{"id":296,"date":"2021-01-01T12:43:01","date_gmt":"2021-01-01T10:43:01","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=296"},"modified":"2024-06-02T13:36:31","modified_gmt":"2024-06-02T11:36:31","slug":"ja-wo-kommst-du-denn-her","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=296","title":{"rendered":"\u201eJa, wo kommst du denn her?\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Besuch im Ruhrgebiet bei Herrn Stemmann, beim Kurt und beim Pfarrer und bei der Schlaggemeinschaft der Richters und vor allem bei ihren Tauben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gestern Abend kam Herr Stemmann m\u00e4chtig ins Schwitzen. Sass vor seinem Taubenschlag und zweifelte an der Welt. Wie konnte das sein, was war?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Herr Stemmann, Vorname Theo, ein grosser, schlanker Mann, eher kein Gr\u00fcbler, eher ein Zupacker, aber nicht kopflos dabei, alles andere als ein Hektiker, daher sitzt jeder Griff, Landwirt, Reiter auch, vor allem aber Taubenz\u00fcchter und Taubenfreund \u2013 und das war so: Er nahm nachmittags seine Jungtauben, die Einj\u00e4hrigen, also die von diesem Jahr, setzte sie in seinen H\u00e4nger mit den einzelnen Transportf\u00e4chern und fuhr von Gelsenkirchen, wo er wohnt, r\u00fcber nach Recklinghausen, gut 25 Kilometer sind das. Parkte etwas ausserhalb der Stadt am Rande der Strasse, und liess seine Tauben fliegen, auf viertel vor Sieben stand die Uhr. Fuhr wieder heim, nahm sich einen Stuhl, setzte sich vor seinen Taubenschlag, um so ganz gem\u00fctlich zu schauen, wie seine Tauben zur\u00fcckkommen w\u00fcrden, im grossen Schwarm, in kleinen Schw\u00e4rmen, auch zu zweit zu dritt, nach einem ersten grossen Trainingsflug, dem weitere folgen sollen.<br>\u201eIch hab\u2018 bis neun Uhr dagesessen, keine Taube da\u201c, sagt Stemmann und l\u00e4sst die Schultern h\u00e4ngen. \u201eIch bin reingegangen, hab meine Eltern fertiggemacht, zwanzig nach neun bin ich wieder raus, da waren 13 St\u00fcck von 73 St\u00fcck eingetroffen.\u201c<br>Ein Freund ruft zuf\u00e4llig an, auch ein Taubenkenner, beruhigt ihn, die w\u00fcrden schon noch kommen, nur Geduld. Und ein n\u00e4chster Schwarm kommt, mit 24 Tauben, und Stemmann sch\u00f6pft wieder Hoffnung: \u201eIch dachte, na, das sieht schon besser aus, denn ich dachte schon, na, jetzt musst du deine Jungen, die du gebunkert hast, aktivieren; die, die noch nie raus waren, denen einen Crashkurs verpassen, aber dann kamen noch ein paar.\u201c Der Stand heute Morgen: 50 Tauben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Herr Stemmann f\u00e4hrt los. Der Mercedes seiner Eltern muss mal wieder ausgefahren werden, will raus aus der Garage, wo er wettersicher steht. Er zeigt auf Flachbauten, auf Hausd\u00e4cher mit und ohne Schindeln. Da war mal ein Taubenschlag, da einer, da auch. \u201eWird schwieriger, das mit den Taubenhalten\u201c, erz\u00e4hlt er. Er weist auf Wiesen, auf denen seine Pferde stehen, dazu gepachtet; auf Felder, wo die Wintergerste w\u00e4chst oder der Futtermais. Er zeigt auf adrette, feinpolierte Einfamilienh\u00e4user, wo buntes Spielzeug weit verstreut im Garten liegt und das abends nicht wegger\u00e4umt wird, weil es genug davon gibt. Er sagt: \u201eWir hatten hier oben in Gelsenkirchen-Buer mal 500 Z\u00fcchter, jetzt sind es vielleicht noch 40.