{"id":170,"date":"2019-03-27T15:18:54","date_gmt":"2019-03-27T13:18:54","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=170"},"modified":"2024-06-02T13:38:25","modified_gmt":"2024-06-02T11:38:25","slug":"die-zentrale-des-terrors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=170","title":{"rendered":"Die Zentrale des Terrors"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Gedenkort \u201eStadthaus\u201c in Hamburg ist eine Blamage. Im Stuttgarter \u201eHotel Silber\u201c ist zu sehen, wie es h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Gr\u00fcnderzeithaus der Stuttgarter Innenstadt, nur ein paar Minuten Fu\u00dfweg vom Bahnhof entfernt. In der Dorotheenstra\u00dfe Nummer 10 steht das ehemalige \u201eHotel Silber\u201c, das ab 1933 Zentrale der Politischen Polizei Stuttgarts und ab 1936 Leitstelle der Gestapo war. Seit dem vergangenen Dezember beherbergt es einen <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.geschichtsort-hotel-silber.de\/\" target=\"_blank\">Erinnerungsort<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Parallelen zu Hamburg sind deutlich:\nAuch dort befindet sich der fr\u00fchere Sitz von Gestapo, Kripo und\nSicherheitsdienst, das \u201eStadthaus\u201c, in bester Innenstadtlage. In Stuttgart war\ngeplant, das geschichtstr\u00e4chtige Geb\u00e4ude rigoros abzurei\u00dfen und etwas Neues zu\nbauen; in Hamburg sollte komplett umgebaut werden. In beiden St\u00e4dten sollte\nirgendwo inmitten des anvisierten baulichen Neubeginns eine Art kleinerer\nGedenk- und Informationsort entstehen. Nur gibt es einen entscheidenden\nUnterschied: In Stuttgart ist schlie\u00dflich das Projekt einer informativen wie\nw\u00fcrdigen Erinnerungsst\u00e4tte \u00fcberzeugend gelungen. In Hamburg ist man nach\nderzeitigem Stand krachend gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort beginnt die neuere Geschichte des\nStadthauses, das die neuen Eigent\u00fcmer unter dem werbischen Namen Stadth\u00f6fe\nvermarkten, als der damalige CDU-Senat 2009 das Geb\u00e4ude f\u00fcr 54 Millionen Euro\nan den Immobilien-Entwickler Quantum verkauft. Der wandelt das Geb\u00e4ude um,\nschickt es auf. Heute ist ein hochpreisiges Hotel eingezogen, dazu gesellen\nsich Gastronomie und exquisiter Einzelhandel, Glas und Stahl bestimmen die\nSzenerie.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs waren im Erdgeschoss 700\nQuadratmeter f\u00fcr einen Informations- und Gedenkort eingeplant und auch vertraglich\nmit der Stadt vereinbart. Doch nun l\u00e4dt auf der vorgesehenen Fl\u00e4che ein Caf\u00e9\nzum Verweilen ein, eine Buchhandlung zum B\u00fccherkaufen. Wer etwas \u00fcber die\nHistorie des Ortes erfahren m\u00f6chte, findet sich auf lediglich 70 Quadratmetern\nAusstellungsfl\u00e4che wieder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jeder Text und jede Beschriftung ist in Stuttgart mit der B\u00fcrgerinitiative diskutiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei den dort pr\u00e4sentierten Materialien\nund Dokumenten handelt es sich mitnichten um die geplante Dauerausstellung zur\nNS-Geschichte des Stadthauses. Denn obwohl seit 2009 feststand, dass es diese\nAusstellung geben soll, wurde bei der Er\u00f6ffnung neun Jahre sp\u00e4ter lediglich\neine Art Best-of einer Ausstellung \u00fcber die NS-Geschichte der Hamburger Polizei\naus dem Jahr 2012 pr\u00e4sentiert. Eine eigens auf den Raum zugeschnittene\nDauerausstellung werde derzeit unter der Regie der KZ-Gedenkst\u00e4tte Neuengamme\nerarbeitet, hei\u00dft es aus der zust\u00e4ndigen Hamburger Kulturbeh\u00f6rde. Zu sehen sein\nsollte sie zun\u00e4chst im Sommer 2019, nun soll es der Herbst werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hat man in Stuttgart ganz anders\ngehandelt, auch wenn es kein leichter Weg dorthin war: \u201eAuch bei uns hatte das\nLand als Eigent\u00fcmer des Geb\u00e4udes mit dem Kaufhaus Breuningen einen Partner mit\neigenen Inte\u00adressen\u201c, beginnt Friedemann Rincke zu erz\u00e4hlen, einer der beiden\nKuratoren der Dauerausstellung im Hotel Silber. \u201eDas ist ja auch nicht\nverwerflich. Aber dagegen hat sich Widerstand formiert und es hat ein anderes\nEnde genommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rincke war vorher in der Gedenkst\u00e4tte\nBuchenwald und im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst t\u00e4tig. Als er nach\nStuttgart kam, sei der Stand folgender gewesen, erinnert er sich: \u201eHier\nentsteht ein Quader mit einem Einkaufszentrum und weiteren Verkaufsfl\u00e4chen.