{"id":154,"date":"2019-03-23T14:42:52","date_gmt":"2019-03-23T12:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=154"},"modified":"2024-06-02T13:38:47","modified_gmt":"2024-06-02T11:38:47","slug":"lyrik-macht-die-welt-kostbarer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=154","title":{"rendered":"\u201eLyrik macht die Welt kostbarer\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit \u201eEinvernehmlicher Sex\u201c hat Dagrun Hintze einen fulminanten Gedichtband geschrieben. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Altern und Sch\u00e4den an der Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>taz:\nFrau Hintze, wie schafft man es, einen so wunderbaren Lyrik-Band zu schreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dagrun Hintze:<\/strong>&nbsp;Oha,\nwas sage ich jetzt dazu! Also: Ich denke, dass die meisten Menschen, wenn sie\nanfangen zu schreiben, mit Lyrik beginnen. Die meisten von uns haben vermutlich\nirgendwelche schlimmen Pubert\u00e4tsgedichte, wo sie sich das Herz herausgerissen\nhaben, im Giftschrank liegen. Lyrik ist die urspr\u00fcnglichste Form, \u00fcber die\nMenschen sich schriftlich \u00e4u\u00dfern, wenn sie eine literarische Form suchen \u2013 und\ndas war bei mir auch so. Es gibt eine lange Geschichte mit mir und der Lyrik und\nwenn ich mein Selbstverst\u00e4ndnis beschreiben sollte, dann ist es das einer\nLyrikerin, wahrscheinlich sogar mehr als das einer Theatermacherin, die ich ja\nauch bin. Insofern bin ich da ganz bei mir selbst \u2013 wenn man so eine\nschreckliche Formulierung w\u00e4hlen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Was kann Lyrik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie kann den Moment festhalten, und sie\nkann ein Gef\u00fchl festhalten, das in diesem Moment das Absolute und auch das\n\u00dcberw\u00e4ltigende ist. Darin ist Lyrik unschlagbar. Sie geht manchmal auch sehr\ngeniale Verbindungen mit der Musik ein \u2013 in Form eines Textes f\u00fcr einen Song.\nUnd sie kann das Alltagsleben erh\u00f6hen; Lyrik macht die Welt ein bisschen\nkostbarer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr Ihre Gedichte muss man nicht Goethe\ngelesen haben oder mindestens Ingeborg Bachmann. Man denkt: Hey, was da\nbeschrieben wird, das kenne ich \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war auch die Idee. Als ich mit Lyrik\nanfing, habe ich schon an diesem hohen Ton herumprobiert \u2013 das finde ich auch\nlegitim. Ich habe nur irgendwann gemerkt, dass mir pers\u00f6nlich diese\nLyriklesungen auf die Nerven gehen, wo alle anderthalb Minuten abgesetzt und\numgebl\u00e4ttert und ein Schluck Wasser getrunken wird. Ich suche eine gewisse\nSelbstverst\u00e4ndlichkeit in der Literatur. Lyriker wie Charles Bukowski haben\nmich immer sehr fasziniert, die auch mal aus dem dreckigen Alltag kommen. Wobei\ndie Alltagssituation \u00fcberh\u00f6ht werden muss, sie muss zur Metapher werden. Auf\ndem Weg dahin produziert man eine Menge Ausschuss, weil nicht alles, was man\ngerade f\u00fchlt oder erlebt, auf dem Papier am Ende standh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beim Titel Ihres Buches \u2013\n\u201eEinvernehmlicher Sex\u201c \u2013 musste ich sofort an die #MeToo-Debatte denken \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte eigentlich einen\nfeuilletoneskeren Titel im Kopf, aber dann hat einer meiner Verleger den Titel\nmal in die Runde geworfen, weil eines der Gedichte so hei\u00dft. Wir haben uns erst\nmal erschrocken, und ich sagte: \u201eAuf gar keinen Fall!