{"id":182,"date":"2019-07-05T15:47:23","date_gmt":"2019-07-05T13:47:23","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=182"},"modified":"2024-06-02T13:37:56","modified_gmt":"2024-06-02T11:37:56","slug":"im-trippelschritt-durch-die-tristesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=182","title":{"rendered":"Im Trippelschritt durch die Tristesse"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die&nbsp;Kieler Stadtgalerie zeigt neue finnische\nKunst. Dabei beeindrucken vor allem&nbsp;die&nbsp;dokumentarisch angelegten\nFotoserien<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foto: Marja Helander<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">VON&nbsp;FRANK KEIL<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es beginnt beklemmend, und wer sich f\u00fcr aktuelle \u2013 um nicht zu sagen:\u00a0junge\u00a0\u2013 Kunst aus Finnland interessiert,\u00a0den\u00a0hat es in\u00a0den\u00a0vergangenen Jahren immer wieder in\u00a0die\u00a0Kieler Stadtgalerie verschlagen. Nun ist erneut eine Art Sammelausstellung zu sehen,\u00a0die\u00a0vom Titel her\u00a0den\u00a0Bogen zwischen poetischer Offenlegung und fast soziologischer Bestandsaufnahme zu spannen sucht: \u201eAn\u00a0der\u00a0Nordkante.\u00a0Der Mensch in\u00a0der\u00a0finnischen Gegenwartskunst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine Ausstellung,&nbsp;die&nbsp;sich langsam,\naber sicher warml\u00e4uft. Wer anfangs vielleicht etwas unentschlossen und\nverhalten auf&nbsp;der&nbsp;Suche nach einem verbindenden Faden durch&nbsp;die R\u00e4ume\nschlurft, wird erleben, wie er nach und nach von wachsender Begeisterung\ngepackt wird \u2013 so viel sei jedenfalls versprochen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den&nbsp;Anfang macht zun\u00e4chst&nbsp;die&nbsp;etwas\nspr\u00f6de Arbeit \u201epro and contra\u201c von Halinen Kaisaleena,&nbsp;die&nbsp;uns einen\nraumf\u00fcllenden, halbhohen Holzkasten mitten in&nbsp;den&nbsp;Weg gestellt hat.\nDarauf drapiert: K\u00f6pfe. K\u00f6pfe wie abgeschlagen, K\u00f6pfe aus Beton gegossen. Aber\nzugleich sind diese Betonk\u00f6pfigen wie von wollenem Stoff \u00fcberzogen. Man denkt\nan Ski- oder Motorradmasken, denkt schnell weiter an Sturmhauben, wie sie\nweltweit von Spezialkr\u00e4ften \u00fcber&nbsp;das&nbsp;jeweilige Gesicht gezogen\nwerden, mal im Guten, mal im B\u00f6sen,\ndient&nbsp;das&nbsp;Nicht-erkannt-werden-Wollen doch Schutzsuchen und Schrecken\nverbreiten gleicherma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Raum weiter dann seltsame Selbstinszenierungen:\ngro\u00dfformatige Fotos&nbsp;der Fotografin Aino Kannisto,&nbsp;diesich in\nverschiedene Zust\u00e4nde&nbsp;des&nbsp;Wartens begeben hat \u2013 am Fenster stehend,\nim See zwischen Schilf wartend, im Bett neben&nbsp;dem&nbsp;schlafenden\nS\u00e4ugling liegend. Und eine eigene Melancholie nimmt sich ihren\nRaum,&nbsp;die&nbsp;Zeit braucht, entdeckt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend umgekehrt&nbsp;der Maler Sami Lukkarinen\nFotovorlagen meist von Selfies so weit vergr\u00f6\u00dfert und vergr\u00f6bert hat,\ndass&nbsp;die&nbsp;von ihm hingetupften Punkte und Flecken erst dann wieder\nKonkretes entstehen lassen, wenn man genau hinschaut \u2013 vor allem aber, wenn man\ngenug Abstand gewahrt hat und ein paar Schritte zur\u00fccktritt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch&nbsp;die&nbsp;dokumentarisch angelegten\nFotografien von Vesa Ranta gefallen,&nbsp;der&nbsp;in fast aufgegebenen D\u00f6rfern&nbsp;deren\nletzte, oft \u00e4ltere Bewohner aufgesucht hat, um sie in ihrem abgeschiedenen\nLebensalltag abzubilden;&nbsp;der&nbsp;dort aber auch auf Neuank\u00f6mmlinge stie\u00df,\nauf Zuwanderer, auf gro\u00dfstadtm\u00fcde K\u00fcnstler. Platz ist ja: 140.000 verlassene\nH\u00e4user sollen im l\u00e4ndlichen Finnland herumstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch&nbsp;die&nbsp;eigentlichen Sensationen sind\nFotografien wie&nbsp;die&nbsp;von Nelli Palom\u00e4ki, von&nbsp;der&nbsp;erstmals\nArbeiten in Deutschland zu sehen sind. Sie hat Geschwister fotografiert, oft\npaarweise:&nbsp;j\u00fcngerer&nbsp;Bruder mit \u00e4lterem Bruder,&nbsp;j\u00fcngere&nbsp;und\n\u00e4ltere Schwester,&nbsp;die&nbsp;beiden \u00e4lteren Geschwister mit&nbsp;der jungen,\nnachgekommenen Schwester,&nbsp;die&nbsp;sich stolz erhebt,\nw\u00e4hrend&nbsp;die&nbsp;\u00c4lteren konzentriert auf&nbsp;dem&nbsp;Boden hocken. