{"id":299,"date":"2020-08-16T12:46:44","date_gmt":"2020-08-16T10:46:44","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=299"},"modified":"2024-06-02T13:37:25","modified_gmt":"2024-06-02T11:37:25","slug":"ich-hatte-lust-eine-liebesgeschichte-zu-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=299","title":{"rendered":"\u201eIch hatte Lust eine Liebesgeschichte zu erz\u00e4hlen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Corona-Virus war im Anmarsch, kurz zuvor habe ich den Schauspieler, Autor und Vollzugshelfer Steffen Schroeder im Hamburger Schauspielhaus getroffen. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Freibadsommer in den 1980er Jahren, das deutsche Gef\u00e4ngnissystem und Mitgef\u00fchl.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gest\u00e4ndnis vorab: Ich bin Fan. Fan von Tom Kowalski. Also Fan von Steffen Schroeder, der den Tom Kowalski spielt, den Kriminalkommissar Kowalski in der Serie \u201eSOKO Leipzig\u201c, der einzigen SOKO-Serie des ZDF, die es dauerhaft ins Abendprogramm geschafft hat. Tom Kowalski ist in dem vierk\u00f6pfigen Team der Typ: Die Freiheit geht mir \u00fcber alles! Entsprechend hat er keine feste Wohnung, wohnt lieber im Wohnwagen oder im ausgebauten Bus, f\u00e4hrt zudem sehr rasant Rennrad, ist oft pleite, trinkt gern, und einen Freund w\u00fcrde er nie h\u00e4ngen lassen. Nur sich an Vorschriften halten, was man ja als Polizist&nbsp;besonders beherzigen sollte, korrekt und genau sein, das ist \u00fcberhaupt nicht seine Sache. Also: Verschwindet Kowals\u00adki mit dem Verd\u00e4chtigen im Verh\u00f6rraum und l\u00e4sst die Jalousien herunterrasseln, dann h\u00e4lt man als Zuschauer*in die Luft an und hofft, dass er sich wenigstens diesmal einigerma\u00dfen im Griff hat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So einen Typen also spielt Steffen Schroeder, der mich freitags zum Serien\u00adgucker gemacht hat, der gerade aus Leipzig zur\u00fcck ist, vom Dreh, wie es locker hei\u00dft. Und der auf seinen Kowals\u00adki angesprochen sagt: \u201eIch mag an ihm, dass er so geradeaus ist, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das hat durchaus mit mir zu tun, auch wenn ich dann wieder ganz anders bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das soll heute nicht das Hauptthema sein: Auf dem Tisch liegt ein Buch mit einem blauen, zarten Umschlag, es k\u00f6nnten Kacheln am Grunde eines Schwimmbeckens sein, wie einem Gem\u00e4lde von David Hockney entnommen: \u201eMein Sommer mit Anja\u201c. Ein Roman, der autobiografisch geerdet ist und frei erfunden zugleich \u2013 und in dem ein Freibad eine gro\u00dfe Rolle spielt, am Rande von M\u00fcnchen, wo Steffen Schroeder aufgewachsen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch hatte Lust, eine Liebesgeschichte zu erz\u00e4hlen\u201c, berichtet er: \u201e\u00dcber einen 14-j\u00e4hrigen Jungen, also in einem Alter, wo man noch nicht wei\u00df, wo es im \u00adLeben hingeht und was Liebe \u00fcberhaupt ist.\u201c Dazu geht es zur\u00fcck in die 1980er-Jahre: \u201eIch fand diese Zeit reizvoll, der Kalte Krieg war st\u00e4ndig in aller Munde, es gab Dinge wie Tiroler Nuss\u00f6l oder das Dolomiti-Eis und dann Helmut Kohl und die Songs der Neuen Deutschen Welle \u2013 davon zu erz\u00e4hlen, hatte ich Lust.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Held und Erz\u00e4hler ist Konrad, \u201eKonni\u201c genannt, was er hasst. Und der eines Tages beim Herumstromern durch die Wiesen und Knicks hinter dem Freibad auf ein M\u00e4dchen st\u00f6\u00dft, das sich mit Plastikt\u00fcten voller Sachen dort im Gestr\u00fcpp offenbar versteckt h\u00e4lt: Anja. Und auch wenn Anja eine erfundene Figur ist, so gibt es einen realen Hintergrund: \u201eEs gab nahe dem Freibad, wo ich aufgewachsen bin, ein Kinderheim, und wir Kinder aus gutb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen hatten oft Angst vor den Heimkindern.\u201c Die seien kriminell,&nbsp;hie\u00df es. \u201eUnd es kam auch vor, dass man schnell in irgendwelche Reibereien geriet, dass man, auf gut Deutsch gesagt, eine aufs Maul bekam.