von Rachel Posner, Frau des Kieler Rabbiners Arthur Posner. Und das Flensburger Foto zeigt uns die Verhaftung des Hitler-Nachfolgers Karl D\u00f6nitz, des Reichsministers f\u00fcr Bewaffnung und Munition Albert Speer sowie den Leiter der Organisation Todt Alfred Jodl am 23. Mai 1945. Ein Akt, der \u2013 das wird man erfahren \u2013 mehrfach wiederholt wurde, damit die zahlreich anwesenden Pressevertreter nacheinander zu ihren Eindr\u00fccken und auch Bildern kamen, um so das endg\u00fcltige Ende der Dritten Reiches entsprechend visuell verbreiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>\u201eBilder einer Diktatur \u2013 Zur Visual History des \u201aDritten Reiches\u2018\u201c des mittlerweile emeritierten Professors f\u00fcr Geschichte und deren Didaktik an der Flensburger Europa-Universit\u00e4t Paul Gerhard ist, erz\u00e4hlt anhand von 42 ausgew\u00e4hlten Bildern wie sich unser Verst\u00e4ndnis der Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges bildlich grundiert hat. Der Zeitraum erstreckt sich dabei von 1932 bis 1945, ein Schwerpunkt liegt auf der Regionalgeschichte Schleswig-Holsteins. Das klassische, vielfach publizierte Reportage-Foto etwa vom Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg in Potsdam im M\u00e4rz 1933 ist ebenso vertreten wie der private Schnappschuss etwa vom Ausflug der Gestapo-Au\u00dfenstelle Flensburg an den Nord-Ostsee-Kanal am Himmelfahrtstag 1936. Das inszenierte Foto wird ebenso bedacht wie das Propagandaplakat; dazu gesellen sich Ausfl\u00fcge in die Bildende Kunst, etwa anhand eines Gem\u00e4ldes von Ernst Nolde oder Werken von Felix Nussbaum.<br>Manche Bilder sind einem sogleich vertraut, wie das bekannte \u201eSchlagbaum-Foto\u201c vom 1. September 1939 an der Grenze der damals deutschen Stadt Danzig zum Gebiet der Republik Polen; ein von vorne bis hinten gestelltes Bild, wie man erfahren wird, so wie \u00fcbrigens der Schlagbaum, der da sichtlich mit vereinter Manneskraft niedergerungen wird, vorher anges\u00e4gt worden war; andere Bilder sind weitgehend unbekannt wie eine verwackelte Schwarz-wei\u00df-Aufnahme aus dem Fr\u00fchjahr 1939 von der einger\u00fcsteten, zum Abbruch bestimmten einstigen Kieler Synagoge im Stadtteil Kiel-Schreventeich; ein unter gro\u00dfer pers\u00f6nlicher Gefahr gefertigtes Dokument, das den Fotografen, den j\u00fcdischen Studenten Otto Lehmann, bei einem ersten Versuch nach Sachsenhausen gebracht hatte, wie Paul erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Dessen Vorgehen ist formal bei jedem Bildmotiv gleich: Es beginnt mit einer klassischen Bildbeschreibung, in der recht genau aufgelistet wird, was im Detail zu sehen ist \u2013 und wer nun denkt, was auf einem Bild zu sehen ist, das s\u00e4he man ja selbst, wird hier seine ersten Aha-Erlebnisse haben. Dazu gruppiert sich eine Analyse der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des betreffenden Bilddokuments, garniert mit Informationen \u00fcber den Lebenslauf des beteiligten Fotografens oder Hinweise auf sp\u00e4tere Bearbeitungen des Materials, so dass man mit einer F\u00fclle von Zusatzinformationen neu schauen kann. Oder wie Paul sagt: \u201eSelbst bei Bildern, wo man denkt, da ist alles schon gesagt worden, gibt es etwas zu entdecken.\u201c Und dazwischen wie \u00fcberbr\u00fcckend eine kurze pers\u00f6nliche Sequenz des Autors, wie er auf das jeweilige Bilddokument gesto\u00dfen ist und welchen Irrt\u00fcmern er zun\u00e4chst selbst aufgesessen sei. Manchmal kam ihm einfach nur etwas komisch vor, ohne dass er sagen konnte, was. Und tats\u00e4chlich: Das diffuse Unbehagen weist oft den richtigen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerhard Paul, Jahrgang 1951, in Nordhessen aufgewachsen, studiert Geschichte und Sozialwissenschaften. Danach kommt er zum Fernsehen, wird Autor wie Regisseur von Fernsehdokumentation und allein, wie er dazu gekommen ist, ist eine Geschichte, die nacherz\u00e4hlt werden will: \u201eIch schrieb damals einen Leserbrief ans Fernsehen, weil ich mich \u00fcber einen Dokumentarfilm zur besten Sendezeit ge\u00e4rgert hatte, und der zust\u00e4ndige Redakteur antwortete mir nicht nur, sondern er schrieb sinngem\u00e4\u00df: \u201aWenn Sie meinen es besser machen k\u00f6nnen, dann kommen Sie doch vorbei und machen Sie es besser\u2018.\u201c Gesagt, getan.