{"id":302,"date":"2020-08-16T12:50:27","date_gmt":"2020-08-16T10:50:27","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=302"},"modified":"2024-06-02T13:37:12","modified_gmt":"2024-06-02T11:37:12","slug":"und-dann-geht-man-so-vor-sich-hin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=302","title":{"rendered":"\u201eUnd dann geht man so vor sich hin\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Eine Wanderung durch die Hamburger Marschlanden mit dem Geh-Experten Christian Sauer.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gerade dieser Tage wichtig: Gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Gehen, um sich nicht in der schlechten Laune zu verbei\u00dfen. Und nebenbei lernt man ein wenig das echte Leben kennen und sch\u00f6n ist die Landschaft drumherum auch noch \u2013 ein Lob des Gehens.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ungef\u00e4hr Halbzeit. Und wir machen eine Pause. Setzen uns ins Gras, auf eine Unterlage, die gro\u00df genug ist, dass wir mit gen\u00fcgend Abstand nebeneinandersitzen k\u00f6nnen. Blicken geradeaus, wo sich die Gose-Elbe schillernd schl\u00e4ngelt und im Hintergrund sich drei Windr\u00e4der drehen. Der Himmel schaut geradezu spielfilmm\u00e4\u00dfig-dramatisch aus, dunkle Wolken t\u00fcrmen sich auf und verdecken die Sonne. Vielleicht f\u00e4ngt es gleich an zu regnen, zu sch\u00fctten, auch Hagelk\u00f6rner sind vor nicht einmal zwei Stunden gegen meine Fensterscheibe geprasselt und ich dachte: \u201aDas kann ja heiter werden.\u2018 Zur anderen Richtung, hinter uns, hinter den B\u00e4umen, hat man einen Blick auf die ferne Stadt, wie sie in einem leichten Dunst liegt, auf den Fernsehturm, auf einzelne Kircht\u00fcrme, auf Hamburg.<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin mit Christian Sauer unterwegs, ein Journalistenkollege, Coach und heute vor allem Autor des Buches \u201eDrau\u00dfen gehen \u2013 Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur\u201c, das in meinem Rucksack liegt. Es enth\u00e4lt eine Art Anleitung zum Gehen. Auch: eine Philosophie des Gehens. Also: einfach gehen. Gehen, um zu gehen. Gehen, um den Kopf frei zu kriegen. Gehen, um zu gelingen. Oder wie es der Sizilien-Wanderer&nbsp; Johann Gottfried Seume gesagt hat, den Sauer zitiert: \u201eIch bin der Meinung, dass alles besser gehen w\u00fcrde, wenn man mehr ging.\u201cUnd nat\u00fcrlich h\u00e4tten wir dar\u00fcber auch telefonieren oder skypen k\u00f6nnen, aber muss man nicht Gehen gehend erleben? Und zu zweit gehen ist ja erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er hat mich an der S-Bahn-Station \u201eMittlerer Landweg\u201c aufgegabelt, keine 20 Minuten brauchte ich vom Hauptbahnhof, ich hatte ein Abteil f\u00fcr mich. Stehe nun da und schaue auf den Schild \u201eMittlerer Landweg\u201c. Ein Weg durchs Land, ein Land, durch den ein Weg f\u00fchrt und dann noch ein \u201amittlerer\u2018. Ich bin an einem Ort, an dem ich nie bin, raus aus der Routine und pl\u00f6tzlich fange ich an ungezwungen zu denken \u2013 ist es wirklich so einfach?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir fahren ein St\u00fcck mit dem Auto, halten auf einem Parkplatz, steigen aus. B\u00f6iger Wind empf\u00e4ngt uns. \u201eDer Wind riecht nach Gr\u00f6nland\u201c, sagt Christian Sauer, und dann stapft er los und ich hinterher, entlang der Stra\u00dfe, dem Allerm\u00f6her Deich, einen Fu\u00dfweg gibt es nicht. Wer hier wohnt, tritt direkt auf die Stra\u00dfe, wenn er die Haust\u00fcr \u00f6ffnet.<br>Rechterhand von uns blinzelt der Eichbaumsee. Nat\u00fcrlich habe ich den Namen \u201eEichbaumsee\u201c schon mal geh\u00f6rt, zwei Kilometer lange Regattastrecke, geeignet f\u00fcr Wettbewerbe der Ruder- und Kanu-Disziplinen. Aber bin ich hier schon mal gewesen? Langsam wird mir warm.