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch gleichzeitig ist da ein gro\u00dfes Mitgef\u00fchl: \u201eEs hat mich sehr ber\u00fchrt, wenn ich Geschichten geh\u00f6rt habe, da ist jemand aus dem Heim abgehauen und hat wochenlang in den Isarauen \u00fcberlebt.\u201c Denn die Auen entlang der Isar sind damals noch verwildertes Brachland, der Fluss selbst eine tr\u00fcbe Br\u00fche: \u201eHeute kann man ja in der Isar baden, damals galt Schwimmverbot \u2013 und ich fand es krass, dass andere in meinem Alter Wasser aus diesem ver\u00adgifteten Fluss trinken, in den man noch nicht einmal reingehen soll.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anja also lebt dort versteckt, die beiden freunden sich an, auch wenn Konrad nicht wei\u00df, wie er sie auch nur angucken soll. Dritter im Bunde ist \u00adHolger. X-beinig, ungelenk, geistig leicht behindert. Nie tr\u00e4gt er etwas anderes als schwarze Cordhosen, dazu ein wei\u00dfes Polohemd; spricht er leicht vernuschelt, fliegen Spuckefetzen aus seinem Mund. Konrad und er sind beste Freunde, irgendwie; Konrad wusste gar nicht genau, ob er das wollte, es geschah einfach und es ist gut so.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe von Menschen mit Behinderungen gelernt, dass sie ein unglaublich gro\u00dfes Herz haben\u201c, erz\u00e4hlt Schroeder. Und wem das jetzt zu pauschal, zu kitschig klingt \u2013 er kann das erkl\u00e4ren: \u201eIch habe es als Kind oft erlebt, dass nette Gesten unter Kindern sehr wohl ein Kalk\u00fcl haben. Also da war jemand besonders nett zu mir, er lud mich zu seinem Geburtstag ein \u2013 weil er wusste genau, in zwei Wochen habe ich Geburtstag, es war also ein Gesch\u00e4ft.\u201c Und dann gab es Kinder, die anders waren: \u201eBei diesen anderen Menschen bekam ich eine Liebe, die war v\u00f6llig ohne jedes Kalk\u00fcl. Ich bekam sie einfach.\u201c Und nicht nur das: \u201eWenn ich zu ihnen aus irgendwelchen Gr\u00fcnden bl\u00f6d war, sie ge\u00e4rgert habe, bekam ich die Liebe trotzdem. Und das hat mich v\u00f6llig irritiert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So kommen die drei zusammen, versuchen, Anjas Geheimnis zu bewahren, und es ist klar, dass dieser Sommer nach den Schulferien zu Ende gehen wird und es kein Happy End geben kann. \u201eAm Ende der Geschichte ist Holger, der als Trottel der Gesellschaft gilt, der nicht ganz richtig im Kopf ist, der Einzige, der alles schnallt\u201c, sagt Schroeder und lacht: \u201eDas ist etwas, was ich sehr gerne mag.\u201c Und was ihn auch beim Schreiben angetrieben hat, ist eine grunds\u00e4tzliche Frage: \u201eWieso haben manche Menschen die besten Start\u00adbedingungen ins Leben und bei anderen l\u00e4uft es von Anfang an schief und es wird nicht besser?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Steffen Schroeder kennt dieses Ungleichgewicht noch aus einer anderen Sph\u00e4re: dem Knast. Denn er ist nicht nur Schauspieler, ist nicht nur Autor, sondern er ist auch als ehrenamtlicher Vollzugshelfer t\u00e4tig, im Berliner Verein \u201eFreie Hilfe\u201c. Und dazu kam er, weil er immer wieder im Gef\u00e4ngnis drehte und sich irgendwann f\u00fcr ihn eine Frage aufdr\u00e4ngte: \u201eWie um Himmel willen kommt man hier rein?&nbsp;Und dann: Was ist, wenn man hier wieder rauskommt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und er will jetzt nicht falsch verstanden werden, Strafe muss es geben, falsches Handeln muss Konsequenzen haben, das steht f\u00fcr ihn au\u00dfer Frage, aber das System Gef\u00e4ngnis, das er \u00fcber Jahre durch die Betreuung von Inhaftierten gut von innen kennengelernt hat, wirft f\u00fcr ihn Fragen auf. Er holt tief Luft: \u201eWir nehmen Menschen, die bewiesen haben, dass sie unsere Regeln mit F\u00fc\u00dfen treten, schmei\u00dfen die zusammen in ein gro\u00dfes Haus, lassen die da drinnen, den einen ein paar Jahre, den anderen l\u00e4nger, und hinterher sollen die rauskommen und sich irgendwie gegenseitig reingewaschen haben, also das ist ein Konzept, das ich sehr fragw\u00fcrdig finde.