{"id":161,"date":"2019-03-23T14:55:33","date_gmt":"2019-03-23T12:55:33","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=161"},"modified":"2022-03-23T16:44:18","modified_gmt":"2022-03-23T14:44:18","slug":"immer-wenn-ich-versuche-zu-perfekt-zu-sein-wird-mir-das-frueher-oder-spaeter-ein-bein-stellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=161","title":{"rendered":"\u201eImmer, wenn ich versuche zu perfekt zu sein, wird mir das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein Bein stellen.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von inneren Motiven, ein Studium lieber nicht zu beenden, von vor Prokrastination gefeiten Medizinstudenten und einer aufger\u00e4umten K\u00fcche \u2013 ein Gespr\u00e4ch mit Ronald Hoffmann, Leiter der \u201eZentrale Studienberatung und Psychologische Beratung\u201c der Universit\u00e4t Hamburg.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beitrag f\u00fcr das Prokrastinations-Heft des M\u00e4nnermagazins ERNST. Nummer 1\/2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Foto: Frank Keil<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn man \u00fcber Prokrastination\nspricht, was ist das gr\u00f6\u00dfte Missverst\u00e4ndnis?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei\ngro\u00dfe Missverst\u00e4ndnisse: das ist etwas ganz Schlimmes. Und: Prokrastinierer\nsind faul. Beides stimmt nicht. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Sondern?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Prokrastinieren\ntun wir alle. Jeder von uns kennt Zeiten des Prokrastinierens, weil es etwas\nsehr Menschliches ist. Und das mit dem faul-sein stimmt nicht, weil die Zeit\ndes Prokrastinierens sehr konstruktiv gef\u00fcllt wird \u2013 nur nicht mit dem, was man\neigentlich tuen sollte. Aber das hei\u00dft nicht, dass man nichts tut. Man ist\nhochgradig aktiv und macht in der Regel sehr sinnvolle Dinge. Man sollte sehr\ngenau schauen, wenn man \u00fcber Prokrastinieren spricht \u2013 und bedenken, dass es\nerstmal ein sehr allt\u00e4glicher Vorgang ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>Ab wann wird es kritisch?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es wird\nkritisch, wenn man entweder anf\u00e4ngt selber darunter zu leiden. Also: Ich\nbemerke immer wieder, dass ich bestimmte Aufgaben nicht erledigt bekomme. Oder\nwenn es anf\u00e4ngt einem selbst zu schaden. Ganz schlicht: Wenn man das Bezahlen\neiner Rechnung prokrastiniert, einfach weil man es aufschiebt und nicht, weil\nman gerade kein Geld hat, und muss dann Mahngeb\u00fchren bezahlen, dann richtet es\nsich gegen einen selbst. Wenn man &#8211; ich greife jetzt ein bisschen vor \u2013 die\nAbgabe einer wichtigen Arbeit w\u00e4hrend des Studiums prokrastiniert, dann kann\nman \u2013 und das tun wir hier in unserer Arbeit \u2013 durchaus hinterfragen, ob das\nvielleicht einen nicht unmittelbar zug\u00e4nglichen Sinn erf\u00fcllt f\u00fcr die Person,\ndie das tut. Also: Gibt es vielleicht verborgene Motive, warum das Studium gar\nnicht beendet werden will? Und ist es also vielleicht sogar \u00e4u\u00dferst sinnvoll,\nin der inneren Logik einer Person, ein Studium gerade jetzt nicht zu beenden?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Da treffen dann zwei Welten\naufeinander: die Universit\u00e4t, die einen zeitlich klaren Abschluss einfordert\nund eine Person, die ganz wo anders ist? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nUniversit\u00e4t sagt: Bitte m\u00f6glichst schnell, m\u00f6glichst erfolgreich und m\u00f6glichst\ngl\u00fccklich ein Studium absolvieren. Das ist etwas, was wir unterst\u00fctzen: Wir\nwollen, dass die Studierenden ihr Studium m\u00f6glichst z\u00fcgig beenden und dabei\nm\u00f6glichst zufrieden und gl\u00fccklich das Studium auch durchlaufen k\u00f6nnen. Es kann\nnun innere Motive eines Studierenden geben, die einem von au\u00dfen gar nicht\nzug\u00e4nglich sind \u2013 das wird dann Teil einer Beratung oder eventuell einer\nTherapie, die wir hier allerdings nicht machen, da verweisen wir dann an\nentsprechende Stellen. Also: Es kann Motive geben das Studium nicht zu beenden,\ndie in der eigenen Person ihren Sinn machen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was k\u00f6nnte das f\u00fcr ein Motiv sein?