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Im Trippelschritt durch die Tristesse

Die Kieler Stadtgalerie zeigt neue finnische Kunst. Dabei beeindrucken vor allem die dokumentarisch angelegten Fotoserien

Foto: Marja Helander

VON FRANK KEIL

Es beginnt beklemmend, und wer sich für aktuelle – um nicht zu sagen: junge – Kunst aus Finnland interessiert, den hat es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Kieler Stadtgalerie verschlagen. Nun ist erneut eine Art Sammelausstellung zu sehen, die vom Titel her den Bogen zwischen poetischer Offenlegung und fast soziologischer Bestandsaufnahme zu spannen sucht: „An der Nordkante. Der Mensch in der finnischen Gegenwartskunst“.

Es ist eine Ausstellung, die sich langsam, aber sicher warmläuft. Wer anfangs vielleicht etwas unentschlossen und verhalten auf der Suche nach einem verbindenden Faden durch die Räume schlurft, wird erleben, wie er nach und nach von wachsender Begeisterung gepackt wird – so viel sei jedenfalls versprochen.

Den Anfang macht zunächst die etwas spröde Arbeit „pro and contra“ von Halinen Kaisaleena, die uns einen raumfüllenden, halbhohen Holzkasten mitten in den Weg gestellt hat. Darauf drapiert: Köpfe. Köpfe wie abgeschlagen, Köpfe aus Beton gegossen. Aber zugleich sind diese Betonköpfigen wie von wollenem Stoff überzogen. Man denkt an Ski- oder Motorradmasken, denkt schnell weiter an Sturmhauben, wie sie weltweit von Spezialkräften über das jeweilige Gesicht gezogen werden, mal im Guten, mal im Bösen, dient das Nicht-erkannt-werden-Wollen doch Schutzsuchen und Schrecken verbreiten gleichermaßen.

Ein Raum weiter dann seltsame Selbstinszenierungen: großformatige Fotos der Fotografin Aino Kannisto, diesich in verschiedene Zustände des Wartens begeben hat – am Fenster stehend, im See zwischen Schilf wartend, im Bett neben dem schlafenden Säugling liegend. Und eine eigene Melancholie nimmt sich ihren Raum, die Zeit braucht, entdeckt zu werden.

Während umgekehrt der Maler Sami Lukkarinen Fotovorlagen meist von Selfies so weit vergrößert und vergröbert hat, dass die von ihm hingetupften Punkte und Flecken erst dann wieder Konkretes entstehen lassen, wenn man genau hinschaut – vor allem aber, wenn man genug Abstand gewahrt hat und ein paar Schritte zurücktritt.

Auch die dokumentarisch angelegten Fotografien von Vesa Ranta gefallen, der in fast aufgegebenen Dörfern deren letzte, oft ältere Bewohner aufgesucht hat, um sie in ihrem abgeschiedenen Lebensalltag abzubilden; der dort aber auch auf Neuankömmlinge stieß, auf Zuwanderer, auf großstadtmüde Künstler. Platz ist ja: 140.000 verlassene Häuser sollen im ländlichen Finnland herumstehen.

Doch die eigentlichen Sensationen sind Fotografien wie die von Nelli Palomäki, von der erstmals Arbeiten in Deutschland zu sehen sind. Sie hat Geschwister fotografiert, oft paarweise: jüngerer Bruder mit älterem Bruder, jüngere und ältere Schwester, die beiden älteren Geschwister mit der jungen, nachgekommenen Schwester, die sich stolz erhebt, während die Älteren konzentriert auf dem Boden hocken.

Denn nicht in spielerischer, am Ende flüchtiger Aktion sind die Kinder bis Heranwachsenden zu sehen, sondern in eindringlichen und zugleich leicht verfremdeten Porträt-Positionen: Sie halten sich ihre Köpfe, sie erheben die Hände übereinander, als verstärke ein Energiefeld ihre Verbundenheit.

Zugleich ist diese Welt eine fast streng schwarz-weiße, die Arbeiten erhalten so durch die Kombination von eindringlicher Gestik und grafischer Schlichtheit etwas Grundsätzliches, dass sich gegen den ständigen Bilderflusses via Instagram & Co zu stemmen sucht. Und man ist froh, dass man mal wieder Menschenbilder betrachten kann, die standhalten, die stark sind, die auch zurückschauen, die sich nicht selbst wie auf dem Tablet wegwischen.


Und dann geht man endlich der hypnotischen Musik nach, die seit Langem aus der Ferne zu hören ist; schlüpft hinter den Vorhang eines Filmkabinetts und steht nun vor der Videoarbeit „Birds in the earth/Eatnanvulos Lottit“ von Marja Helander: Zwei Balletttänzerinnen, jung und grazil, Zwillingsschwestern übrigens, Birit und Katja Haarla, tanzen sich in meist züchtiger, weißer Ballettkleidung vom baumlosen Norden Lapplands aus südwärts; wechseln zuweilen in die traditionelle und farbensatte Tracht der Ethnie der Samen, zu der sie wie die Künstlerin selbst gehören. Tanzen entlang trister Einfallstraßen, tanzen an einem Waldsee vorbei, kreuzen ein Holzhäuserdorf mit integriertem Souvenir-Shop, erbaut für leichtgläubige Touristen.

Das klingt vielleicht etwas kitschig, nach illustrativer, schnell gemachter Zivilisationskritik. Doch dem ist nicht so: Das Artifizielle der strengen Trippelschritte kombiniert mit der Eindringlichkeit der mal offenen, mal bebauten Landschaft – und die Tanzreise der beiden vom Norden Lapplands bis vor die Stufen des Parlaments in Helsinki gewinnt beim Anschauen mit jeder Station an Kraft, an Stärke und beweist auch einen anhaltend subtilen Humor.

Die Musikstücke, mit denen diese Reise gestützt und eben nicht schnöde nur untermalt werden, stammen von den beiden Musikern Wimme Saari und Tapani Rinne. Die konfrontieren seit 15 Jahren die traditionelle Musik des Joiks ihrer samischen Heimat mit Trip-Hop, Elektronica und auch Jazz. Und man sitzt da und schaut und hört noch mal zu, wie die beiden Tänzerinnen sich auf ihren so eigenen Weg machen, wie sie zwischen Land und Stadt, zwischen Fülle und Ödnis switchen und niemals stehen bleiben dabei, so also geht es entlang der Nordkante auch zu.

Bis 26. Mai, Stadtgalerie Kiel

Erschienen in der Taz Nord am 12.4.19

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