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die man zusammenhalten muss. Wo man jeden mitnehmen muss, auch die Alten, also die ganz Alten, die nur noch Tauben halten, weil sie schon immer Tauben hatten, denn wenn du als Taubenz\u00fcchter deine Tauben aufgibst, dann ist es nicht mehr lang und es ist mit dir vorbei. Und wer will das schon und es muss ja auch nicht sein.<br>Jedenfalls die Nachbarn. Wenn die das kennen, das mit den Tauben, am besten von fr\u00fcher, weil das so war, das man Tauben hatte, weil besonders hier im Ruhrgebiet auf jedem zweiten Dach welche sassen, damit die Bergleute, wenn sie wieder am Licht waren, auch den Himmel f\u00fcr sich haben wollten, dann ist es gut. Wenn nicht, wird es schwierig. Dann wird nachgefragt, wegen dem Dreck, den Federn, den Milben und was da noch durch die Luft fliegt, unsichtbar, aber zu riechen oder mindestens zu ahnen oder sich wenigstens vorzustellen, Allergene beispielsweise.<br>Herr Stemmann f\u00e4hrt auf die Einfahrt vom Kurt, Nachname Koitka, 85 Jahre alt. Der aus seinem Haus kommt, mit r\u00fcber zum Taubenschlag geht, langsam und bed\u00e4chtig, Schritt f\u00fcr Schritt. Ein bisschen unwirsch ist er vielleicht, was sich aber legt, als er in einem Taubenschlag aufrecht steht, von seinen Tieren erz\u00e4hlt und sich in ihrem Beisein warmredet. &nbsp;<br>12 Tauben hat er derzeit, die er fliegen l\u00e4sst, die Arbeit muss zu schaffen sein, sonst hatte er meist 24 und auch mal mehr, mehr als 16 St\u00fcck sollen es aber nicht mehr werden und ob er jetzt beim M\u00fcnchenflug mitmacht, eher wohl nicht. \u201eDas geht nicht mehr\u201c, sagt er, schliesst den Schlag wieder, streift die Sohlen der Hausschuhe ab, dass er nichts mitschleppt aus dem Schlag r\u00fcber ins Haus, wo Teppich liegt und er erz\u00e4hlt: \u201eIch wollte sie schon abschaffen, hatte einen Zusammenbruch, da war ich ganz weg von der Rolle, da wusste ich noch nicht mal mehr wie meine Kinder heissen, aber dann kam das so langsam wieder, da haben mich alle \u00fcberredet, sie zu behalten, auch meine Frau, die sonst immer sagte \u201aWeg w\u00e4re gut\u2018, aber nun meinte sie \u201aLass sie mal, damit du ein bisschen was hast\u2018 und das ist auch gut so.\u201c Und er schaut nach oben, in die Luft, in den Himmel, das werde man nicht mehr los, das schauen, ob da eine Taube fliegt und ob es eine ist, die zu einem geh\u00f6rt. Nebenan der Marokkaner oder ist es ein Iraker, der hat auch Tauben, die er aber einfach so fliegen l\u00e4sst, die dann ringsum auf den D\u00e4chern sitzen und gucken, wenn die Tauben vom Kurt am Sonntagvormittag zur\u00fcckkommen von ihren ordnungsgem\u00e4ssen Trainingsfl\u00fcgen und wissen, wo ihr Platz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geheimnis der Taubenzucht ist, dass es bis heute ein Geheimnis ist, warum die Tauben wieder zur\u00fcckfinden. Auch wenn sie 300, wenn sie 700 oder 800 Kilometer von ihrem Schlag entfernt auf einer freien Wiese ausgesetzt werden, was im Taubenz\u00fcchterdeutsch \u201eAuflassplatz\u201c heisst, finden sie zur\u00fcck, landen wieder in dem Schlag, aus dem sie kommen. Warum sie sich nicht einfach in alle Winde verstreuen, nachdem sie wie in einer silberblauen Wolke himmelaufw\u00e4rts stieben, die ersten Minuten noch eng zusammenbleiben wie Herr Stemmann mal kurz auf seinem Smartphone zeigt, warum sie sich nicht in irgendeinem Schlag niederlassen, an dem sie unterwegs vorbeikommen und wo es auch nett ist, so recht weiss man es nicht. Sondern man weiss eben aus Jahrzehnten erlebter Erfahrung, dass