{"id":199,"date":"2019-07-06T16:40:14","date_gmt":"2019-07-06T14:40:14","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=199"},"modified":"2024-06-02T13:37:39","modified_gmt":"2024-06-02T11:37:39","slug":"kunst-nordwaerts-unbekannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=199","title":{"rendered":"Kunst, nordw\u00e4rts unbekannt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das\nSchifffahrtsmuseum Flensburg und das Kunstmuseum Museumsberg pr\u00e4sentieren das\nerste Mal in Deutschland zeitgen\u00f6ssische Kunst von den F\u00e4r\u00f6er. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Foto: Ingi\nJoensen<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz bevor\nauf den F\u00e4r\u00f6er der Sommer beginnt, wird im Kunstmuseum der Hauptstadt T\u00f3rshavn\nein Bild abgeh\u00e4ngt. Es stammt von dem Maler S\u00e1mal Joensen-Mikines, gemalt wurde\nes 1960, es hei\u00dft \u201eGrindadrap\u201c und zeigt in wuchtigen Farben und in\nexpressionistischem Gestus zwei M\u00e4nner, die am Strand einen Wal zerlegen.\nGrindwal, eine kleinere Walart, wird bis heute auf den achtzehn Inseln gejagt\nund auch gegessen. Entsprechend heftig wird das halbautonome Land, das\nau\u00dfenpolitisch von D\u00e4nemark verwaltet wird, ob seines Walfangs immer wieder\nkritisiert. Sollten nun tierschutzgepr\u00e4gte Touristen durch das Kunstmuseum\nschlendern und auf das Bild sto\u00dfen, bef\u00fcrchtet man heftige Diskussionen. Oder\nschlimmeres. <br>\nDiesen Sommer lagert das Bild nicht im T\u00f3rshavner Museumsdepot, sondern es\nh\u00e4ngt nach einer l\u00e4ngeren Reise im Schifffahrtsmuseum von Flensburg. Denn\nzusammen mit dem Kunstmuseum auf dem Museumsberg zeigt man die n\u00e4chsten Monate\nKunst von den Nordinseln. <br>\nEs ist die erste Kooperation der nahebeieinander liegenden Flensburger H\u00e4user,\nund es ist, was noch wichtiger ist, die erste Schau zeitgen\u00f6ssischer Kunst von\ndem Inselland zwischen Schottland und Island in der Bundesrepublik \u00fcberhaupt.\nDarunter sind zun\u00e4chst einige Arbeiten von eben Joensen-Mikines, mit dessen\nSchaffen in den 1930er-Jahren auf den Inseln die Bildende Kunst einzog, die es\ndort vorher nicht als eigenst\u00e4ndiges Genre gab. Mehr aber noch pr\u00e4sentieren\nsich an beiden Orten junge und j\u00fcngere K\u00fcnstler der Gegenwart in den Sparten\nFotografie und Malerei, Skulptur und Installation.<br>\nUnd das es so kam, kam recht verschlungen so: Als Museumsberg-Leiter Michael\nFuhr noch am Leopold-Museum in Wien t\u00e4tig war, griff er ein \u00f6sterreichisches\nTrauma auf &#8211; die Niederlage dessen Nationalmannschaft gegen die F\u00e4r\u00f6er bei der Fu\u00dfball-Europameisterschaft\nvon 1990. Denn damals hatte ein Team aus Fischern, Bauern und einem Postboten\ndie hochbezahlten Profis besiegt. Fuhr, interessiert und auch neugierig,\nrichtete seinen Kunstblick gen Norden. Und er zeigte im Sommer 2008 aktuelle f\u00e4ringische\nKunst, auch um das Bild einer angeblich r\u00fcckst\u00e4ndigen Fischergesellschaft\nsachte zu korrigieren.<br>\nAuf die damals gekn\u00fcpften Kontakte konnte er nun aufbauen; zudem reiste er mit\nder Leiterin des Schifffahrtsmuseum Susanne Grigull im letzten Jahr \u00fcber die\nInseln, auch um festzustellen, dass sich in den vergangenen zehn Jahren einiges\ngetan hat: Zwar muss der kunstinteressierte, junge Mensch immer noch die Inseln\nverlassen, will er sich in der Kunst in irgendeiner Form ausbilden lassen. Aber\ndie Zahl derer, die aus D\u00e4nemark, Skandinavien, England oder den USA\nanschlie\u00dfend zur\u00fcckkehren, nimmt best\u00e4ndig zu. Entsprechend hat sich neben dem\nbisherigen f\u00e4ringischen Kunstverein aus den 1940er-Jahren j\u00fcngst eine neue\nK\u00fcnstlervereinigung gegr\u00fcndet: diesmal als Netzwerk, als Plattform, auch als\nMarketing-Pool. \u201eWir sind insgesamt 50.000 Bewohner, darunter sind 20 Bildende\nK\u00fcnstler, die von ihrer Arbeit gut leben k\u00f6nnen, ich wei\u00df nicht, ob diese Quote\nauch f\u00fcr Deutschland gilt\u201c, sagt daher Astri Luihn, Musikwissenschaftlerin und\nMalerin. Sie hat j\u00fcngst eine Musikschule er\u00f6ffnet \u2013 in der auch Bildende Kunst\neine Rolle spielen wird. Von ihr gibt es neuere, sehr sch\u00f6ne wandgreifende\nMalerei zu sehen; Farbimplosionen, die von der St\u00e4rke weiter, wei\u00dfer Fl\u00e4chen erz\u00e4hlen.