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn nicht in spielerischer, am Ende fl\u00fcchtiger Aktion\nsind&nbsp;die&nbsp;Kinder bis Heranwachsenden zu sehen, sondern in\neindringlichen und zugleich leicht verfremdeten Portr\u00e4t-Positionen: Sie halten\nsich ihre K\u00f6pfe, sie erheben&nbsp;die H\u00e4nde \u00fcbereinander, als verst\u00e4rke ein\nEnergiefeld ihre Verbundenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich ist diese Welt eine fast streng schwarz-wei\u00dfe,&nbsp;die Arbeiten erhalten so durch&nbsp;die Kombination von eindringlicher Gestik und grafischer Schlichtheit etwas Grunds\u00e4tzliches, dass sich gegen&nbsp;den&nbsp;st\u00e4ndigen Bilderflusses via Instagram &amp; Co zu stemmen sucht. Und man ist froh, dass man mal wieder Menschenbilder betrachten kann,&nbsp;die&nbsp;standhalten,&nbsp;die&nbsp;stark sind,&nbsp;die&nbsp;auch zur\u00fcckschauen,&nbsp;die&nbsp;sich nicht selbst wie auf&nbsp;dem Tablet wegwischen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br> Und dann geht man endlich&nbsp;der&nbsp;hypnotischen Musik nach,&nbsp;die&nbsp;seit Langem aus&nbsp;der&nbsp;Ferne zu h\u00f6ren ist; schl\u00fcpft hinter&nbsp;den Vorhang eines Filmkabinetts und steht nun vor&nbsp;der Videoarbeit \u201eBirds in the earth\/Eatnanvulos Lottit\u201c von Marja Helander: Zwei Ballettt\u00e4nzerinnen,&nbsp;jung&nbsp;und grazil, Zwillingsschwestern \u00fcbrigens, Birit und Katja Haarla, tanzen sich in meist z\u00fcchtiger, wei\u00dfer Ballettkleidung vom baumlosen Norden Lapplands aus s\u00fcdw\u00e4rts; wechseln zuweilen in&nbsp;die&nbsp;traditionelle und farbensatte Tracht&nbsp;der Ethnie&nbsp;der&nbsp;Samen, zu&nbsp;der&nbsp;sie wie&nbsp;die&nbsp;K\u00fcnstlerin selbst geh\u00f6ren. Tanzen entlang trister Einfallstra\u00dfen, tanzen an einem Waldsee vorbei, kreuzen ein Holzh\u00e4userdorf mit integriertem Souvenir-Shop, erbaut f\u00fcr leichtgl\u00e4ubige Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das klingt vielleicht etwas kitschig, nach illustrativer, schnell gemachter Zivilisationskritik. Doch dem ist nicht so: Das Artifizielle der strengen Trippelschritte kombiniert mit der Eindringlichkeit der mal offenen, mal bebauten Landschaft \u2013 und die Tanzreise der beiden vom Norden Lapplands bis vor die Stufen des Parlaments in Helsinki gewinnt beim Anschauen mit jeder Station an Kraft, an St\u00e4rke und beweist auch einen anhaltend subtilen Humor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die&nbsp;Musikst\u00fccke, mit&nbsp;denen diese Reise\ngest\u00fctzt und eben nicht schn\u00f6de nur untermalt werden, stammen von&nbsp;den beiden\nMusikern Wimme Saari und Tapani Rinne.&nbsp;Die konfrontieren seit 15\nJahren&nbsp;die traditionelle Musik&nbsp;des&nbsp;Joiks ihrer samischen Heimat\nmit Trip-Hop, Elektronica und auch Jazz. Und man sitzt da und schaut und h\u00f6rt\nnoch mal zu, wie&nbsp;die&nbsp;beiden T\u00e4nzerinnen sich auf ihren so eigenen Weg\nmachen, wie sie zwischen Land und Stadt, zwischen F\u00fclle und \u00d6dnis switchen und\nniemals stehen bleiben dabei, so also geht es entlang&nbsp;der&nbsp;Nordkante\nauch zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis 26. Mai, Stadtgalerie Kiel<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erschienen in der Taz Nord am 12.4.19<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die&nbsp;Kieler Stadtgalerie zeigt neue finnische Kunst. Dabei beeindrucken vor allem&nbsp;die&nbsp;dokumentarisch angelegten Fotoserien Foto: Marja Helander VON&nbsp;FRANK KEIL Es beginnt beklemmend, und wer sich f\u00fcr aktuelle \u2013 um nicht zu sagen:\u00a0junge\u00a0\u2013 Kunst aus Finnland interessiert,\u00a0den\u00a0hat es in\u00a0den\u00a0vergangenen Jahren immer wieder in\u00a0die\u00a0Kieler Stadtgalerie verschlagen. 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