sie zielgenau dorthin zur\u00fcckfliegen, wo man sie Stunden zuvor vorsichtig gegriffen und in eine der Transportboxen gesteckt hat, die am Ausgangsort synchron ge\u00f6ffnet werden: Bis zu 1.200 Tauben steigen dann gleichzeitig in die Luft und fliegen um die Wette ins jeweilige weitentfernte zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Theorien, \u00fcber das Zur\u00fcckfinden. Irgendwas mit dem Magnetfeld der Erde, der Ausrichtung nach der Sonne, ein innerer Kompass, der in dem kleinen Taubenkopf sich so einstellt, dass der ihm gehorchende Taubenk\u00f6rper genau den Kurven und Geraden folgt, die zu fliegen sind, dass es ohne grosse Umwege zur\u00fcck geht, unten an einem Fuss der Ring mit den Daten, die automatisch abgelesen werden, wenn die Taube den heimische Schlag erreicht und dabei in der Einflugklappe das Feld mit der eingebauten Elektronikschleife passiert, auf die Sekunde genau wird erfasst, wann sie ihren Schlag passiert hat, fr\u00fcher musste man daneben stehen und alles per Hand aufschreiben: Ringnummer, Uhrzeit, und wenn mehrere Tauben gleichzeitig reinflatterten, da den \u00dcberblick behalten, also einfach war das nicht.<br>Was man schon eher weiss, ist, welches Wetter den Tauben zusetzt: Sturm nat\u00fcrlich, dann Gewitter. Schon Regen ist nicht gut; auch nicht, wenn der Wind ihnen entgegenbl\u00e4st. Am besten also R\u00fcckenwind, blauer Himmel, klare Sicht und nicht zu heiss sollte es sein, dann geht alles gut. Wenn nicht Windr\u00e4der, Hochspannungsleitungen oder Greifv\u00f6gel dazwischenkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Stemmann ist weitergefahren, will bei Konrad Jeziorowski vorbeischauen. \u201eDas ist ein Guter\u201c, sagt er. Pfarrer, 1983 aus Polen ins Ruhrgebiet gekommen, das ja katholisch gepr\u00e4gt ist. Auch er in den 80ziger-Lebensjahren angelangt, l\u00e4ngst ausser Diensten, eigentlich, aber entschieden hilfsbereit und selbstlos: \u201eWenn sich die jungen Kollegen einen gelben Schein holen, nur weil es draussen regnet, dann kommt eben er und beerdigt\u201c, sagt Stemmann und f\u00e4hrt auf den Pfarrhof. Wo das Pfarrhaus steht, dass der Pfarrer bei der ersten besten Gelegenheit mit einem Spitzdach aufr\u00fcsten liess, in dem seitdem seine Tauben wohnen. Die er zusammen mit seinem Kumpel Hermann h\u00e4lt, eine h\u00e4ufig anzufindende Situation: zwei M\u00e4nner, ein Schlag, eine Schlaggemeinschaft.<br>Und es geht unters Dach, steile Treppen f\u00fchren hinauf, in den unged\u00e4mmten Spitzboden. Futter wird begutachtet, das in grossen S\u00e4cken bereitsteht, Tipps werden gegeben, wie der, Kr\u00e4uterhefe in der Apotheke zu kaufen, wo es weit billiger ist als im Taubenfutterbedarfshandel, wo sie das Doppelte verlangen und die Versandkosten kommen ja noch dazu.<br>Die M\u00fcnchenfahrt wird gestreift, \u00fcber das anstehende 100-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um ihres Vereins wird gesprochen, \u00fcber die Chinesen. Denn wenn etwas den allm\u00e4hlichen Niedergang der hiesigen Taubenzucht vielleicht nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen, aber zumindest deutlich verlangsamen kann, dann sind es die Chinesen.