\u201c Und auch wenn er jetzt kein Patentrezept hat, was man stattdessen machen sollte, so sieht er, in welche Gewaltspirale Menschen geraten, wenn sie in Haft kommen: \u201eIch lerne von vielen Straft\u00e4tern, dass sie mit kleineren Sachen angefangen haben und die wirklich schlimmen Dinge erst im Knast gelernt haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen liest er demn\u00e4chst auch im Berliner Jugendarrest, will versuchen, dort mit den Jungs zu reden: \u201eUm da zu landen, muss man schon ziemlich viel Schei\u00dfe gebaut haben; das ist, wenn man wirklich nicht mehr wei\u00df, wie kann man denen irgendwie Herr werden.\u201c Ihnen wird er zu erz\u00e4hlen versuchen, wie das l\u00e4uft, wenn man f\u00fcr Jahre einsitzt, wenn einen bald niemand mehr besucht; wenn einem nicht mal mehr jemand zu Weihnachten eine Karte schreibt. \u201eWas ich denen sagen will, ist klar: Ihr m\u00fcsst irgendwie die Kurve kriegen! Ihr d\u00fcrft nicht da landen! Ihr m\u00fcsst da weg!\u201c Steffen Schroe\u00adder sagt abschlie\u00dfend: \u201eWir m\u00fcssen die Leute, die nicht in unserer Gesellschaft funktionieren, wieder in die Gesellschaft zur\u00fcckholen, mit allen Mitteln. Das ist unsere einzige Chance.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt muss er los, muss im Betriebsb\u00fcro des Schauspielhauses noch technische Fragen kl\u00e4ren f\u00fcr seine heutige Lesung \u2013 es wird einer der letzten Abende sein vor der Schlie\u00dfung des Hauses aufgrund des Coronavirus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei seiner Lesung im Schauspielhaus war die Welt noch in Ordnung. Tage sp\u00e4ter wurde das Haus wegen des Coronavirus geschlossen. Foto: Andreas Hornoff<\/p>\n\n\n\n<p>Steffen Schroeder hat, bevor er zum Fernsehen kam, Theater gespielt, hat das in Essen an der Folkwang-Schule gelernt, war sp\u00e4ter unter Claus Peymann am Wiener Burgtheater engagiert, das ist theaterm\u00e4\u00dfig Champions League. Von daher braucht er keinen Moderator, so einen Abend wuppt er allein. Sitzt sch\u00f6n ausgeleuchtet im Rangfoyer des Schauspielhauses an einem kleinen Tisch und liest. Gibt Konrad seine Stimme, gibt Anja ihre Stimme, gibt Holger noch eine andere Stimme, ohne je zu \u00fcbertreiben. Erz\u00e4hlt zwischendurch, wie die Sommer in jenem Freibad waren, das sp\u00e4ter geschlossen wurde, das Gel\u00e4nde lag lange brach, nun werden dort Luxusapartments gebaut. Erz\u00e4hlt auch von seinem Ehrenamt im Knast und dass es f\u00fcr ihn kein \u00adWiderspruch ist, genauso Botschafter f\u00fcr den Wei\u00dfen Ring zu sein, der sich um die Opfer von Gewalttaten k\u00fcmmert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist der Abend zu Ende, und eigentlich k\u00f6nnten jetzt alle aufstehen und gehen, aber die Leute bleiben sitzen und gehen nicht. Halten die Stille gut aus, fragen etwas, schweigen, kommen dann doch nach vorne, lassen sich ein Buch signieren, plaudern miteinander. In der Mitte Steffen Schroeder, der gut gelaunt und freundlich mit jedem spricht. Was f\u00fcr ein durch und durch angenehmer Typ.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eMein Sommer mit Anja\u201c, Rowohlt Berlin, 2020, 208 Seiten, 20 Euro. \u00dcber seine Arbeit als Vollzugshelfer berichtet er in dem Buch \u201eWas alles in einem Menschen sein kann\u201c, Rowohlt Berlin, Klappenbroschur, 2017, 304 Seiten, 16,99 Euro. Neue Folgen der Serie \u201eSOKO Leipzig\u201c sind f\u00fcr den Herbst 2020 geplant. \u00c4ltere Folgen stehen in der ZDF-Mediathek.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen in Hinz&amp;Kunzt, Ausgabe 4\/2020<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Foto: ZDF\/ Uwe Frauendorf<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Corona-Virus war im Anmarsch, kurz zuvor habe ich den Schauspieler, Autor und Vollzugshelfer Steffen Schroeder im Hamburger Schauspielhaus getroffen. 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