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Von 1975 bis 1984 ist er daher beim Fernsehen, dann geht er als Dozent nach Berlin ans Otto-Suhr-Institut der FU Berlin; 1994 folgt der Ruf als Professor an der Flensburger Universit\u00e4t, wo er bleibt und wo er sein Konzept einer \u201aVisual History\u2018 entwickelt, als Erweiterung wie Fokussierung des Instrumentariums der HistorikerInnen-Zunft gedacht: \u201eHistoriker besch\u00e4ftigen sich meist mit Textquellen, aber gerade in der Zeitgeschichte wird Politik, wird auch Propaganda immer mehr \u00fcber Bilder gesteuert, und wir Historiker realisieren das viel zu wenig\u201c, sagt Paul. Dabei gelte es Abschied zu nehmen, von der Vorstellung, das fotografische wie das filmische Bild sei eine Art Spiegel von Realit\u00e4t. Paul sagt: \u201eBilder sind f\u00fcr viele von uns die letzten Gewissheiten, deshalb h\u00e4lt man sich gerne an Bildern fest. F\u00fcr mich aber sind Bilder genauso konstruiert wie jeder Roman.\u201c<br>Und dieser Prozess endet zugleich nicht, wenn ein Bild hergestellt worden ist, es also sozusagen fertig ist, sondern setzt sich danach ebenso fort \u2013 wie Paul anhand der Ansichtskarte \u201eBoykott des j\u00fcdischen Gesch\u00e4ftes \u201aNord-Radio\u2018\u201c beschreibt: Aufgenommen vom Flensburger Fotografenmeister Walter Hannemann am 1. April 1933, wurde das dazugeh\u00f6rige Glas-Negativ Mitte der 1970er-Jahren vom Flensburger Stadtarchivar bearbeitet, der mit einem feinen Pinsel besonders die Gesichter der damals beteiligten \u00f6rtlichen SA-M\u00e4nner ausmalte, so dass diese nicht mehr zu erkennen waren. Entdeckt wurde die seinerzeitige Manipulation, als Gerhard Paul im Jahr 2000 das Bild im Rahmen einer universit\u00e4ren Geschichtswerkstatt seinen Studenten aush\u00e4ndigte, damit diese es inhaltlich befragten. Als diese es im Rahmen der entsprechenden Seminarpr\u00e4sentation einem \u00f6rtlichen Fotostudio \u00fcbergaben, um es recht gro\u00df aufziehen zu lassen, fiel die \u00dcberarbeitung auf. Bis heute wird sie, oft auch lokal und zeitlich falsch zugeordnet, weiter benutzt: etwa f\u00fcr Schulb\u00fccher. Der Vorgang der \u00dcbermalung, der sich ganz praktisch wiederholte, als 1983 anl\u00e4sslich einer Ausstellung auf dem Flensburger Museumsberg zum 50. Jahrestag der Macht\u00fcbernahme der damalige Museumschef eine Originalreproduktion eigenh\u00e4ndig vor Ort ausrmalte, weil zu viele FlensburgerInnen wissen wollte, wer damals dabei gewesen ist und auch mal die Lupe z\u00fcckten, hat dagegen kaum einen Widerhall gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe das Buch nur so nebenbei geschrieben, sagt Paul noch. Das mag einerseits professorales Understatement sein, mehr aber noch weist es in die Richtung, die Gerhard Paul weiter beschreiten wird. Er sagt: \u201eIch bin in einer linken Tradition gro\u00dfgeworden, wo man immer alles wusste, wo es Widerspr\u00fcche nicht gab. Ich aber habe immer Fragen gehabt \u2013 die ich mir jetzt langsam beantworten kann.\u201c Entsprechend widmet er sich auch Bildern aus den Kriegsmonaten, als Nazideutschland zusammen mit der Sowjetunion die Republik Polen \u00fcberrannte, was in Fotodokumenten gemeinsamer Milit\u00e4rparaden etwa in Brest-Litkowsk seinen Abdruck fand. Oder er fordert mit Blick auf die an Modernit\u00e4t ausgerichteten Zeitschrift \u201edie neue linie\u201c, die bis 1943 erschien, uns auf unser oft eindimensionales Bild der NS-Zeit zu korrigieren: \u201eDer Nationalsozialismus ist viel moderner gewesen, als wir uns das heute vorstellen: Er ist eine dynamische Diktatur gewesen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Und so ist \u201eBilder einer Diktatur\u201c nicht allein eine grunds\u00e4tzliche Untersuchung der Verf\u00fchrungskraft von Bildern, sondern immer auch eine Selbstbefragung und \u2013 Zufall oder nicht \u2013 sein f\u00fcnfzigstes Buch. Und auch wenn er im Gespr\u00e4ch hier und da die Bemerkung fallen l\u00e4sst, langsam m\u00fcsse er mal zum Schluss kommen, auch m\u00fcsse er \u00fcberlegen, wo sein enormer, \u00fcber Jahrzehnte angewachsener Bilderschatz eines Tages f\u00fcr die interessierte Allgemeinheit n\u00fctzlich untergebracht werden k\u00f6nne, ist das n\u00e4chste Projekt l\u00e4ngst angeschoben: \u201eIch bin ja jetzt in dem Alter, wo man sich seiner eigenen Geschichte zuwendet\u201c, bekennt der mittlerweile Siebzigj\u00e4hrige. Und geht einer n\u00e4chsten Spur nach: \u00a0Seiner Familiengeschichte, der seines Vaters, dessen Vaters und wiederum dessen Vaters, in deren Leben eines immer wichtig, pr\u00e4gend und bestimmend war: der Krieg. \u00dcber den nie gesprochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen in der Taz Nord am 10.3.2020.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eBilder einer Diktatur\u201c ist erschienen im Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen, 2020; 528 Seiten, 38 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit \u201eBilder einer Diktatur \u2013 Zur Visual History des \u201aDritten Reiches\u2018\u201c legt der Flensburger Historiker Gerhard Paul einen spannenden Bilder-Erkl\u00e4rungsband vor. Mit einem Foto aus Kiel beginnt es, mit einem Foto aus Flensburg endet es. 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