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Klassisches\nBeispiel: Ich bin der erste aus einer Familie, der eine\nHochschulzugangsberechtigung hat. Und ich bin der erste, der ein Studium\nbeginnt. Alle anderen in der Familie haben das nicht. Dann bedeutet unter\nUmst\u00e4nden das Ende des Studiums die Besiegelung einer noch gr\u00f6\u00dferen Grenze\nzwischen mir und meiner Familie. Das kann in einem jungen Menschen durchaus\neine Besorgtheit ausl\u00f6sen; eine Angst, dann nicht mehr Teil dieser Familie zu\nsein. Weil man nun offensichtlich so anders ist, als die anderen. In der\nRealit\u00e4t wird das meistens nicht passieren: Die meisten Familien sind pur stolz,\nwenn der erste das Studium beendet und auch noch gut durchgekommen ist. Aber\ndiese innere Sorge kann ein Motiv sein, dass ich, ohne dass es ich es mir\nbewusst mache, erst mal einiges daf\u00fcr tue, dass ich das Studium nicht beende.\nUnd noch ein bisschen bleibe \u2013 in diesem \u201aarmer Student-Status\u2018. Bevor ich dann\ndoch in eine Firma einsteige und dort \u2013 denn so ist das Studium angelegt \u2013 eine\nLeitungsfunktion \u00fcbernehme und dann einer von denen werde, \u00fcber die man zuhause\nbei Tisch lacht und \u00fcber die immer geschimpft wurde. Wie sitze ich denn nun am\nTisch?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Familien senden ja oft\nDoppelbotschaften aus \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201aSuper,\nmach\u2018 alles, dass du erfolgreich bist \u2013 aber entferne dich auf keinen Fall zu\nweit aus der Familie\u2018. Das ist \u2013 etwas anderes Thema \u2013 ein ganz typisches\nMigrationsthema. \u201aWir m\u00f6chten, dass du hier ganz erfolgreich bist, aber werde\nbitte nicht zu deutsch\u2018. Das sind Auftr\u00e4ge, die die Kinder bekommen, die sie\ngar nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen, weil sie sich widersprechen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie beraten nun, das hei\u00dft: Sie\nsondieren erst mal die Lage?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen\nEinzel- und Gruppenberatung. F\u00fcr das Thema \u201aProkrastination\u2018 haben wir eine\nGruppe, die sehr regelm\u00e4\u00dfig l\u00e4uft. Sie nennt sich ADA: anfangen \u2013 dranbleiben \u2013\nabhaken. Dabei spielt der soziale Kontrollaspekt einer Gruppe durchaus eine\nRolle, weil man sich regelm\u00e4\u00dfig trifft und sich auch berichtet, wie der eigene\nStand im Hinblick auf die Fortschritte bei der Studienleistung ist. In der\nEinzelberatung bieten wir bis zu f\u00fcnf, sechs Termine an \u2013 und die sind in der\nRegel daf\u00fcr da, einmal zu schauen, woran liegt es. Also: Wenn wir im Gespr\u00e4ch\nauf die Spur kommen, hier gibt es unbewusste Anteile des Prokrastinierens, dann\nw\u00fcrden wir weiterverweisen in Richtung einer Therapie. In der Regel reichen\ndiese Termine.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gibt es sozusagen unterschiedliche\nSchweregrade beim Prokrastinieren? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nProkrastinieren h\u00e4ngt es davon ab, ob es eine sehr einge\u00fcbte Haltung ist, die\nsich vielleicht schon seit l\u00e4ngerem durchs Leben zieht und sich verfestigt hat;\noder ist es die erste Hausarbeit, die Schwierigkeiten bereitet oder ist es eine\nbesonders schwierige Hausarbeit, vielleicht in einem Nebenfach, das auch nicht\nmein Hauptinteresse hat. Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr das Prokrastinieren sind: \u201aIch finde\nes langweilig, es interessiert mich nicht\u2018, und dann ist es schon schwierig mit\nso einer Arbeit anzufangen. Oder es ist so kompliziert, so neu, da habe ich gar\nkeinen Faden, an dem ich mal ziehen kann, so dass ich wei\u00df, was ich \u00fcberhaupt\ntuen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gibt es H\u00e4ufungen? Trifft es eher junge\nM\u00e4nner als junge Frauen? Gibt es eine soziale Gewichtung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nbeobachte so etwas nicht. Das ist eine gef\u00fchlte Statistik: Es ist etwas, was\nwir alle tuen. Es gibt sicherlich unterschiedliche Lerntypen. Ich wei\u00df nicht,\nob ich mich jetzt zu weit aus dem Fenster lehne \u2013 aber ich schaue mal auf die\nMedizinstudierenden. Die sind in der Regel sehr leistungsf\u00e4hige Sch\u00fcler und\nSch\u00fclerinnen gewesen; die einen Lernstil f\u00fcr sich entwickelt haben, mit dem sie\nsehr erfolgreich sind. Die Wissen punktgenau abrufen k\u00f6nnen, um entsprechend\ngute Leistungen in der Schule zu erbringen, damit ein gutes Abitur und dann\neinen Medizinstudienplatz erreicht haben. Die schreiben nun keine Hausarbeiten\nim klassischen Sinne, die schreiben Klausuren, die haben Testate \u2013 und m\u00fcssen\nunglaublich viel lernen. Da entspricht sozusagen die Pr\u00fcfungsform auch sehr\ngenau der Struktur der Person, die in dieses Studium hereinkommen. Ich m\u00fcsste\njetzt nachgucken, aber ich glaube, ich habe noch nie einen Medizinstudierenden\nberaten, der sagte: \u201aEigentlich m\u00fcsste ich lernen, aber ich fange nicht an\u2018.\nDas machen die einfach \u2013 die lernen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie erf\u00fcllen also die Grundbedingung gut\ndurch so ein Studium zu kommen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Richtig.\nMein Lieblings-Studi-Witz lautet: Ein Philosophie-Student, ein Jura-Student und\nein Medizin-Student bekommen die Aufgabe das Telefonbuch auswendig zu lernen. Der\nPhilosophie-Student fragt: \u201aWarum soll ich das tun?\u2018, der Jura-Student fragt,\nob das denn pr\u00fcfungsrelevant ist, und der Medizin-Student fragt: \u201aBis wann?\u2018. Ansonsten\nw\u00fcrde ich keinen Studiengang ausmachen, wo ich sagen w\u00fcrde: Die sind davor\ngefeit, zu prokrastinieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie ist das bei kreativen\nStudienf\u00e4chern?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir bedienen\nja auch die Kunsthochschulen, auch da habe ich keine Anmeldungen im Kopf. Wobei\nes hier eher um kreative Blockaden gehen k\u00f6nnte, die die Studierenden belasten;\ndas Gef\u00fchl, nicht im Fluss zu sein, es geht weniger um das prokrastinieren,\nweil Kunststudierende ja viel mehr als Studierende in den Natur- oder\nWirtschaftswissenschaften aufgefordert sind, Dinge aus sich heraus zu\nentwickeln. An den sonstigen Universit\u00e4ten wird ja wissenschaftliche Methodik\nund Denken vermittelt, das ist also auch eine Art Handwerk, das man erlernt. Was\nmir einf\u00e4llt: Ich hatte einmal einen jungen Mann aus der Musikhochschule, der\nsich hier hinsetzte und die Beratung begann mit dem Satz \u201aIch liebe meine\nGitarre nicht mehr. Und sie liebt mich auch nicht\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Okay \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier ging es\nnicht um die Prokrastination des \u00dcbens, sondern: \u201aIch bin mit meinem auch\nemotionalen Erleben meines Spiels auf dem Instrument nicht mehr im reinen\u2018. Da\nging es eher um eine Sinnkrise: Ist das wirklich sinnvoll, was mache ich mit\nGitarre, immer diese Wettbewerbe, zu denen ich geschickt werde \u2013 es ging um\ndiesen Druck, st\u00e4ndig produzieren zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Bei Literaten gibt es ja den fast\ngepflegten Begriff der Schreibhemmung \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne\ndas aus meiner Diplom-Arbeit: Ich wohnte damals in einer WG, die K\u00fcche war nie\nso aufger\u00e4umt, wie in der Zeit, als ich meine Arbeit schreiben musste. Ich habe\ngekocht, und ich habe eingekauft, ich habe gem\u00e4\u00df dem Klischee prokrastiniert.