<br>\u201eDie Chinesen sind ganz verr\u00fcckt nach Tauben\u201c, sagt Theo Stemmann, f\u00fcnf-, sechsstellige Summen w\u00fcrden sie zahlen f\u00fcr Spitzentauben mit Spitzenleistung. Auch in diesem Sommer sei wieder einer hier in der Gegend unterwegs gewesen, ein Zwischenh\u00e4ndler, flankiert von Dolmetscher und Chauffeur. \u201eDer f\u00e4hrt von Z\u00fcchter zu Z\u00fcchter, l\u00e4sst sich nur die besten Tiere zeigen und wenn ihn eins interessiert, dann wird noch mal der Vater ins Bild gehalten, von dem es abstammt\u201c, erz\u00e4hlt Stemmann, per Smartphone sei der H\u00e4ndler mit wichtigen Online-Auktionen verbunden, auch Stemmann hat schon an die Chinesen verkauft und es habe sich gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann die Halle, gross, ger\u00e4umig, die dem Verein geh\u00f6rt, dem \u201eBrieftauben e.V. Gelsenkirchen-Buer von 1919\u201c. In einer Seitenstrasse gelegen, in einem kleinen Gewerbegebiet, in das Stemmann weitergefahren ist, ein schweres Rolltor vorneweg, man h\u00f6rt gleich, wie es ratternd hochgezogen wird, wenn demn\u00e4chst der Lkw einf\u00e4hrt, der die Tauben s\u00fcdw\u00e4rts bringt, bis runter bei M\u00fcnchen soll es diesmal gehen, der H\u00f6hepunkt des Jahres. Dann werden sie hier sitzen und auf dem Monitor verfolgen, wie nicht nur in Gelsenkirchen die Tauben wieder in ihren Schl\u00e4gen eintreffen, sondern auch in D\u00fcsseldorf und dr\u00fcben in Hamm, wo man mit den dortigen Vereinen und Reisegemeinschaften immer wieder Transportgemeinschaften bildet, nur die aus Essen machen mal wieder nicht mit. Aber auch so wird es noch mal voll werden, sp\u00e4testens bei der Siegerehrung, dann kommen sie noch mal alle zusammen, in diese Halle, erbaut, also aufgestellt im fernen 1986, als die Zeiten noch gut waren, bevor sie schlechter wurden.<br>Das Ger\u00fcst, die Konstruktion haben sie sich damals liefern lassen. Aber alles andere \u2013 in Eigenarbeit geschafft. Gemauert, Strom gelegt, die sanit\u00e4ren Anlagen eingebaut und dann alles ordentlich gefliest. Taubenzucht ist Handwerk und so kann man auch sonst anpacken, jeder Mann eine Aufgabe, die mit grosser Ernsthaftigkeit erledigt wird, sonst mache das keinen Sinn.<br>Denn Taubenhalten und -z\u00fcchten und das Taubentrainieren ist ein Sport, ist eine Leidenschaft, womit wir bei den Wettbewerben w\u00e4ren, den Meisterschaften, lokal, regional, \u00fcberregional, bundesweit, mit ersten, zweiten und dritten Pl\u00e4tzen, die in verschiedensten Kategorien zu erfliegen sind. Wie Regionalverbandsmeister mit 37 Preisen und 2811,96 Ass-Punkten oder J\u00e4hringenmeister mit 54 Preisen oder Weibchenmeister mit 35 Preisen, Titel, die der Heinz Richter und sein Sohn J\u00f6rg und ihr Kumpel Michael Lipski unter anderem vorweisen k\u00f6nnen, eine SG, eine Schlaggemeinschaft wie beim Pfarrer, nur diesmal zu dritt. Im angebauten Wintergarten bei den Richters ist die Wand entsprechend gespickt mit Urkunden und Plaketten auf dunklem Holz, auf einem Regalbrett reiht sich ein Pokal an den anderen. Die drei seien sozusagen erste Liga, seien spitze, seien immer ganz vorne dabei, sagt Stemmann und senkt die Stimme, dabei ist auch er einer, der vorne mitmischt und das nicht zu knapp. &nbsp;<br>\u00dcber die Alttauben sprechen sie nun und \u00fcber Zuchterfolge; \u00fcber Tauben, die sie verloren haben, die sonst bis zu 18 Jahre alt werden k\u00f6nnen, wenn man sie l\u00e4sst. Aber lange h\u00e4lt es sie nicht auf den St\u00fchlen, sie m\u00fcssen raus in den Garten, r\u00fcber zum Schlag, wo ihre Tauben gurren und warten, dass man nach ihnen schaut.