{"id":117,"date":"2014-10-28T22:52:48","date_gmt":"2014-10-28T20:52:48","guid":{"rendered":"http:\/\/keilbuero.de\/?p=117"},"modified":"2019-04-19T15:20:26","modified_gmt":"2019-04-19T13:20:26","slug":"annas-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keilbuero.de\/?p=117","title":{"rendered":"Annas Welt"},"content":{"rendered":"<p><i>Selja Ahava: \u201eDer Tag, an dem ein Wal durch London schwamm\u201c. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Buch, Hamburg; 224 Seiten, 20 Euro<\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">I.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Man kann es sich ganz einfach machen und jetzt schreiben: \u201eDer Roman \u201aDer Tag, an dem ein Wal durch London schwamm\u201c von Selja Ahava erz\u00e4hlt von der Alzheimererkrankung einer gewissen Anna, die am Ende ihres Lebens angekommen in einem Altenheim wohnt und dort von Gott in Str\u00fcmpfen besucht wird, der mit ihr einen letzten Spaziergang unternimmt\u201c. Damit w\u00fcrde sich dieses Buch m\u00fchelos einreihen lassen in eine Flut anderer Romane, in denen deren Protagonisten an Alzheimer erkranken \u2013 zum Schrecken und Erschrecken ihrer Zeitgenossen, also auch uns. Denn wenn es etwas gibt, das uns derzeit so sehr in Panik und eben Schrecken versetzt, dann die Vorstellung, all dass, was wir ein Leben lang an Informationen, Erfahrungen und Eindr\u00fccken sammeln und f\u00fcr das wir mittlerweile eine hochtechnologische Speicherindustrie entwickelt haben, k\u00f6nnte sich am Ende in ein Wirrwarr von letzten, immer br\u00fcchiger werdenden Gedanken und dann Halbs\u00e4tze und dann voneinander isoliert dastehenden Worten aufl\u00f6sen. Download fehlgeschlagen, sozusagen. Festplatte \u2013 leider leer. Keine Daten mehr lesbar; wirklich nicht. Und daf\u00fcr haben wir all diesen Aufwand betrieben? Haben uns st\u00e4ndig geschult und gelernt und gelernt, damit wir auch das n\u00e4chst neue Medium beherrschen, w\u00e4hrend fr\u00fcher (ach, ja, fr\u00fcher) ein Fotoalbum reichte, ein Diakasten, ein Stapel zusammengebundener Briefe und vielleicht das gute alte Tagebuch.<\/span><\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Anna ist in dieser Zeit aufgewachsen. Anna liebt die Worte, die Bedeutungen, die sie aussprechen; sie sch\u00e4tzt die Beobachtungen in der Natur, sie mag es durch den Wald zu wandern, auch im so genannten hohen Alter noch \u2013 wo sie im Wald eine tote Frau entdeckt, erfroren sei sie, wie sie der Polizistin berichten kann, die so ihre Zweifel hat, dass eine wie Anna noch alle ihre sieben Sinne zusammen hat, dabei hat sich Anna eines fest vorgenommen: \u201eVerr\u00fcckt will ich nicht werden.\u201c So lernen wir Anna kennen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Anna ist nicht alleine auf der Welt. Anna hat lange Antti. Mit ihm teilt sie die Liebe und auch die Liebe f\u00fcr die Worte und die genauen Formulierungen, auch die Beobachtungen, denn Antti, der Filmemacher, der gr\u00fcndliche, schaut in das Leben anderer Leben, wenn sie ihn lassen. Wie Iwan, das Wolfskind, das sprechen lernen wird, sprechen wie Antti und Anna, denn der Mensch will mit anderen Menschen sprechen, wenn er ihnen begegnet und dann unter ihnen sein will. Aber dann ist Antti tot. Ist nicht mehr da, ist weg, kommt nicht mehr wieder, auch n\u00e4chstes Jahr nicht, das verstreicht, ohne dass Anna etwas dagegen unternehmen kann, ein erstes Jahr ohne Antti, dem weitere folgen. Wie soll man das aushalten \u2013 und wie soll Anna das aushalten, die sich so auf ein langes, ein langj\u00e4hriges Leben mit Antti gefreut hat, zusammen mit Kindern, ihren Kindern und Anttis Kindern, denn das ist mit der Sinn von Anna und Antti, dass etwas von ihnen bleibt, sp\u00e4ter einmal. Aber nun ist da Anttis Stimme, die vertraut ist und vertraut klingt und die Anna Halt gibt und die macht, dass es nun zwei Welten gibt: da, wo Anna wohnt, auf einer Insel und wo Antti fehlt und eine, wo Anttis Stimme spricht, mit Anna. Kann man es ihr ver\u00fcbeln, dass sie in der einen Welt lieber lebt als in der anderen?