<br>\n<br>\n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vom Ringen mit dem Traditionellen und dem Einbruch des Anderen berichten dagegen die textilen und streng durchnummerierten Arbeiten von Randi Samsonsen, die Textildesign in Kolding studiert hat und gleichfalls wieder in T\u00f3rshavn vor Ort ist: Man wei\u00df nicht, sind es Tiere, vielleicht schlicht Wesen, vielleicht auch einfach nur abstrakte Formen, die da an den W\u00e4nden h\u00e4ngen, von der Decke baumeln oder sich \u00fcber die Treppenstufen ausbreiten \u2013 gestrickt, geh\u00e4kelt, gen\u00e4ht. \u201eSobald wir auf der Welt sind, sind wir in Schafwolle geh\u00fcllt, sp\u00fcren wir diese Wolle in den Fingern, also arbeite ich mit Baumwolle\u201c, erz\u00e4hlt sie vom Dasein der F\u00e4ringer. Und bezieht sich zum einem auf die Schafswolle als jahrhundertelang zentrales Material f\u00fcr jegliche Kleidung wie als Exportschlager und damit einer der Urstoffe der F\u00e4r\u00f6er, der entsprechend mythisch aufgeladen ist. Ihr geht es folglich um eine Hinterfragung des alleinigen Nutzen-Denkens, des Diktat des Eindeutigen \u2013 weshalb es in kleinen, kompakten und strengen Gesellschaften die flirrige Kunst lange immer so schwer hat.<br> <\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Entdeckung sind Einblicke in das Werk von Ingi Joensen, der in der Hauptstadt eine Werbeagentur betreibt, k\u00fcnstlerisch aber als Fotograf unterwegs ist. Seine Aufnahmen greifen immer wieder das Monumentale der verstreut kargen Inseln im oft tosenden Nordmeer auf, zugleich setzt er immer wieder kleine St\u00f6relemente ins Geschehen und erinnert so daran, dass \u201aLandschaft\u2018 immer auch eine gedankliche Konstruktion ist. <br> Beeindruckend ist aber vor allem seine letzte Fotoarbeit \u201e\u00cc Kerinum 40\u201c, was \u00fcbersetzt \u201akleine Gasse, Hausnummer 40\u2018 hei\u00dft. Hier lebten seine Schwiegereltern, hier wuchs folglich seine Frau auf; hier war er oft genug willkommener Gast. Nachdem die Schwiegereltern verstorben waren und es daran ging, deren Haus auszur\u00e4umen, zog Joensen noch ein letztes Mal mit der Kamera durch die nun unbewohnten R\u00e4ume \u2013 und schaute sich zudem die hinterlassenen Fotoalben der Familie an. Manche Fotos stammten von ihm, andere von dem, der damals eben schnell zur Kamera griff. Und Joensen fotografierte die damaligen Motive erneut, so dass am Ende 30 Bildpaare entstanden: das Familienleben einst, heiter und mittendrinn, als w\u00fcrde es immer so weitergehen; das Leben heute, wo nun kein Leben mehr ist. Wo also eben noch sein Schwiegervater auf dem Sofa kurz ausruhte, liegt nun ein leeres Kopfkissen. Wo seine Frau einst verlegen als Teenager im unf\u00f6rmigen, damals vermutlich sehr schicken gelben Kleid auf den Eingangsstufen steht, schauen uns die leeren Treppenstufen an. Entstanden ist so eine formal stringente Arbeit, die eben deswegen umso eindringlicher fragt, was bleibt, wenn wir gegangen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Flensburger H\u00e4user hoffen, dass ihr Vorsto\u00df das Publikum lockt und das auch in der Kunstszene sich ein Interesse an f\u00e4ringischer Kunst entwickelt, sind doch die K\u00fcnstler der Inseln umgekehrt auf Austausch angewiesen: \u201eWir sind so wenige, und wir kennen uns untereinander so gut, da ist frische, offene Kritik von au\u00dfen sehr hilfreich\u201c, sagt etwa Randi Samsonsen. <br>Michael Fuhr jedenfalls ist immer noch schwer beeindruckt von seinen Eindr\u00fccken vor Ort: \u201eIn jedem Haus und in den \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden sowieso haben wir echte Kunst an den W\u00e4nden h\u00e4ngen sehen.\u201c Davon k\u00f6nne man sich doch hierzulande eine Scheibe abschneiden. Auch von der Achtung, die man den K\u00fcnstlern entgegenbr\u00e4chte: \u201eKurz vor der Er\u00f6ffnung wurde im f\u00e4ringischen Radio auf die Flensburger Ausstellung hingewiesen, und es wurden dabei alle K\u00fcnstler und alle K\u00fcnstlerinnen einzeln erw\u00e4hnt, die daran teilnehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Ausstellungen \u201eDer wirklich echte Norden!\u201c auf dem Museumsberg und \u201eWellen. Warten. Wiederkehr.\u201c im Schifffahrtsmuseum sind bis zum 20. Oktober zu sehen.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Erschienen in der Taz Nord vom 5.Juli 2019.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schifffahrtsmuseum Flensburg und das Kunstmuseum Museumsberg pr\u00e4sentieren das erste Mal in Deutschland zeitgen\u00f6ssische Kunst von den F\u00e4r\u00f6er. Foto: Ingi Joensen Kurz bevor auf den F\u00e4r\u00f6er der Sommer beginnt, wird im Kunstmuseum der Hauptstadt T\u00f3rshavn ein Bild abgeh\u00e4ngt. 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