<br>Doch irgendwann ist genug geredet, Herr Stemmann will langsam wieder los, auch die anderen haben zu tun, immer hat man genug zu tun und mehr als das, aber da ist noch eine Taube, die vorgezeigt werden will, deren Gefieder vorsichtig auseinandergezogen wird, damit sich zeigt wie sch\u00f6n die einzelnen Federn ineinander gef\u00e4chert sind, wie schmal und vollgeformt die Brust ist, das Kraftzentrum der Taube. Und wenn das geschafft ist, wenn alle dastehen, jetzt Jacke an, die Autoschl\u00fcssel in der Hand, die halbleeren Kaffeebecher vorsichtig ineinander gestapelt, ein letzter Blick in den Himmel, was der Habicht macht oder der Sperber, wenn es doch kein Habicht ist, der da so aufmerksam \u00fcber ihrem Schlag kreist und dann der Satz \u201eUnd von dem da, wer ist da der Vater?\u201c<br>Und alles geht wieder von vorne los: Taube aus dem Schlag holen, sie dazu behutsam, aber entschlossen greifen, das Gefieder begutachten, ihr ins Auge blicken, soll man doch am Ring um die Iris herum die Klasse und das Potential des Tieres erkennen, dann \u201eDas ist aber auch ein sch\u00f6nes Tier\u201c sagen und erst recht ins Erz\u00e4hlen kommen, so wie Theo Stemmann jetzt berichtet: \u201eIch hatte mal einen, der flog erst wie ein Eierarsch, sechs Touren nur zwei Preise und dann auf einmal f\u00fcnf St\u00fcck in Folge, eine echte Kanone.\u201c<br><br>Und dann ist er doch losgekommen, Theo Stemmann f\u00e4hrt auf seinen Hof, der der Hof seiner Eltern ist, den er nun f\u00fchrt, w\u00e4hrend er auf der gegen\u00fcberliegenden Strassenseite in seinem eigenen Haus wohnt. Steigt aus und streckt den R\u00fccken durch. Und pl\u00f6tzlich, wie im Drehbuch, wie bestellt, wie abgesprochen, kommen aus dem Graublau des Himmels zwei Tauben auf ihn zugeschossen, drehen rechtzeitig ab, ziehen noch eine lange, geschmeidige Kurve, die eine biegt nach links ab, verschwindet, wird kleiner und kleiner, bald ein Punkt, der kaum noch zu orten ist, die andere aber landet auf dem First des Schlages, faltet die Fl\u00fcgel galant zusammen und ruckt einmal keck mit dem Kopf. \u201eNa, wo kommst du denn her?\u201c, ruft Herr Stemmann und eine grosse Z\u00e4rtlichkeit liegt in seiner Stimme. Und die Taube schaut Herrn Stemmann an, und Herr Stemmann schaut die Taube an und dann macht die einen H\u00fcpfer, trippelt zur Einflugklappe, trippelt \u00fcber das Feld, das ihre Daten aufnimmt und speichert und schl\u00fcpft in den Schlag, segelt runter zum Futtertrog, f\u00e4ngt ohne Eile an zu picken, und jetzt ist alles gut.<br>\u201eDie anderen werden nun auch nach und nach kommen\u201c, sagt Stemmann. Und dass er ja eigentlich w\u00fcsste, dass manche Taube nachts irgendwo unterkommt, erst im Hellen weiterfliegt, denn morgens h\u00e4tten sie einen klareren Kopf. Und nun kann er gehen, die Pferde f\u00fcttern, die Boxen schliessen, seinen Eltern das Abendessen warmmachen und es ihnen hinstellen, sich zu ihnen sitzen, erz\u00e4hlen, was so war, tags\u00fcber, als er weg war und auch, dass seine Tauben fast alle wieder da sind, gut 24 Stunden sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen in ERNST #13<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Foto: Frank Keil<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Besuch im Ruhrgebiet bei Herrn Stemmann, beim Kurt und beim Pfarrer und bei der Schlaggemeinschaft der Richters und vor allem bei ihren Tauben. Gestern Abend kam Herr Stemmann m\u00e4chtig ins Schwitzen. Sass vor seinem Taubenschlag und zweifelte an der Welt. Wie konnte das sein, was war? 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