<br>Wir \u00fcberqueren eine kleine Br\u00fccke, gegen\u00fcber der Dreieinigkeitskirche, verlassen die Stra\u00dfe und sind am See angekommen. Zwei Angler haben sich am Ufer niedergelassen, ihre Gummistiefel sind so olivgr\u00fcn wie Hose, Jacke und Schirmm\u00fctze, ihr olivgr\u00fcnes Schutzzelt hat etwas von einem Unterstand f\u00fcr Soldaten. Ein paar Schritte weiter pfeift einer seinen neugierigen Hund zur\u00fcck, w\u00e4hrend er telefoniert. Ich habe mein Handy auf Rufumleitung gestellt. Selbstverst\u00e4ndlich.<br>Der Weg wird leicht schlammig, dann wieder sandig, als habe man ihn befestigt. Wir folgen keinem gekennzeichneten Wanderweg. Man m\u00fcsse den Weg kennen oder ihn einfach ausprobieren, aber hat man ihn ausprobiert, kenne man ihn anschlie\u00dfend, sagt Sauer, w\u00e4hrend wir in gem\u00e4chlichem Tempo weitergehen, dann stehen bleiben und auf eine vom Wind sich kr\u00e4uselnde Wasserfl\u00e4che schauen: Hier flie\u00dfen die Gose- und die Dove-Elbe zusammen, hier bekommt man auch eine Ahnung, dass das hier alles mal weites Sumpf- und Flussland war und sich die Elbe mit ihren Nebenfl\u00fcssen st\u00e4ndig neue Wege suchte und sie fand. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir biegen linkerhand ab, treffen auf einen leicht erh\u00f6hten Pfad: \u201eDas ist \u00fcbrigens ein alter Deich, auf dem wir jetzt gehen\u201c, sagt Sauer. Und eben hier setzen wir uns ins Gras, machen Pause.<br>\u201aGehen ist keine Sportart\u2018, ist einer von Christian Sauers Grundgedanken: \u201eSport hat etwas mit Ert\u00fcchtigung zu tun, sich auf etwas vorzubereiten, etwas rauszuholen, etwas zu fordern \u2013 Gehen dagegen ist etwas Absichtsloses\u201c, sagt er. Und selbst wenn man ein Ziel habe, seien etwa die Zeiten, die man daf\u00fcr brauche, dieses zu erreichen, unbestimmt: \u201eEs ist ein ganz anderer Ansatz, man passt sich den nat\u00fcrlichen Gegebenheiten der Landschaft an.\u201c<br>Gehen, wenn die Gedanken festh\u00e4ngen und sich nicht lockern lassen; gehen, wenn man die Punkte auf seiner To-do-Liste nochmals umkringelt, noch mal neu sortiert, nach Dringlichkeit etwa, sich so ablenkt, weil man l\u00e4ngst wei\u00df, dass man alles wieder nicht schaffen wird und die Laune wird schlechter und schlechter. Sp\u00e4testens wenn es so weit ist, dann \u2013 sagt und schreibt Sauer \u2013 sollte man sich halbwegs solide Schuhe anziehen, in eine Jacke schl\u00fcpfen und losgehen. Einfach losgehen. Wege, die man kennt und Wege, die man nicht kennt. Und mit Gl\u00fcck kommt man an Ecken vorbei, an denen man noch nie war oder die man vergessen hat, und mit Gl\u00fcck erlebt man etwas, was man nicht erlebt h\u00e4tte, wenn man zuhause geblieben w\u00e4re, mit seiner to-do-Liste oder was immer einem den Nerv raubt: ein kurzes, nettes Gespr\u00e4ch, ein kluger oder auch interessanter Gedanke, der einen anfliegt; ein Tier, das vor einem aufspringt und dem man hinterher schaut, ein Regenschauer, mit dem man nicht gerechnet hat und der auch wieder aufh\u00f6rt. \u201eIn dem Moment, wo man rausgeht, wird das Leben ein wenig unberechenbarer\u201c, sagt er. Selbst im Hochsommer k\u00f6nne man im Umland von Hamburg einen Tag erleben, der einen ganz sch\u00f6n herausfordere. Man k\u00f6nne sich verlaufen, sich einen herben Sonnenbrand holen, man k\u00f6nne irgendwo landen, wo der Weg nicht weiterf\u00fchrt. Das m\u00fcsse nicht sein, aber es k\u00f6nne sein. \u201eWenn man sich in die Nichtperfektion der Landschaft begibt, ist man automatisch ein bisschen mehr im richtigen Leben\u201c, sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir kommen ins Philosophieren. Also so ins tiefsinnige Herumquatschen, wenn man von einem Gedanken zum anderen flaniert, ohne dass es am Ende zu etwas f\u00fchren muss, aber gerne kann, und dazu essen wir Haselnussschokolade und leicht trockene Haferkekse, direkt aus der Packung. \u201eFulbert Steffensky?