\u201c Das war mir viel zu\nknallig, viel zu kaperig. Aber dann hat sich der Titel irgendwie verhakt \u2013 bei\nuns allen. Der Gedichtband ist nicht im Zusammenhang mit der #MeToo-Debatte\nentstanden, aber wir erleben da schon eine weibliche Erz\u00e4hlerin, die sich sehr\nklar in jeder Situation behauptet und souver\u00e4n bleibt. Von daher finde ich es\ngar nicht so verkehrt, die Texte auch in diesem Kontext zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ihre Heldin ist knapp unter der Lebensmitte.\nDas Leben war bisher gut \u2013 aber die Frage ist: Was kommt? Liege ich mit der\nLesart richtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es wird in der Tat eine Art Res\u00fcmee\ngezogen: Die erste H\u00e4lfte hat sie mit Anstand und W\u00fcrde bew\u00e4ltigt. Aber wie\njetzt \u00c4lter-werden geht, ob am Ende das Anlachen gegen den Tod funktioniert,\nwas ich tats\u00e4chlich als einziges Mittel sehe, das uns zur Verf\u00fcgung steht? Wird\nes noch mal lustig? Oder eher nicht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie schreiben \u201eAuf der Mitte des Lebens\nkann Liebe\/verdammt beunruhigend sein.\u201c Liebe ist schon ein Thema, oder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was Lyrik angeht, ist das jetzt nicht so\n\u00fcberraschend, w\u00fcrde ich sagen. In meinen Gedichten geht um verschiedene Formen\nvon Liebe, um tiefe Freundschaft, Verbundenheit, Verbindlichkeit. Und um die\nKollision einer Lebensform, die man gefunden hat und die gut ist, mit den\nAngriffen von au\u00dfen, vom Leben selbst. Das Tolle an meiner Erz\u00e4hlerin ist, dass\nsie das zul\u00e4sst. Ich glaube, in jedem von uns steckt der Wunsch nach Sicherheit\nund Verl\u00e4sslichkeit, aber auch die Sehnsucht nach Abenteuer, nach Neuem, nach:\nalles Umkrempeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie privat sind Ihre Gedichte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sagen wir es so: Ich breite mein Leben\nnicht in Form von Gedichten aus; das ist auch nicht das, was mich interessiert.\nAber die Erfahrungen, von denen ich schreibe, sind echt \u2013 ob sie von mir stammen\noder ob ich sie irgendwo aufgeschnappt habe, ist unwichtig. Was gilt: Ich kann\nmir sehr schlecht Sachen ausdenken. Und hege eine gro\u00dfe Skepsis gegen\u00fcber der\nFiktion. Deswegen k\u00f6nnte ich nicht \u00fcber etwas schreiben, das mir nicht in\nirgendeiner Form ins Leben gepoltert w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noch mal ein Zitat: \u201eWer tags\u00fcber\nServicetexte f\u00fcrs Internet schreibt\/ zu dem kommt abends kein Gedicht.\u201c \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja \u2013 das ist so. Ich mag diese Zeilen\nsehr, weil sie geradezu manifesthaft etwas \u00fcber k\u00fcnstlerische Produktion\naussagen. Ich zum Beispiel bin jetzt seit 20 Jahren in Hamburg und seit 20\nJahren selbstst\u00e4ndig. Es w\u00e4re eine romantische Vorstellung, man k\u00e4me 20 Jahre\ndurch so einen Beruf, ohne f\u00fcr Geld auch irgendwelchen Mist machen zu m\u00fcssen.\nIch habe alles M\u00f6gliche gemacht, f\u00fcr Werbeagenturen getextet, unter Pseudonym\nf\u00fcr die Yellow Press geschrieben \u2013 einfach um mein Leben zu bestreiten.\nTrotzdem bleibt immer die Frage: Wie sehr besch\u00e4digt man seine eigene Sprache,\nwie h\u00e4lt man es mit der Unkorrumpierbarkeit, die man haben muss als K\u00fcnstlerin?