<\/span><\/span><\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Und dann ist da Thomas, sp\u00e4ter. Thomas aus London; Thomas der Engl\u00e4nder. Denn Anna will noch einmal neu anfangen und wird noch einmal neu anfangen mit dem Leben, will sich nicht geschlagen geben und Thomas ist ein echter Halt in diesem neuen, durchaus aufregenden Leben, in einer Wohnung in einer Stra\u00dfe, die High Street hei\u00dft, neben den Wohnungen anderer Paare, mit und ohne Kinder. Dort will Anna gl\u00fccklich werden und ist auch gl\u00fccklich \u2013 wenigstens am Anfang. Aber dann geht Anna spazieren, geht hinaus in die Welt und etwas passiert, dass Anna nicht erkl\u00e4ren wird k\u00f6nnen, nicht logisch ableiten kann sie es \u2013 nur wird sich Thomas wundern, dass er Anna im Kleiderschrank wiederfindet, wo Annas Kinder an der Kleiderstange h\u00e4ngen, und sie hei\u00dfen: Ahti Joonas, Piia Pampula, Kerttu Kirsikka, Eino Oskari, Liina-Liina und Viu-Viu nicht zu vergessen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Vier Stunden hockt Anna im Kleiderschrank. Nicht alleine, sondern eben mit ihren Kindern. Was Thomas nicht so recht versteht, aber muss man alles verstehen? Und das Leben geht weiter, Weihnachten kommt, die Feiertage, die vorbeiziehen werden, wie sie immer vorbeiziehen und wo die alten Lieder gesungen werden und Anna wird ein Lied singen, ein finnisches Lied, wie die Wichtelm\u00e4nnchen eben Weihnachten vorbereiten. 43 Jahre alt ist Anna da, zu sp\u00e4t ist es f\u00fcr Kinder, eigene Kinder und Antti f\u00e4llt ihr ein und die Insel, aus Granit, massiv und stark und unwiderlegbar und die B\u00e4ume stellen sich ihr entgegen und sprechen auf ganz eigene Weise zu ihr und Thomas fragt: \u201eSollte man wegen so etwas nicht zum Arzt gehen?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Meinetwegen kann man Selja Ahavas Roman \u201eDer Tag, an dem ein Wal durch London schwamm\u201c als einen Roman \u00fcber eine Alzheimererkrankung erst lesen und dann deuten. Das schadet ihm nicht. Andererseits verpasst man dann etwas: Man verpasst die vielen Zwischent\u00f6ne und noch mehr die Zwischenthemen, die in diesem Buch ausgelegt sind wie in einem wunderbar gekn\u00fcpften Netz, in dem es Spa\u00df macht sich zu verheddern. Denn dann merkt man von Seite zu Seite mehr, dass dieser Roman immer auch davon erz\u00e4hlt, dass sich unsere Lebenstr\u00e4ume auf ganz eigene Weise Bahn brechen, wenn wir dazu bereit sind, ihnen eine Stimme zu geben, sollte diese am Ende des Lebens auch versiegen. Und so k\u00e4mpft Anna nicht nur gegen das Vergessen, gegen das Versiegen der Worte, was vordergr\u00fcndig helfen mag, den Schmerz, den das Leben nun mal f\u00fcr uns bereit h\u00e4lt, vielleicht ein wenig besser zu ertragen. Sie beharrt auf ihre Erlebnisse, auf das, was f\u00fcr sie wahr ist und was geschehen ist, vielleicht; fr\u00fcher einmal. Anna schafft es so am Ende sich eine eigene Welt zu schaffen, die zun\u00e4chst ungewohnt und fremd f\u00fcr uns sein mag. Aber wenn wir ein bisschen aufmerksam sind, ein bisschen tr\u00e4umerisch veranlagt, dann k\u00f6nnen wir merken: Es ist wohnlich in ihr, es ist Platz auch f\u00fcr Antti und f\u00fcr ihre und Anttis sechs Kinder. Und wenn Gott kommt, ganz am Ende, dann wird es gut werden. Denn Gott hat nicht nur Zeit, Anna zuzuh\u00f6ren, was immer Anna auch Verwirrtes und Verwirrendes erst ihm und dann uns zu erz\u00e4hlen hat. Gott hat auch ein Ruderboot. Frisch geteert hat er es. Und so wird es w\u00e4hrend der langen \u00dcberfahrt, wohin auch immer, nicht leck schlagen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>Erschienen in &#8222;Jahrbuch f\u00fcr finnisch-deutsche Literaturbeziehungen 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selja Ahava: \u201eDer Tag, an dem ein Wal durch London schwamm\u201c. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Buch, Hamburg; 224 Seiten, 20 Euro I. 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