\u201c, fragt er mich. Ich nicke. Ja, der Mann sagt mir was. Sauer besch\u00e4ftigt Fulberts Anschreiben gegen die Idee der Perfektion, der er seine Idee der gegl\u00fcckten Halbheit, der Wertsch\u00e4tzung von Halbheiten entgegensetze. Und da gebe es eine Art Br\u00fccke: \u201eWandern und Gehen hat etwas tolles von Halbheit\u201c, sagt er: \u201eMan bewegt sich fort, aber nicht so richtig irgendwohin. Es bringt nicht wirklich einen Nutzen, man k\u00f6nnte so viel produktiver und effizienter sein, auch schneller, die Bahn, den Bus nehmen oder das Auto \u2013 und dann geht man so vor sich hin.\u201c Was sein Potential h\u00e4tte: \u201eWo es von vornherein nicht in die Vollen geht, sondern in die Halben, \u00f6ffnet sich etwas, ist der Mensch mehr in seiner nat\u00fcrlichen Rolle in der Sch\u00f6pfung angekommen und kommt mal runter von seinem Auserw\u00e4hltheits-Tron.\u201c Und in diesem Moment werde es spannend. Er lacht: \u201eNein \u2013 es wird entspannend. Und wir kommen mal aus unserer Spannung raus, Menschsein ist ja so eine furchtbar \u00fcberdrehte Angelegenheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>In seinem Buch erz\u00e4hlt Christian Sauer von Wanderungen, die gleich da beginnen, wo er wohnt, mitten in der Stadt. Von Wanderungen im Hochgebirge erz\u00e4hlt er, die durchaus anspruchsvoll sind. Durch Rom ist er gewandert, auch durch Hongkong, er schw\u00e4rmt aber auch von Wanderungen durch vorgeblich langweilige norddeutsche Landschaften, weil diese einen dazu bringen das Besondere im Normalen und Selbstverst\u00e4ndlichen zu entdecken und einen daf\u00fcr empf\u00e4nglich zu machen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Und so kann es eben auch gut und gerne die Gegend rund um den Eichbaumsee sein, erreichbar mit dem Bus der Hamburger Verkehrsbetriebe, der Linie 321, die aller Stunde vom Mittleren Landweg bis zum Bergedorfer Bahnhof f\u00fchrt und nat\u00fcrlich auch umgekehrt.<br>\u201eWollen wir wieder?\u201c, fragt er, und wir stehen auf, packen Schokolade und Kekse weg, gehen einfach weiter, sto\u00dfen am Ende auf eine Autostra\u00dfe, den Reitbrooker Westerdeich. Ein Sprinter mit Tiefk\u00fchlkost kommt uns entgegen, ein Traktor donnert seiner Wege, zwei Kinder stemmen sich auf ihren Fahrr\u00e4dern gegen den Wind, der aufgefrischt hat, und sie gr\u00fc\u00dfen uns mit einem sehr knappen Nicken, weil wir nicht von hier sind. Und dann sind wir wieder allein, haben die Stra\u00dfe ganz f\u00fcr uns. \u00dcber uns immer wieder Schw\u00e4rme von Graug\u00e4nsen, die schnatternd in einem Bogen auf den tiefgelegenen Wiesen landen, bald wieder aufsteigen, ohne dass wir verstehen, warum sie mal das eine, mal das andere tun und warum manche der G\u00e4nse einfach sitzen bleiben und sich von all dem Hoch- und Runter-Geflattere so gar nicht hetzen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Sauer: Drau\u00dfen gehen \u2013 Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur.<br>Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 2019, 176 Seiten, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-87439-928-9.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen in der Evangelischen Zeitung<\/em>, <em>17.4.2020<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Foto: Frank Keil<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Wanderung durch die Hamburger Marschlanden mit dem Geh-Experten Christian Sauer. Gerade dieser Tage wichtig: Gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Gehen, um sich nicht in der schlechten Laune zu verbei\u00dfen. Und nebenbei lernt man ein wenig das echte Leben kennen und sch\u00f6n ist die Landschaft drumherum auch noch \u2013 ein Lob des Gehens. 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