\nIch finde es grunds\u00e4tzlich gut, wenn K\u00fcnstlerInnen Realit\u00e4tskontakt haben, wenn\nsie wissen, wie eine Werbeagentur von innen aussieht und wie sie funktioniert \u2013\ngleichzeitig hat das seinen Preis. Worauf l\u00e4sst man sich da ein? Wo verbiegt man\nsich? Und was hat das f\u00fcr eine R\u00fcckwirkung auf das eigene Schreiben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind auf vielen Feldern unterwegs:\nLyrik und Theater, Sie schreiben \u00fcber bildende Kunst und \u00fcber Fu\u00dfball. Gibt es\netwas, was der Kern ihres Interesses an der Welt ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin schon sehr Neugier-getrieben. Da\nkommt mir das dokumentarische Theater, f\u00fcr das ich meistens arbeite, nat\u00fcrlich\nsehr entgegen. Weil es mich bei der Recherche immer wieder in Welten f\u00fchrt, die\nich sonst nie betreten h\u00e4tte. Au\u00dferdem sch\u00e4tze ich die Arbeit im Kollektiv, im\nst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Austausch mit Leuten, die einem zwischendrin nat\u00fcrlich\nauch wahnsinnig auf die Nerven gehen. Die Existenz der Lyrikerin ist eine\nv\u00f6llig andere. Die sitzt allein am Schreibtisch und versucht, Erfahrungen, die\nsie drau\u00dfen in der Welt gemacht hat, zu verdichten. Ich glaube, ich brauche\nbeide Zust\u00e4nde. Gerade habe ich eine Phase, wo ich bis Mai nur am Schreibtisch\nsitzen kann, wahnsinnig angenehm. Andererseits: Ich bin schnell anfixbar. Es\nmuss nur eine Handballweltmeisterschaft laufen \u2013 und ich fange an, mich daf\u00fcr\nzu interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lassen Sie uns \u00fcber L\u00fcbeck reden; diese\nentschleunigte, angenehme, kleine Stadt \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ach \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich merke schon \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Hinwenden zu einer kleineren Stadt\nkenne ich nat\u00fcrlich, weil einem das Gro\u00dfstadtget\u00f6se immer mehr die Luft nimmt.\nAlso: Ich bin gerne in L\u00fcbeck aufgewachsen, ziemlich b\u00fcrgerlich, war auf einem\nder Altstadt-Gymnasien, mein Schulweg f\u00fchrte jeden Tag an der Marien-Kirche\nvorbei. Ich habe das immer als Privileg empfunden, jeden Tag mit Sch\u00f6nheit und\nTradition konfrontiert zu sein. Das war schon alles okay: Theater-Abo,\nKlavierunterricht, Thomas Mann lesen. Aber gleichzeitig habe ich mir sehr hart\nerarbeiten m\u00fcssen, was Gegenwartskultur ist. Daf\u00fcr habe ich eigentlich das\nganze Studium gebraucht. Und das laste ich auch dieser Stadt ein bisschen an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber nach dem Studium sind Sie zur\u00fcck\nans L\u00fcbecker Theater gegangen. Wie war das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da lebte man raumschiffartig. Wir waren\nalle jung und wollten ganz viel vom Theater, da hat man die Stadt drumherum gar\nnicht so wahrgenommen. Wenn ich heute dort bin, r\u00fchrt mich das schon an, diese\nwahnsinnig sch\u00f6nen Kirchen, die Altstadt-Insel. Gleichzeitig wirkt die Stadt\nauf mich ganz sch\u00f6n marzipanisiert, \u00fcbersaniert, zu sehr als Kulisse f\u00fcr\nTouristen gedacht wie so viele St\u00e4dte. Da kann einem dann auch mal eng ums Herz\nwerden. Trotzdem verstehe ich die Kleinstadtsehnsucht, die gerade grassiert,\ngut: Ich war jetzt schon zwei Mal in Aalen auf der Schw\u00e4bischen Alb, um da\nTheater zu machen, eine wirklich kleine Stadt; wahrscheinlich w\u00fcrde man es dort\nkeine zwei Monate aushalten und die Flucht ergreifen, wenn man dort wohnen\nm\u00fcsste. Aber diese Kultur, Samstag ist Markt und dann geht man einen Kaffee\ntrinken und trifft alle Leute, die man kennt, das hat schon was; das sind\nwichtige Rituale f\u00fcr eine Stadtgesellschaft, das h\u00e4lt den Laden zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p> <br>Foto: Miguel Ferraz <\/p>\n\n\n\n<p>Erschienen am 12.2.19 in der Taz Nord.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit \u201eEinvernehmlicher Sex\u201c hat Dagrun Hintze einen fulminanten Gedichtband geschrieben. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Altern und Sch\u00e4den an der Sprache. taz: Frau Hintze, wie schafft man es, einen so wunderbaren Lyrik-Band zu schreiben? 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