\nIch habe die Arbeit dann trotzdem in der Zeit geschafft, am Ende. Aber \u2013 das\nhat ein bisschen gedauert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich prokrastiniere, was hilft jetzt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es hilft\nsich klarzumachen, dass man es tut. Und es hilft auch sich klarzumachen, warum\ntue ich es. Es k\u00f6nnen Motive sein, die wir eingangs besprochen haben, in der\nRegel sind das aber eher Motive wie \u201aich habe keine Lust\u2018 oder \u201aich finde es\nlangweilig\u2018 oder \u201aes \u00fcberfordert mich\u2018. Ich bin vielleicht m\u00fcde, ich bin\nablenkbar, ich habe grad ganz andere Sorgen \u2013 vielleicht habe ich mich gerade\nvon meiner Freundin oder meinem Freund getrennt. Also: sich selbst\nklarzumachen, was los ist. Und dass \u2013 und das machen wir hier \u2013 mit jemanden\nbesprechen, der das ein St\u00fcck weit moderiert: \u201aWas geht in mir vor, wenn ich\nprokrastiniere?\u2018 In der Hoffnung, dass wir herauskriegen, was k\u00f6nnte der\nHintergrund sein. Und wenn ich da eine Idee habe, w\u00e4re das der erste\nAnkn\u00fcpfungspunkt einen Plan zu machen, der aber die H\u00fcrde, die gerade f\u00fcr mich\nda ist, mit einbezieht. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Was k\u00f6nnte das f\u00fcr eine H\u00fcrde sein?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich\nfeststelle, ich bin oft m\u00fcde \u2013 dann m\u00fcsste ich schauen, ob ich denn in meinem\nTagesablauf die idealen Zeiten einplane. Gehe ich rechtzeitig ins Bett, stehe\nich entsprechend auf? Habe ich die richtigen Zeiten f\u00fcr meinen individuellen\nBio-Rhythmus gew\u00e4hlt, um gut arbeiten zu k\u00f6nnen? Ganz viele Menschen nehmen\nsich vor \u201aich setze mich morgens hin und lege los\u2018, aber erst mal checken sie\nnoch schnell ihre Mails. Das ist in der Regel falsch. In der Regel sollte man\nsich in intensiven Arbeitsphasen morgens hinsetzen und anfangen zu arbeiten.\nMails lesen und die&nbsp; Sozialen Medien\nabklappern und Spiegel-Online lesen, das kann man sehr gut nach der\nMittagspause tuen, wenn bei ganz vielen Menschen der Bio-Rhythmus in den Keller\ngeht, denn daf\u00fcr brauche ich nicht die volle Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und dann sitze ich da \u2013 und irgendwas\nkommt dazwischen \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich\nsage, \u201aich werde immer abgelenkt\u2018, kann ich schauen, ob es vielleicht bessere\nOrte zum Arbeiten gibt, etwa eine Bibliothek. Etwa, wenn jemand in einer WG\nwohnt, einem Studentenwohnheim \u2013 da ist immer was los. Oder das Handy macht\nimmer \u201aPling!\u2018, das ist relativ verbreitet. Dann wirklich auf die Idee zu\nkommen, ich tue das Handy in einen anderen Raum oder ich schalte es mal ganz\naus, zwischendurch, darauf kommen \u00fcberraschenderweise die wenigsten. Also: Man\nkann eine individuelle Strategie entwickeln, wenn man eine Idee bekommt, woran\nes liegt. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Brauche ich vielleicht eine eigene\nHaltung f\u00fcr die Zeit, wo ich sehr konzentriert etwas Unaufschiebbares erledigen\nmuss?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss\nmich von dem Gedanken verabschieden, dass Pr\u00fcfungszeiten angenehm sind. Dass\nich also entspannt und immer l\u00e4chelnd eine Master- oder Bachelor-Arbeit\nschreibe \u2013 das ist nicht so. Das sind Zeiten, die in der Regel belastend sind;\ndie stressig sind. Da sollte ich mir keine Illusionen machen, dass es da einen\nKniff gibt und wenn ich den nur rauskriege, dann ist das alles ein einziger\nSpaziergang. Ist es nicht, wird es in der Regel auch nicht. Also: realistisch\nbleiben in den Anforderungen an sich selbst und nicht \u201aich muss immer\nlocker-flockig bleiben\u2018. Oder \u00e4hnlich fatal: \u201aIch muss acht Stunden am Tag\nproduktiv sein\u2018 \u2013 das kann ich nicht, das schafft keiner. So kommen wir mit\nStudierenden ins Gespr\u00e4ch: dass sie freie Tage einplanen. Oder dass ich einen\nTag, an dem ich viel schaffen wollte, aber nichts geschafft habe, diesen nicht\nals eine gro\u00dfe Niederlage bewerte, sondern eher einkalkuliere, dass ich einen\nTag nicht offensichtlich produktiv war, aber trotzdem etwas passiert ist.\nSolche Tage sind Teil eines Prozesses \u2013 wenn ich dann am n\u00e4chsten Tag wieder\neinsteige!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie ist es, wenn man zu hohe\nErwartungen an sich selbst hat?