\u201c\nBudgetiert war, wie in Hamburg, dass im Rahmen des Neubaus ein Informationsort\neingerichtet werden sollte: \u201eWas mit Polizei und Nationalsozialismus,\nkonzeptionell war das noch sehr unausgereift\u201c, sagt Rincke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Emp\u00f6rung pr\u00e4gte die Stadt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es folgte Stuttgart 21, Protest und\nEmp\u00f6rung pr\u00e4gten die Stadt. Die B\u00fcrger, die sich zuvor in der \u201eInitiative Hotel\nSilber\u201c zusammengeschlossen hatten, um den Ort zu retten, lie\u00dfen nicht locker:\nMit Demonstrationen und Unterschriftenlisten, mit Eingaben und Flash-Mobs\nsorgten sie f\u00fcr anhaltende Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich die Landtagswahl 2011 mit\ndem \u00fcberraschenden Ergebnis, dass sich an der Seite des Gr\u00fcnen\nMinisterpr\u00e4sidenten Wilfried Kretschmann die SPD als Juniorpartner in der\nLandesregierung wiederfand. Das sollte das Projekt \u201eHotel Silber\u201c befl\u00fcgeln,\nf\u00fcr das die SPD im Wahlkampf geworben hatte. \u201eEs war die Landes-SPD, die das\nHotel Silber zu ihrem Herzensprojekt gemacht hat,\u201c, sagt Rincke. Dessen\nRealisierung lie\u00df sie nun in den Koalitionsvertrag eintragen: \u201eUnd damit war\nder Erhalt des Geb\u00e4udes politisch abgesegnet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgte eine l\u00e4ngere Planungsphase,\nimmer unter dem kritischen Blick der B\u00fcrgerinitiative: \u201eEs gab anfangs alle\nVarianten \u2013 von \u201awir brauchen das ganze Haus\u2018 bis \u201aeine Etage muss reichen\u2018\u201c,\nso Rincke. Am Ende musste er eine schmerzliche K\u00fcrzung hinnehmen: \u201eWir hatten\ngedacht, dass wir die Dauerausstellung auf zwei Stockwerken pr\u00e4sentieren\nk\u00f6nnen, das mussten wir halbieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr als eine Dauerausstellung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So ist es nun eine Gesamtfl\u00e4che von\n1.400 Quadratmetern mit 330 Quadratmetern reiner Dauerausstellungsfl\u00e4che\ngeworden. \u201eF\u00fcr mich ist das knapp an der kritischen Masse, wo man es noch\nvern\u00fcnftig machen kann\u201c, sagt Rincke. Wo man einen thematischen roten Faden\nspinnen k\u00f6nne, der halte; wo man keine allzu gro\u00dfen zeitlichen Spr\u00fcnge machen\nund nicht zu viele Themen weglassen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Viereinhalb Millionen Euro wurden in die\nSanierung des Geb\u00e4udes investiert; in den Innenausbau und die Gestaltung der\nStuttgarter Dauerausstellung flossen drei Millionen Euro. J\u00e4hrlich steht der\nEinrichtung ein Etat in H\u00f6he von 560.000 Euro zur Verf\u00fcgung. \u201eEr sichert uns\nein vern\u00fcnftiges \u00dcberleben, auch wenn wir keine allzu gro\u00dfen Spr\u00fcnge machen\nk\u00f6nnen\u201c, sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin kann das Haus mehr bieten als\nnur seine Dauerausstellung: 270 Quadratmeter sind f\u00fcr Wechselausstellungen\nvorgesehen; zur Verf\u00fcgung stehen au\u00dferdem zwei Seminarr\u00e4ume und mit dem 125\nQuadratmeter gro\u00dfen ausgestalteten Foyer ein Veranstaltungsraum.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anderer Umgang mit Akteuren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein vergleichbares Angebot sollen im\nHamburger Stadthaus \u00fcbrigens die schon erw\u00e4hnten 70 Quadratmeter reichen: f\u00fcr\n\u201eAusstellung, Seminare, Veranstaltungen, Inszenierungen, Dokumentationen\u201c, so\nlistet es eine Senatsdrucksache auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich anders ist in Stuttgart\nauch der Umgang mit Akteuren au\u00dferhalb der Stadtverwaltung. Die wollte man in\nHamburg zun\u00e4chst au\u00dfen vor lassen, auch wenn etwa die Hamburger Geschichts\u00adinitiativen\nsich fr\u00fchzeitig bei der verantwortlichen Kulturbeh\u00f6rde nach dem Stand der\nKonzeption erkundigt und ihre Mitarbeit angeboten hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als durchsickerte, wie sich die\nAusstellungsfl\u00e4che immer weiter verkleinerte, als der Projektentwickler Quantum\ndie Oberlichter zum Keller mit den ehemaligen Gef\u00e4ngniszellen mit flotten\nSpr\u00fcchen wie \u201eKopp hoch, Ch\u00e9rie\u201c verzierte und nicht nur Angeh\u00f6rige von hier\nmisshandelten NS-Opfern vor den Kopf stie\u00df, als sich die Geschichtsinitiativen\nund Vertreter der Angeh\u00f6rigen-Verb\u00e4nde ehemaliger NS-Verfolgter zur&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.foerderkreis-stadthaus.