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich\nnicht verstehe, dass eine Hausarbeit in einem Fach eine \u00dcbung ist, eine \u00dcbung\nf\u00fcr mich, wo ich wissenschaftliches Arbeiten \u00fcberhaupt erlerne, sondern wenn\nich denke, ich muss in meiner dritten Hausarbeit etwas schreiben, dass in zehn\nJahren den Nobelpreis bekommen wird, dann habe ich ein Problem, dann\nfunktioniert das nicht. Ich hatte hier mal jemanden \u2013 auch weil ich vorhin\nsagte: \u201aDann mache ich einen Plan\u2018 \u2013 der hatte seine ganze Zeit damit\nzugebracht, den perfekten Plan zu entwickeln. Er ist \u00fcber das Planen nicht in\ndas Arbeiten gekommen. Mit anderen Worten: Immer, wenn ich versuche zu perfekt\nzu sein, wird mir das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein Bein stellen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Au\u00dfer dem Interview mit Ihnen wird es\nein Gespr\u00e4ch mit der Publizistin Kathrin Passig geben, die daf\u00fcr pl\u00e4diert, mehr\nMut zu haben \u201ahalbfertig\u2018 zu sein \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja! Mut zur L\u00fccke!\nGanz richtig. Was ich so spannend an dem Thema finde: dass es uns alles\nbetrifft! Stellen Sie sich in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis jemanden vor,\nder nie prokrastiniert; der jede Arbeit sofort und absolut erledigt. Das w\u00e4re \u2013\nrelativ schwierig. Da bleibt wenig Raum f\u00fcr Spontanit\u00e4t, f\u00fcr Kreativit\u00e4t. F\u00fcr \u2013\nwie Freud sagte \u2013 l\u00e4ppisch sein. Denn, das wissen Sie ja \u2013 die Arbeit endet\nnie. Ich habe immer eine Liste auf dem Schreibtisch liegen, mit Dingen, die ich\nnoch erledigen muss. Wenn ich hier erst rausgehen w\u00fcrde, wenn ich alles\nabgearbeitet habe \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u2026 w\u00fcrden Sie hier nie rauskommen \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und das\nw\u00e4re auch ein unvollst\u00e4ndiges Leben. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Zum Abschluss: Ich bin auf dem Weg\nhierher an einer Werbetafel vorbeigekommen, auf der stand \u201aFr\u00fcher hatte ich\nElan, heute habe ich Wlan\u2018. Wie weit f\u00f6rdern die Neuen Medien eine\nAblenkungskultur?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df es\nnicht genau. Es gibt Studien, die herausgefunden haben wollen, dass die\nAufmerksamkeitsspanne junger Menschen drastischer zur\u00fcckgegangen ist. Es gibt\nim Zusammenhang mit Computersucht das Thema einer direkten\nBed\u00fcrfnisbefriedigung \u2013 weil ich auf meine Aktion sofort eine Reaktion erfahre.\nDas ist nat\u00fcrlich etwas, was in krassem Widerspruch steht zu einer\nwissenschaftlichen Hausarbeit. Denn da sitze ich \u00fcber mehrere Tage, wenn nicht\nWochen, ohne dass ich irgendein Feedback bekomme. Das ist in den Sozialen\nMedien krass anders: Da poste ich etwas und kann, wenn ich witzig bin und gut\nschreiben kann, im Minutentakt Likes sammeln und ablesen. Eine Hausarbeit ist\ndagegen sehr zeitverz\u00f6gert \u2013 insofern spielt das sicherlich eine Rolle.\nGleichzeitig tue ich mich immer schwer mit der These, die Sozialen Medien\nbringen das gro\u00dfe Ungl\u00fcck \u00fcber uns. Ich mache die Erfahrung, die Mehrheit der\nStudierenden k\u00f6nnen die Risiken, aber auch Chancen der Neuen Medien durchaus\neinordnen und damit umgehen. Von daher wei\u00df ich auch nicht, ob Prokrastination\n\u2013 wie oft behauptet wird \u2013 heute zugenommen hat. Wenn ich mir meine K\u00fcche aus\nden 1980er-Jahren anschaue, also da haben wir damals auf \u00e4hnliche Weise die\nDinge vor uns hergeschoben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von inneren Motiven, ein Studium lieber nicht zu beenden, von vor Prokrastination gefeiten Medizinstudenten und einer aufger\u00e4umten K\u00fcche \u2013 ein Gespr\u00e4ch mit Ronald Hoffmann, Leiter der \u201eZentrale Studienberatung und Psychologische Beratung\u201c der Universit\u00e4t Hamburg. Ein Beitrag f\u00fcr das Prokrastinations-Heft des M\u00e4nnermagazins ERNST. Nummer 1\/2019. 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