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eInitiative Lernort Stadthaus\u201c<\/a>zusammenschlossen\n\u2013 als also schlicht immer mehr \u00c4rger in der Luft lag, wurde ein\nwissenschaftlicher Beirat eingerichtet. Der hat aber lediglich beratende\nFunktion; die Hamburger Kulturbeh\u00f6rde kann ihn anh\u00f6ren, er hat aber nichts\nmitzuentscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lohnendes Aufeinanderzugehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Stuttgarter Hotel Silber sitzt man\ndagegen l\u00e4ngst an einem Tisch. \u201eEs war schnell klar, dass die B\u00fcrgerinitiative\nmit im Boot bleibt und auch akzeptiert wird und nicht nach und nach weggedr\u00e4ngt\nwird\u201c, sagt Friedemann Rincke.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Bereitschaft der Stadt zur\nBeteiligung und das Aufeinanderzugehen beider Seiten habe sich gelohnt: \u201eDie\nBeteiligung der B\u00fcrgerinitiative, in welchen Gremien sie sitzt, welches\nStimmrecht sie dort jeweils hat, aber auch ihre Pflichten wurden am Ende\nvertraglich geregelt\u201c, so Rincke. Er betont mit einigem Stolz in der Stimme:\n\u201eAlles, was Sie heute hier sehen, jeder Text und jede Beschriftung ist mit der\nInitiative diskutiert.\u201c Er holt tief Luft und sagt: \u201eWirklich jeder Satz!\u201c\nGewiss, das sei m\u00fchsam gewesen \u2013 je mehr Beteiligte zusammens\u00e4\u00dfen, desto mehr\nMeinungen und Einsch\u00e4tzungen gebe es.<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00e4ngt an im Eingangsbereich, wo\nanhand nur weniger Exponate pointiert die Nachkriegsgeschichte des Geb\u00e4udes\nerz\u00e4hlt wird \u2013 etwa mit einem Foto der Fassade, auf dem in den Nachkriegsjahren\ndie Hakenkreuzfahnen lieber wegretuschiert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Perfektes Unterdr\u00fcckungshandwerk<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gezeigt wird aber vor allem, wie\nstringent im Hotel Silber die Gestapo und auch die Kripo l\u00fcckenlos ihr\nUnterdr\u00fcckungshandwerk perfektionierten; wie aus den n\u00fcchternen Amtsstuben\nheraus politische Gegner erst \u00fcberwacht, dann eingesch\u00fcchtert und schlie\u00dflich\nverfolgt wurden; wie die Deportation der Stuttgarter Juden und der Roma und\nSinti organisiert wurde; wie man Zwangsarbeiter drangsalierte; wie noch in den\nletzten Kriegstagen im Hause Verbrechen ver\u00fcbt wurden oder wie die vor den\neinr\u00fcckenden Franzosen fliehenden Gestapobeamten sich zur Geheimorganisation\n\u201eElsa\u201c zusammenschlossen, die Verbindungen bis nach Hamburg kn\u00fcpfte \u2013 da\nschlie\u00dft sich der Kreis noch mal ganz anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt viel zu lesen und zu betrachten,\nOriginalexponate und Schautafeln ebenso wie auf Tablets. Dabei gelingt etwas\nAu\u00dferordentliches: Die Ausstellung zeigt so exemplarisch wie umfassend die\nGeschichte des Hauses; sie setzt auf viele Details und schafft es zugleich, den\nBlick auf das gro\u00dfe Ganze des NS-Regimes zu sch\u00e4rfen. Sie macht damit\n\u00fcberdeutlich, wie kolossal Hamburg an derselben Herausforderung gescheitert\nist.<\/p>\n\n\n\n<p>Foto: Frank Keil<\/p>\n\n\n\n<p>Erschienen: 5.2.2019 in der Taz Nord<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gedenkort \u201eStadthaus\u201c in Hamburg ist eine Blamage. Im Stuttgarter \u201eHotel Silber\u201c ist zu sehen, wie es h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Es ist ein Gr\u00fcnderzeithaus der Stuttgarter Innenstadt, nur ein paar Minuten Fu\u00dfweg vom Bahnhof entfernt. 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